Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 12 (20.3.1903)
- Article
- Auszug aus den Rechenschaftsberichten des westgalizischen Distrikts-Komitees an das österreichische Landes-Komitee (für Mai bis Dezember 1902)
- Date
- 1903-03-20
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 £Die # Welt" Nr. 12 scher und jüdischer Sprache ausgearbeitet, jedoch von der Behörde noch nicht genehmigt. Bisher hat das D.-K. in 26 Ortschatten legitimierte Vertrauensmänner eingesetzt, und zwar in: Bochnia, Chrzanöw, Czarny Dunajec, Dembica, Dukla, Gorlice, Jaslo, Jaworzno, Kolbuszowa, Krosno, Lancut, Neumarkt, Neu- Saudec, Pilzno, Radlöw, Rymanöw, Ropczyce, Rzeszöw, Tarnöw, Tuchöw, Wieliczka, Zakopane, Zarszyn und Zawoja. Viel Sorge schuf zu Beginn des Parteijahres die rumänische Auswan der erfrage, da grosse Gruppen, aller Mittel entblösst, Krakau passierten. Das D.-K. konstituierte sich als provisorisches Rettungskomitee und sammelte allenthalben Naturalien und Gelder. Die Emigranten wurden im Einvernehmen mit dem Mährisch-schlesischen D.-K.teils nach Westen weiterbefördert, teils, wenn die „Allianz" sie von Wien zurückschickte, nach Osten „heimgebracht". Die geplante Bildung eines grossen allgemein-jüdischen Hilfskomitees unterblieb, da inzwischen der Andrang nachliess. Immerhin haben die hierländischen Zionistenan 1000 K für ihre rumänischen Brüder aufgebracht und einen Notfonds zurückgelegt. Für den Nationalfonds wurdem 50 Sammelbüchsen beschafft, Nationalfondsmarken wurden vom D.-K. allein für 130 K verkauft, an Schekeln ging bereits ein grösserer Betrag ein. Zeitschriften- Rundschau. In dem Wiener Tageblatte „Die Zeit" bespricht Gabriel M o n o d in einem längeren Artikel die Dreyfus-Affäre. Einiges aus diesen interessanten Ausführungen sei hier wiedergegeben. Nach einigen Vorbemerkungen über die Wiederauf rollung der Affäre schreibt M o n o d über Dreyfus folgendes: „Von der Vergangenheit der Dreyfus-Sache ist zweifellos noch nicht alles absolut bekannt. Viele dunkle Punkte existieren noch, sei es über die Handlungsweise des Generals Boisdeffre, der in einem gewissen Zeitpunkte so heftigen Schrecken empfand, dass er seinen Beichtvater Pater Dulac zu Herrn Josef Rein ach schickte, um dessen Nachsicht zu erflehen, sei es über die Beziehungen von Henry zu Esterhazy, sei es über die Gründe, die verschiedene russische Militärs und Diplomaten bestimmt haben, zu wünschen, dass kein Licht über die Verrätereien Esterhazys verbreitet werde. Aber nichtsdestoweniger kennt man das Wesentliche durch die zwei Prozesse vor dem Kassationshofe und von Rennes. Es ist für jeden, der sie unparteiisch liest, unmöglich, den Schatten eines Zweifels über die Unschuld von Dreyfus zu behalten. Nicht nur hat er niemals irgendwelche tadelnswerte oder auch nur unkluge Handlungen begangen. Er hat vielmehr weit mehr als seine Kollegen vom Generalstab ausschliesslich für seine Familie und seine Arbeit gelebt. Er hatte keine, auch nur gesellschaftlichen Beziehungen mit fremden Botschaften und er hat niemals vor den Tagen von Rennes etwas von den gegen ihn gerichteten Anklagen begriffen. Diejenigen, die fortfuhren, an seine Schuld zu glauben, taten dies nicht, indem sie sich auf irgendwelche Beweise oder Zeugnisse stützten, sondern einzig und allein aus blindem Vertrauen in die militärischen Richter und die beweislosen Behauptungen des Generals Mercier, der, nachdem er 1894 durch falschen Argwohn getäuscht war, nachher in seinem Irrtum beharrte, weil er darin seinen Ruf und seine Ehre verwickelt sah... Keiner der Schriftsteller, die sich gegen Dreyfus verbissen haben, hat ein Buch oder auch nur einen Artikel schreiben können, um seine Schuld zu beweisen, während von der anderen Seite eine Menge unerschöpflicher Beweise für die Unschuld erschien, wie die „Preuves" von Jaures, die Reihe von Bänden Clemenceaus, die Sammlung der Artikel von Cornely und vor allem „Die Geschichte der Affäre Dreyfus" von Josef Reinach, von der drei Bände bereits veröffentlicht sind, die uns bis zum Ende November 1897 führen, und die noch zwei weitere Bände umfassen wird- Dieses wunderbare Werk ist fesselnd wie ein Roman. Es ist von einer zwingenden Logik und folgert mit der gedrängten Schärfe juristischer Argumentation. Mit der Gewissenhaftigkeit und der kritischen Methode eines wissenschaftlichen Werkes ist es durchgearbeitet. Man findet darin die minutiöseste Analyse der Fakten, die sich auf die zeitliche Bestimmung jedes Zwischenfalls in dieser Affäre stützt. Man findet auch darin die durchdringendste Darstellung des Charakters der einzelnen Helden dieses Dramas. In dem ersten Bande werden Mercier und Henry vor allem ins Licht gestellt, um die Anfangsgründe zunächst