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Die Welt · 1903-03-27 · 13 (27.3.1903) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
13 (27.3.1903)
Article
Zionismus und jüdischer Nationalismus
Date
1903-03-27
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die £ Weit?? Nr, 13 ein Magyare ist er nicht, er gibt sieh nicht dafür aus; man erwartet nicht von ihm, dass er diese Eigenschaft, die er nicht besitzt, vorschütze, und man macht ihm keinen Vorwurf aus seiner nichtmagyarischen Nationalität. Der Jude nähert sich der magyarischen Nationalität mehr als alle anderen Nationalitäten, die den von magyarischer Kraft, Klugheit und Tüchtigkeit geschaffenen und zusammengehaltenen Staat bewohnen, denn er hat keine eigene Spraehe und keine zentrifugalen Versuchungen, er ist ein glühender Patriot und als solcher von den besten Söhnen Uugarns stets anerkannt worden. Aber ein Magyare ist er nicht, und wenn er sich selbst dafür hält, so gibt er sich einer harmlosen Selbsttäuschung hin, die den wirklichen Magyaren, und wäre er noch so gutmütig, noch so vorurteilsfrei, nur lächeln macht. Das habe ich feststellen müssen. Wenn ich sonst noch zeigen wollte, wie der Zionismus sich zur Vaterlandsliebe der Juden, die freie Bürger gerechter Staaten sind, verhält, so müsste ich wiederholen, was ich an anderen Stellen, und noch zuletzt im „Echo Sioniste" vom 1. d. BL, zum Ueberdrusse ausgeführt habe. Mit einem Danke möchte ich diese Bemerkungen nicht schliessen. Ein Mann, wie Herr M e z e i, erwartet keinen für eine sittlich schöne Handlungsweise. Wie sie ihm von seinem eigenen kategorischen Imperativ eingegeben ist, so findet sie ihren Lohn in seinem eigenen Bewusstsein, und dieser Lohn ist köstlicher als jede von aussen kommende Anerkennung.*) Paris, 18. März. Dr. Max Nordaa, Das deutsche Parlament und die rumänischen Juden. Die rumänische Jade»frage ist wieder einmalin einem der grössten und einflussreichsten Parlamente Europas, im deutschen Reichsrate, vorgebracht worden, und zwar diesmal seitens des bekannten Sozialisten Eduard Bernstein. Wir müssen es offen gestehen: Es schien uns unmöglich, dass ein aufrichtiger und wahrheitsliebender Mensch wie Bernstein, ein Mann, der, unabhängig und furchtlos, auch seine Partei nicht schont, der sich nicht scheut, ihre Götzen zu zerbrechen, sobald er an ihrer Gottähnlichkeit zweifelt, dass ein Mann wie Bernstein, der die Sache der unglücklichen Armenier mit Eifer und mit flammender Entrüstung schriftlich und mündlich verteidigte, sich zu den Schandtaten Rumäniens den Juden gegenüber so indifferent verhalte. Wir konnten, wir wollten es nicht vermuten, dass auch Bernstein es nur aus dem Grunde tue, weil er ein Jude ist . Endlich aber hat Bernstein sein Schweigen gebrochen. Am 20, März griff er in der Reichstagssitzung in die Debatte über den Etat des Auswärtigen Amtes ein. Er übte seine parteigemässe Kritik der Politik Deutschlands den Anarchisten gegenüber, dann ging er zur ungerechten und Deutschlands Interessen schädigenden Englandhetze über, die ein Ausfluss des deutschen Chauvinismus sei, besprach hierauf die türkischen Reformprojekie und die Lage der Armenier, erinnerte Deutschland daran, dass es die Türkei zu wirklichen Reformen verhalten müsse, und kam im Anschlüsse an dieses Tema auch auf die rumänische Judenfrage zu sprechen. Wir wollen die Worte Bernsteins nicht durch eine kurze Zusammenfassung abschwächen und geben seine Ausführungen in extenso wieder: „Noch ein anderer Volksstamm leidet *) Wir sind durch die Liebenswürdigkeit der Redaktion der „Ung. Wochenschrift" in der Lage, den Artikel gleichzeitig mit ihr zu veröffentlichen. Die Redaktion. leidet