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Die Welt · 1903-03-27 · 13 (27.3.1903) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
13 (27.3.1903)
Article
An unsere Glaubens- und Standesgenossen!
Date
1903-03-27
Page
8 (sequence 1)
Language
German
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Seite 8 wcir Nr. 13 An unsere Glaubei s- und SUndesgenossen! Ohne Phrase rufen wir unsere Volksgenossen zu einer Pflicht auf. Der jüdische Kranke ist der ärmste Kranke. Wer kennt die Gestalten des Elends nicht, die sich mit letzter Kraft zur Hofin ungsstätte geschleppt haben, wo der letzte Kampf um den Familienerhalter geführt wird? Gequälte Menschen, seufzen sie endlich drinnen in Schmerzen des Körpers, in Schmerzen, in Sorgen des Herzens. Und der Judenhass flieht selbst vor dieser Elendsstätte nicht. Wir helfen ihnen in ihrem Kummer. Diese Aermsten der Armen, wie erwarten sie die Stunde, in der sie ihr Leid klagen können ihren Glaubensschwestern, die kommen, um ihnen Trost zu bieten, und sind wir erst da, dann vergessen sie all ihr Leid, all ihre Klage, sich nur der Freude hingebend sich aussprechen zu können. Wenn wir sie wieder verlassen, mit innerer Befriedigung darüber, ihr Leid doch wenigstens für eine Stunde gelindert zu haben, dann müssen sie zehren an dieser Stunde bis zu unserer Wiederkehr. Wir richten nun an alle Juden vom Herzen die Bitte, uns für die Kranken gelesene Bücher, Zeitschriften, Broschüren, Jugend Schriften (auch Jargon), ferner ausser Verwendung stehende Wäsche und Kleidungsstücke jeder Art (vorwiegend für Erwachsene) schenken zu wollen. Die kleinste Gabe wird mit wärmstem Danke empfangen. Sendungen beliebe man zu richten an Fräulein Helene Haiberthai, IL, H a a s g a s s e 4. Hoffend, ja fest überzeugt, dass dieser Appell nicht ungehört verklingen wird, weil ihn Juden lesen, zeichnet für den „Mädchen- und Frauenverein Bikur Chaulim" Gisela Cohn IX/4, Sobieskygasse Nr. 14. Erster Wiener jüdischer Turnverein. Der Ausschluss der Juden aus den deutschen Turnvereinen hat sich im Verlaufe des letzten Jahrzehntes vollzogen. Die antisemitische Gesinnung der deutschen Turnerschaft war damit auch offiziell bekundet. Wir hielten es von jeher für unvereinbar mit unserer Anschauung über persönliche Ehre, als Juden einem Vereine oder Verbände anzugehören, der antisemitischen Tendenzen huldigt, auch wenn er Juden — aus durchsichtigen Gründen — etwa noch dulden wollte. Wir müssen es daher auch perhorreszieren, dass sich Turnvereine mit der Mehrheit nach jüdischen Mitgliedern den deutschen Turn verbänden trotz alles Vorgefallenen auch heute noch aufzudrängen versuchen. Die Selbstachtung muss uns vor solchem Tun bewahren. Sie hat uns den einzig richtigen Weg gezeigt: Die Gründung eines jüdischen Turnvereines. Wir wollen nicht demonstrieren und ni cht provozieren. Wir wollen eine Stätte haben, wo jeder Jude die gerade für die Juden so dringend notwendigen Leibesübungen pflegen kann — ohne Opfer des Intellekts und der Ehre! Nun veranstaltet der „Erste Wiener jüdische Turnverein'4 nach vierjährigem Bestände sein erstes grösseres Schauturnen. Jeder Jude, der den hohen Wert des Turnens, insbesondere für unser Volk, zu schätzen weiss, sei uns willkommener Gast! Programm: 1. Stabübungen; 2. Damenreigen; 3. allgemeines Riegenturnen; 4. Kürturnen am hohen Reck; Tanzkränzchen. Exekutiv-Komitee: Ehrenpräsident: Hermann König, Fabrikant, VIL, Seidengasse 28. D er Turnrat: jur. Dr. Ludwig W e rn er, Obmann, IL, Rueppgasse 37; Karl Plowitz, Obmann-Stellvertreter, VIL, Lindengasse 37; Rudolf P o Hak, Turnwart,XVI. Bez., Ottakringerstrasse 129; Dr. Max J e r u s a 1 e m, Turnwart, III., Fasangasse 27; Dr. Josef W e i n r e b, Schriftführer, IX., Aiserstrasse 4; Frl. Thilda Frankfurter, Schriftführerin, IX., Fuchsthallergasse 15; Hugo Spitzer, Kassier, VIL, Lindengasse la; Alexander K a t z, Kassier, VIL, Mariahilferstrasse 8; Ing.Isidor Löwenbein, Zeugwart, IX., Müllnergasse 3; Gustav L ö b 1, VI., Millerg. 