Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 13 (27.3.1903)
- Article
- Der Kampf um die Emanzipation der jüdsichen Gemeinden in Elsass-Lothringen
- Date
- 1903-03-27
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seife 4 „Die # Welt" Nr. 13 Den ersten Versuch, die gesetzliche Grundlage der jetzigen Verhältnisse zu ändern, machte voriges Jahr der Gymnasialschuilehrer Dr. L e vy. Derselbe unterbreitete demLandesauaschusse ein Gesuch, in dem er die Einrichtung eines Oberkonsistoriums verlangte. Diesem Gesuche wurde keine Folge gegeben, weil, wie die Regierung erklärte, ein solches nicht von einer einzelnen Person, sondern von einem grösseren Teile der Bevölkerung auszugehen hätte. Diese Erklärung, die den Bewe's lieferte, dass die KonsistorialVerfassung kein Noli me tangere war, dass die Regierung keine grundsätzlichen Bedenken hätte, dieselben zu ändern, veranlasste Herrn Dr. Levy, im Verein mit vielen Gesinnungsgenossen, die weitgehendsten Modifikationen in der jüdischen Kultusverfassung anzustreben. Er stellte ein Programm auf, in dem die Emanzipation der Gemeinden verlangt wurde, ferner die Schaffung eines Konsistoriums, die Aufhebung der Bestimmung, nach der eine Anzahl Konsistorialmitglieder am Sitze des Konsistoriums zu wohnen habe; endlich wurde noch die Forderung erhoben , dass den Rabbinern in dem -neuzuschaffenden Oberkonsistorium, im Konsistorium und in der Gemeinde ein bestimmter Einfluss zugesichert werde« Um diesmal des Erfolges sicher zu sein, suchte Herr Dr. Le v y die jüdische Bevölkerung für seine Pläne zu gewinnen. Durch eine rege und zielbewusste Agitation erreichte er es, dass in Strassburg eine grosse Versammlung sich für dieselben aussprach und dass etwa 1300 Personen sein Gesuch unterschrieben. Die Konsistorien, die Morgenluft witterten, hielten es jetzt für notwendig, aus ihrer bisherigen Passivität herauszutreten. Es handelte sich hier für die Konsistorien der beiden nördlichen Bezirke darum, die Möglichkeit zu behalten, die Konzessionen? die sie schon gemacht, zu jeder Zeit zurücknehmen zu können, auf keinen Fall über dieselben hinauszugehen; im oberelsässischem Bezirk sollte das absolutistische Regiment, das dem Konsistorium ganz besonders zu gefallen schien, intakt erhalten werden. Der Verwaltungsapparat wurde in Bewegung gesetzt; derselbe arbeitete mit traditioneller Fixigkeit und bald war es erreicht dass ein Gesuch, in dem die Erhaltung des Status quo verlangt wurde, von einer Unmasse von Petenten unterschrieben wurde und dass die Strassburger Gemeinde, die 6 Monate vorher für das Levy'sche Programm eingetreten war, jetzt mit Sack und Pack in das offizielle Lager übertrat und in einer Versammlung gegen jede Modifikation des bestehenden Zustandes stimmte. Die Konsistorien waren sich jedoch wohl bewusst dass die Regierung sich nicht begnügen werde, auszurechnen wie viele Personen für und wie viele gegen die bestehende Organisation seien; sie traten deshalb mit ihr in Verbindung und gaben die Erklärung ab, auch sie seien für zeitgemässe Reformen, dieselben müssten jedoch ä t£te repos^e studiert werden; nach reiflicher Ueberlegung und eingehenden Studien sollten der vorgesetzten Behörde Vor^ schlage gemacht werden \ Eile tue jedoch nichtnot, da überall die denkbar beste Ordnung herrsche und auch die grösseien Gemeinden mit den jetzigen Zuständen zufrieden seien. Die Regierung, die sich mit dieser Antwort zufrieden gab, versprach nun, auf Grund von Vorschlägen der Konsistorien die jüdische Kultus Verfassung zu ändern. So wie die Sachlage war, war Grund zur Befürchtung vorhanden, dass die Emanzipation der Gemeinden, die den jüdischen Steuerzahler am