unsäglich entgegen den Beschlüssen des Berliner Vertrages, und das sind die rumänischen Juden. Die Gleichberechtigung der Religion ist im Berliner Vertrage ausdrücklich, und zwar gerade im Hinblick auf die rumänischen Juden, ausgesprochen worden. Rumänien verdankt seine Existenz der Hilfe der europäischen Staaten, in denen damals noch der liberale Gedanke mächtig war. Als Preis für diese Hilfe wurde eine humane Behandlung der jüdischen Bevölkerung von Rumänien verlangt. Aber die rumänischen Staatsmänner haben ihr Versprechen noch schlechter gehalten als die Türkei (gegenüber Armenien), und zwar nicht aus Unfähigkeit, sondern aus bösem Willen. Ein schmählicher Wortbruch wird täglich begangen und mit unerhörter Grausamkeit werden die Juden dort behandelt. Unter den 6 Millionen Rumänen befinden sich 370.000 Juden, in der Mehrzahl echte Proletarier und Handwerker. Gegen sie richtet sich eine Politik der Aushungerung, wie sie ein rumänischer Staatsmann selbst genannt hat." Redner zählt die Misshändlungen der Juden in Rumänien, die gröbsten Verletzungen aller Menschen- und Völkerrechte, deren sich Rumänien schuldig macht, auf und schliesst mit folgenden Worten: „Der grösste Hass gegen das Judentum in irgend einem Lande hat nicht so grausame Massregeln erdacht, wie sie in Rumänien durchgeführt werden, und Europa sieht diesen Zuständen müssig zu und duldet das! Im österreichischen Parlamente steht die Einbringung einer Interpellation bevor, worin die österreichische Regierung gefragt wird, was sie gegenüber den dem Berliner Vertrag geradezu hohnsprechenden rumänischen Zuständen zu tun gedenke.*) So fragen auch wir heute den Reichskanzler: Ist dem Reichskanzler bekannt, dass Schritte getan werden, um die rumänische Regierung an ihre Pflichten zu erinnern, und ist der Reichskanzler entschlossen, sich solchen Schritten anzuschliessen? Deutschland ist ja in Rumänien handels- und leider auch finanzpolitisch interessiert. Aber diese Interessen sind ebensowenig bedroht wie die des Friedens, wenn Deutschland in energischer Weise die rumänische Regierung an die Pflichten der Menschlichkeit ermahnt. Rumänien ist korrumpiert durch ein blutsaugerisches Heer von Beamten. Leider war Deutschland viel öfter beteiligt bei der Niederhaltung als bei der Befreiung der Völker! Deutschland ist einer der Unterzeichner des Berliner Vertrages, Deutschland ist mitverantwortlich für die rumänischen Zustände. Die dortigen Unterdrückten schauen hilfeflehend auf das Deutsche Reich und es ergeht jetzt die dringende Mahnung an die deutschen Staatsmänner, ihre Pflicht zu tun, damit es nicht wieder heisse, wie in „Don Carlos" : „Verkauft, verkauft und wiederum verkauft von dem berühmten Handelsmann im Norden." (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Wer die Verhältnisse der deutschen konservativen Partei und die deutschen Verhältnisse überhaupt kennt, weiss, was nun folgte. Zur Illustration genügt es, einiges aus der Rede des konservativen Abgeordneten Dr. O ert el anzufühen, der Bern ste in nicht zu widerlegen, sondern zu ironisieren versuchte. „Der Herr Vorredner hat mit Mund und Hand flammenden Protest erhoben gegen die Bedrückung der rumänischen Juden. Europa hat den Protest gehört und Europa wird sich darnach zu richten haben. (Grosse Heiterkeit rechts. Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Der Herr Vorredner hat sich darüber beklagt, dass die rumänischen Juden nicht Makler (!) werden dürfen und nicht zu Versteigerungen zugelassen würden. Das ist gewiss sehr bedenklich. *) Die Interpellation des Abgeordneten Skedl ist unterdessen bereits eingebracht worden.

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