42; Richard Politzer, IV., Grosse Neugasse 14; stud. ing. Emerich Löwy, IL, Untere Augartenstrasse 32. Korrespondenzen und Telegramme. Oesterreich-Ungarn. Wien. OHilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Gaiizien.) Es konstituierten sich folgende neue Ortsgruppen: Am 1. März d. J. „Ortsgruppe Friedek-Mistek." In den Vorstand wurden gewählt: Der Kultusvorsteher Herr H. Low als Obmann. Herr A. Reik als Ob mann-Stellvertreter, Herr L. Münster, Schriftführer, Herr S. Wechsler als Stellvertreter, Herr S. Tauber als Kassier und Herr J. Goldberg als Stellvertreter. Um die Bildung der Ortsgruppe haben fich rächst dem Kuliusvorsteher Herrn M. Low die Herren J. Steckl aus Bielitz und Herr Dr. J. Bergmann. Rabbiner in Friedek, verdient gemacht. An demselben Tage konstituierte sich auch die „O rtsgruppe Melnik". Zum Obmanne wurde Herr Rabbiner Dr. D. S t r a n s k y gewählt, zum Schriftführer Herr J, Stein, zu desen Stellvertreter Herr R. Kellner, zum Kassier Herr L. Fischer. Die Bildung dieser Ortsgruppe ist Herrn Dr. D. Stransky zu verdanken. Am 7. d. M. konstituierte pich die „Ortsgruppe Lobositz a. E.". Zum Obmanne wurde gewählt Herr G. Dubsky, zum Obmann-Stellvertreter Herr Rabbiner H. S aar, zum Schriftführer Herr O. Brumiik, zum Stellvertreter Herr Dr. Glässner, als Kassipr Herr R. Budlowsky und als Stellvertreter MDr. M. L ö w i t. Wien. („Hil fsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Gaiizien".) Am 11, d» M. fand die konstituierende Versammlung <ier „Ortsgruppe Smichow" bei Prag statt. In den Vorstand wurden gewählt: zum Obmann Hm* Richard Petschek, zum Obmann-Stellvertreter Herr Albert Hell er, zum Schriftführer Herr Gustav Fuchs, zum Schri ftführer-Stellvertreter, Herr Richard Kap per, zum Kassier Herr Ludwig E 1 i s a k, zum Kassier-Stellvertreter Herr M. Stefan sky. Die Ortsgruppe „Smichow" ist die 40. Ortsgruppe des Hilfsvereines. Ein sehr nachahmenswertes Beispiel haben die beiden Ortsgruppen „Bielitz" und „T r o p p a u" gegeben, indem sie zugunsten des Hilfsvereines Unterhaltungsabende veranstalteten. Die Ortsgruppe „Belitz" hat einen Reinertrag von Kr. 980.—, die Ortsgruppe „Tr o p p a uu einen solchen von Kr. 650.— an den Hilfsverein abführen können. Vielen Erwerbslosen kann der Hilfsverein durch einen so ansehnlichen Beitrag zu einem dauernden Arbeitseinkommen verhelfen. Wien. Seit voriger Woche weilt hier ein Vertrauensmann vieler jüdischer Handels-und Gewerbetreibender, der dem Reichsrate über einundeinhalbhundert Petitionen überreichen soll, die von vielen tausenden Unterschriften gefertigt sind. Es handelt sich um den Gesetzentwurf über die strenge Einhaltung der Sonntagsruhe, welcher, wenn er in seiner jetzigen Gestalt beschlossen werden sollte, für viele tausende strenggläubige jüdische Familien die Ver- ^nichtung ihrer Existenz bedeutet. Die asemitische Landes- ^gesetzgebung Galiziens, die ohnedies die Juden auf alle mögliche Weise schädigt, die vom Landesausschusse unterstützte Boykottierung der jüdischen Händler, die von den Pfarrern gebildeten christlichen Handelsgenossenschaften, die antisemitischen Innungen und die antisemitische Presse haben bereits tausende Existenzen ruiniert. Sollte der neue Gesetzentwurf in Kraft treten, so ist damit ein weiterer grosser Schritt zur totalen Verarmung des ohnedies bereits arg geschwächten jüdischen Handels- und Gewerbestandes getan. Hoffentlich wird die Petition nicht wieso viele andere in irgend einer Kommission auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Kolomea. Vor einigen Monaten wurde hier durch Anregung derZionisten von einer zahlreichen kaufmännischen Volksversammlung ein Komitee zum Zwecke der Einleitung einer energischen Aktion gegen das projektierte verschärfte Sonntagsruhe-Gesetz eingesetzt. Dieses hat nun veranlasst, dass fast in allen Städten Galiziens und der Bukowina Protest-Versammlungen abgehalten und Unterschriften für Petitionen an das Abgeordneten- und Herrenhaus gesammelt wurden. Vorige Woche schickte das Komitee eine Deputation^ bestehend aus drei Mitgliedern, nach Wien, um bei den Präsidenten beider Häuser, beim Ministerpräsidenten und eventuell bei Seiner Majestät vorzusprechen und die Bitte vorzulegen, dass man den armen orthodoxen jüdischen Kaufieuten Galiziens und der Bukowina, die am Sabbat die gesetzliche Bestimmung der sozialen Sonntagsruhe erfüllen, diesen Tag anrechne, da sie sonst in ihren Existenzen hart geschädigt würden.

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