des Irrtums und dann der schuldbeladenen Hartnäckigkeit des ersteren zu verstehen, sowie die Ursachen der Erbitterung und der Spitzbüberei, womit der zweite Dreyfus verfolgte, da er genötigt war, jenen zu verderben, um sich und Esterhazy zu retten. Im zweiten. Bande wird uns der Charakter Esterhazys auseinandergesetzt nebst aftlen Umständen, die ihn für das Verbrechen vorherbestimmten. Dann erscheint Dreyfus, dessen edler Charakter uns auf der Teufelsinsel unter den Unbilden der Menschen und des Klimas noch grösser erscheint als im Gefängnis von Cherche-Midi und während seines ersten Prozesses. Dann tritt endlich die schöne Gestalt des Obersten Picquart auf, der trotz seiner Vorurteile gegen Dreyfus, dessen Unschuld er kennt, und ohne zu zögern, seine Karriere opfert, um den abscheulichen Irrtum gutmachen zu lassen, der 1894 begangen worden war .. .* Im „Univers Israeliten macht sich der Leitartikler über seinen Kollegen von den „Archives isra ölite-s* ein ein wenig her, weil dieser, Herr Emile Cahen, seine Angst vor der Wiederaufroliung des Dreyfushandels in einer allerdings weder logisch noch moralisch besonders hervorragenden Weise bekundet hatte. Herr Cahen hatte mit dem weisen Rate Gambettas in Bezug auf Elsass- 'Lothringen geschlossen: „Immer daran denken, nie davon sprechen." Der Leitartikler des „Uni vers* meinte ein wenig spitz, das sei ein Bat, „der für die interessante Kategorie von Juden (Pardon! »Israeliten* fügt er grimmig ein) bestimmt sei, die zu gleicher Zeit den „G a u1o i stf (antis.) und die „Archives israölites' abonniert hätten, und denen die Furcht vor einer Wiederaufrollung der Affäre die Verdauung störe" etc. Der „Univers" hält es für die Pflicht der Juden, Jaures und die Revisionsfreunde zu unterstützen, denn wenn auch die Juden schweigen würden, ihre Gegner würden nie schweigen und immer die „Affäre" benützen, um den Hass und die Verachtung gegen die Juden zu entzünden. — Noch einen Schritt weiter und der Herr Kollege vom „Univers* wird darauf kommen, dass es Abwehr allein nicht tut, sondern dass Organisation, Sammlung uns nottui Dann wird er vielleicht samt seinen Lesern noch einmal erkennen, was der Zionismus auch den französischen Juden zu bieten hat. —r. Im März-Hefte der „Revue des Deux Mondes" veröffentlicht An atole Leroy-ßeaulieu einen instruktiven Artikel über die geistlichen Kongregationen Frankreichs, das französische Protektorat und den französischen Einfluss im Auslande. Er weist auf die für Frankreich ungemein wichtige Tätigkeit der französischen Missionäre, auf die Werke der geistlichen Schulen, Spitäler, Waisenhäuser etc. im ganzen Oriente hin und kommt dabei unter anderem auch vergleichsweise auf die Tätigkeit der „Alliance Israeli tetf zu sprechen, von der er sagt: »Die „Alliance Israelite" erweist bekanntlich der französischen Sprache in Osteuropa, in Asien, in Afrika, in der ganzen Umgebung des Mittelländischen Meeres Dienste, für die ihr unser Patriotismus Dank wissen soll und die nur Sektengeist verkennen kann. Die französischen Schulen schliessen, in denen die „Alliance israeUite* ihre Lehrer und Lehrerinnen ausbildet, in denen sie die jungen Männer und Mädchen, die sie aus allen Teilen des Orients zusammengebracht hat, für ihre künftige Mission vorbereitet, dass dieselben unsere Sprache und Methoden erlernen, das hiesse mit eigenen Händen einen der Lehrzweige abzuschneiden, die für den französischen Unterricht im Orient sorgen.* Bei dieser Gelegenheit beziffert L.-B. die Alliance-Schulen im türkischen Asien, auf dem Balkan und in Egypten auf 112. Sehr interessant ist es, was er zur Geschichte des französischen Protektorates im Orient vorbringt. Es ist eine kurze Uebersicht über die Geschichte desselben, die für manche unserer Leser interessant sein dürfte. —r. Die letzte Nummer des „Maccabean" bringt einen interessanten Artikel über die jüdischen Staatmänner. Zwar ist es zu einer hausbackenen Wahrheit geworden, dass Juden auch zu etwas anderem fähig sind, als zum Schachern, dass sie den Heimatländern als Leiter und Mitarbeiter viel Gutes und Nützliches geleistet haben, aber nichtsdestoweniger ist es angenehm, sich die reichhaltige Liste anzusehen, die der Verfasser, Herr J. Saphir, zusammengestellt hat und die ein beredtes Zeugnis für die Tüchtigkeit der jüdischen Rasse ist. Ein interessanter Beitrag ist auch das Zions-Lied von dem. bekannten österreichischen Freiheitsdichter und -Helden Karl Isidor Beck (1838), das „Neu-Palästina" genannt ist. In diesem Dichter, der dem Judentum den Rücken, wendete, lebte doch noch ein Funke der Liebe zu seinem Volke, lebte die sehnsüchtige Zions- Hoffnung seines Stammes. Die Uebersetzung des H. Friede n b e r g ist gut. C—k.