Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 12 (20.3.1903)
- Article
- Aus unseren Büchern
- Date
- 1903-03-20
- Page
- 15 (sequence 1)
- Language
- German
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Aus unseren Büchern. Assimilation. Am Eande eines Bäcbleins stand ein Fuchs und blickte melancholisch auf den Grund des klaren Wassers. Er sah dem Treiben der Fischlein zu, die unruhig nach allen Seiten schössen, furchtsam zappelnd in die Lücken zwischen den glatten Kieselsteinen drangen, um bald wieder ängstlich hervorzubrechen. .Reinecke empfand in seinem Herzen für diese kleinen um ihr Leben so besorgten Wesen Mitleid und er sprach sie'also an: „Liebe kleine Fischlein, ihr seid so schutzlos! Kommt doch zu mir aufs Land, ich will euch betreuen und für euer Wohl sorgen. Lasset doch euer kaltes Wasser und kommt zu mir auf die Wiese. Hier ist es so trocken und so schön! Kjein Feind soll es wagen, sich euch zu nähern!" Die Fischledm aber gaben ihm zur Antwort: „Dein Hat ist gut, Herr, doch taugt er nicht für Fische. Siehe, wenn wir im Wasser unseres Lebens nicht mehr sicher sind, wie soll es uns da auf dem trockenen Lande ergehen, wo wir gar nicht atmen können." Da wusste der Fuchs nichts mehr zu sagen. So lautete die Antwort Rabbi Akibäs auf die Frage Pappus', des Sohnes Jehudas, warum der Eabbi trotz aller Verbote des Herrschers an den Gebräuehen seines Volkes unverbrüchlich festhalte. — Für uns gibt es nur ein Leben im eigenen Volke oder gar keines. Denn wir sind anders als die andern. Was den andern nützt, kann uns nicht frommen. Wir ersticken in fremder Atmosphäre. TJnd süss sind selbst Leiden im eigenen Volke, die Leiden für das eigene Volk .... Auf fremdem Boden. Und so zogen sie, die Besten des Heeres und des Volkes, nach der Zerstörung des ersten Tempels nach Mizrajim. —• Jeremias hatte es wohl im Namen des Herrn verboten: Sie sollten nicht in das Land zurückkehren, das ihre Ahnen erbarmungslos geknechtet hatte; sie sollten nicht unter dem Himmel leben, der Zeuge ihrer Sklavenarbeit gewesen war; sie sollten nicht unter einem Volke einherschreiten, das ihnen ein Sehandmal aufgedrückt hatte, welches sie durch Jahrhunderte der Wanderschaft trugen. Doch sie hörten nicht auf die Worte des Propheten und zogen nach Mizrajim. TJnd sie Hessen sich in dem Lande nieder, das Gott verflucht hatte, und errichteten ein Gotteshaus in der Stadt Alexandria als Ersatz des unvergesslichen Tempels, den gottlose Hände dem Erdboden gleichgemacht hatten. Einen Ersatz des jerusalemischen Tempels in Alexandria! Das Gotteshaus hatte nicht seines Gleichen auf der ganzen Erde. Es ward mit der grössten Pracht ausgestattet und fasste sechsmal hunderttausend Menschen. Für das Synhedrion waren Goldstühle errichtet, einundsiebzig an der Zahl. In der Mitte der Halle befand sich eine Erhöhung, auf welcher der Leiter des Gottesdienstes "stand. Nur ein kleiner Teil des Volkes konnte eine Stimme hören. Damit aber das Volk einstimmig da« Amen sagen könne, schwenkte er eine Fahne, die er in der Hand hielt. Das diente dem Volke zum Zeichen. Und so oft die Fahne in der Hand des Priesters sich neigte, erscholl es im ganzen Hause: Amen! Da schickte der Herr eine Geissei über sie, weil sie ihm auf fremdem Boden einen Tempel errichtet hatten. Weil sie Jeruseholajim durch Mizrajim ersetzen wollten, das heilige Land durch das Land des Fluches. Weil sie ihr LsikI verlassen hatten, ihr so schwer heimgesuchtes Land. — Und die Gottcsgeissel war der grosse Feind aus dem Barbarenlande. Ec schlug sie mit der Schärfe seines Schwertes und vertrieb sie aus dem Lande. Das Gotteshaus aber zerstörte er mii grimmiger Hand. D. Rotlibl'iim. (Aus fihetto-Liedchen. Von Abraham Reisen. dem Jüdischen von Alexis F e 1 d s t e i Und ist ier Herbst gekommen, Ist aueb mein Frohsinn aus . . . Es fraget der Wind mich zornig: „Sag', hast du Holz im Haus?" Der Ecgen klatscht ans Fenster Und klopft, rauscht ohne Ruh': „Ich nasche Kot und Pfützen . . . Sag', hasfc du ganze Schuh'?" — n.) Das jüdische Volk in talmudischen Gleichnissen. Das jüdische Volk gleicht dem Staube und den Sternen zugleich. Wenn es fällt, sinkt es bis zum Staube herab; erhebt es sich, danm erreicht es die Höhe der Sterne. * Israel gleicht dem Oeibaume. Wie dieser erst im hohen Alter seine Früchte treibt, so ist Israels Grösse erst für die ferne Zukunft bestimmt * Israel gleicht iem Oelbaume. Wie dieser sein Laub nicht abwirft, wedci' im Sommer noch im Winter, so gibt es für Israel keinen Untergang, weder in diesem, noch im zukünftigen Leben. * Israel gleicht -ier Oelfrucht. Wie dieser das Oel erst durch das Pressen abgewonnen wird, so zeigt Israel eine Rückkehr zum Guten erst dann, wenn es geschlagen wird. * Israel gleicht ier Taube. Wie diese sich durch ihre Flügel schützt, so -wird Israel nur durch gute Taten erhalten. «■ Israel ist wie der Apfelbaum. Wie an diesem die Blüte vor den Blättern kommt, so rief Israel am Berge Sinai zuerst: „Wi* wollen tun!" und dann „Wir wollen hören!" * Israel gleicht der Palme. Wie an dem Palmzweig die Blätter an einem gemeinsamen einzigen Heizen haften, so zeichnet sich Israel durch ein dem himmlischen Vater in Einigkeit zugewandtes Herz aus. Wenn ihr — sagt Gott zu Israel — euch gestellt hättet wie eine f&stgeschlossene Mauer und alle mit Esra in die Heimat gesogen wäret, würdet ihr dem Silber gleichen, das nichtd-eiFäulnis unterworfen ist. Weil ihr aber wie eine Türe dastandet (die nur zur Hälfte geöffnet wird) und nicht alle zurückkehren wolltet, gleicht ihr dem Holze, das der Fäulnis ausgesetzt ist. M. B.