meisten interessierte, ad calendas graecas verschoben würde. Es war möglich, dass die Agitation gegen die jetzigen Zustände ihren Kulminationspunkt überschritten hatte, dass die Energie, mit der die jüdische Bevölkerung Reformen verlangte, erschlaffte, dass also die Konsistorien gar keinen Grund mehr hatten, Organisationsfragen anzuschneiden. Den Konsistorien jedoch, die durch eingehende Studien die Frage der Gemeindeemanzipation zu begraben suchten, wurde ein dicker Strich durch die Rechnung gemacht. Als die mit der Regierung gepflogenen Unterhandlungen und die gefasstenBeschlüsse bekannt wurden,entschlossen sich einigeMülhauser Gemeindemitglieder eine Versammlung einzuberufen, in welcher derNachweis zu erbringen wäre, dass die Mülhauser Gemeindeverwaltung in keiner Weise einwandfrei sei, dass die Gemeinde mit den gegenwärtigen Zuständen absolut nicht zufrieden wäre, dass also die Argumente, die die Konsistorien der Regierung gegenüber benützt hatten, soweit Mülhausen in Betracht kam, keine positive Unterlage hatten, Die Konsistorien hatten selbstverständlich das allergrösste Interesse, dass die Versammlung nicht stattfinde, und um dieselbe zu verhindern, liess sich der Präsident des oberelsässischen Konsistoriums auf folgendes Kompromiss ein : Gegen das Versprechen, die Versammlung nicht zu veranstalten, gab er sein Ehrenwort, seinen Einfluss, der bedeutend ist, dafür einzusetzen, dass die Konsistorien noch im Laufe des Jahres 1903 der Regierung eine Reformvorlage unterbreiten werden; einer dieser Vorschläge werde der sein, dass die Gemeindeverwaltungen aus Mitgliedern best-hen sollen, die in ihrer grossen Mehrheit aus der BevÖlkerujg zu wählen seien. Verschiedene Vorkommnisse deuten darauf hin, dass er sein Wort einlösen wird. Das, was Petitionen und Volksversammlungen nicht bewirkt hatten, bewirkte die Furcht vor dieser Versammlung; durch sie wurde der Revisionswagen ins Rollen gebracht. Man kann jetzt darauf rechnen, dass in absehbarer Zeit die Konsistorialverfassung in einer Weise modifiziert wird, die wenigstens teilweise den Wünschen der Bevölkerung Rechnung trägt und dass die elsass-lothringischen Juden in der Kultusgemeinde eine ähnliche Stellung einrehmen> wie in der politischen. Von welcher Bedeutung die freie Gemeinde für eine Propagierung unserer Ideen ist, bedarf wohl keiner weiteren Ausführung. Die Wiener Rabbinerwahl. Die am Samstag den 21. d. M. unter dem Vorsitze des Herrn Marcus vom innerösterr. D.-K. veranstaltete Protest Versammlung in Angelegenheit der Besetzung des Wiener Rabbinerpostens, gestaltete sich zu einer Kundgebung für den Zionismus. Trotzdem die Partei der „Offiziellen" stark vertreten war und die unverkennbare Absicht hatte, die Versammlung zu sprengen, gelang es doch der Beredsamkeit unserer Gesinnungsgenossen und der Energie des Vorsitzenden, die Ruhe wieder herzustellen. Die von Dr. Bernhardt verlesene und begründete Resolution wurde mit allen gegen drei Stimmen angenommen. Nachstehend der Verlauf der Versammlung. Schon vor der für den Beginn angesetzten Stunde hatte diePaitei der Offiziellen die ersten Reihen des Saales besetzt. Um 8 Uhr war der Saal derart überfüllt, dass die später Erschienenen nunmehr in den Nebenlokalitäten Platz nehmen mussten. Unter den Besuchern befanden sich auch die Kultusvorsteher Prof. Ehrmann, kais. Rat Pollak, S. Kauders, Eltbogen. Auch zahlreiche Vertrauensmänner waren gekommen, darunter Herr S. Beer, der Vorsitzende der Bezirkskommission XII —XV die Herren Mohr, Pick, Drublowicz, Plaschkes, Dr. Elias, Direktor Heller, Felsenburg uqi zahlreiche Bethausvorstände. Mehrere-Kultusvorstände hatten ihr-Fernbleiben entschuldigt.