Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 12 (20.3.1903)
- Article
- London
- Date
- 1903-03-20
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „D8e # Weit" Nr. 12 Schritt daran gehindert und zur Auswanderung gezwungen werden. Der zweite Grund der Auswanderung sei die Unmöglichkeit des Studiums für die jüdische Jugend. Der Jude leidet lieber physische Not als geistige. In Polen konstatierte Major G o r d o n eine bessere Lage, hier aber kommen rein ökonomische Bedingungen in Betracht, die zur Auswanderung der Juden führen. Dann berichtete der Referent über die Notlage der Juden in Galizien. Er betonte den immer wachsenden Widerwillen der Bevölkerung gegen die Juden, oder wie wir es nennen, den Asemitismus. Er schreibt diesen Hass den Aufwiegelungen der katholischen Geistlichkeit zu. Während also in Galizien die Judennot nicht der Regierung in die Schuhe geschoben werden könne, sei in Rumänien gerade das Gegenteil der Fall. Dort verhalte sich die Bevölkerung und am meisten die ländliche den Juden gegenüber nicht unfreundlich und nur die Clique der Regierungspartei sei die Urheberin der Judenhetze. May or G o r d o n stellt merk würdiger weise den rumänischen Juden über den russischen und galizischen, was von der gewöhnlichen Meinung bedeutend abweicht. Major Gordon schildert dann eingehend die Emigration und die Art, wie sie vor sich geht. Obwohl die Schilderung der Sachlage treu und korrekt ist, wozu noch der ergänzende Artikel desselben Verfassers in dem „Worlds Work11 unter, dem Titel: „Our Aliens at Home" (Unsere Fremden zu Hause), wo verschiedene Bilder aus dem Leben der Juden in Russland und Galizien den englischen Lesern vorgeführt werden, hinzukommt, bleibt es noch ziemlich unklar, welche Schlüsse Mayor Gordon aus seinen Erfahrungen betreffs der Immigration gezogen hat ..... Und die Sitzungen dauern fort, Zeugen nach Zeugen werden vernommen, die über das Geschick vieler Tausende ein Urteil fällen . . . A lmo gy. Wtlt-iSbi'ooik. Personalnachrichten. Unser Gesinnungsgenosse, Mitglied des Theologischen Vereines, S. Ochs er wurde zum Doktor der Philosophie promoviert. — Unser Gesinnungsgenosse Herr Jakob Grünberg, Mitglied des D.-K. in Lemberg, hat sich mit Frl. Sala Gerstenfeld verlobt. — Gg. Max Kleinberg (Akad. Verb. „Ivria", Wien) wurde Dienstag den 17. d, M. an der Wiener Universität zum Doktor beider Rechte promoviert. Die Juden in Rabbat (Marokko). Die materielle Lage ist beklagenswert, es wohnen dort fünf oder sechs Kaufleute, von welchen der reichste kaum 20.000 Frcs. besitzt, und einige Stoffhändler; der ganze Rest der Bevölkerung setzt sich aus Handwerkern zusammen, welche in kleinen Hütten ärmlich leben und selbst das tägliche Brot oft noch nicht verdienen. Ausser den zahlreichen Hausierern, welche Niederlagen ihrer Waren in den Souks und benachbarten Dörfern unterhalten, sind dort nachstehende Handwerker und Berufsarten vertreten. Samtsticker4, Wachszieherl, Wechsler 5. Hersteller von Schnupftabaken % Maulaseltreiber 1, Schneider 10, Schreiber 3, Kurzwarenhändler 28, öffentliche Ausrufer 5, Spezereihändler 11, Klempner 15, Gemüse Verkäufer 8, Haarschneider 6, Verkäufer von Oel und Seife 23, Seidensticker 12, Seifenfabrikanten 2, Goldschmiede 17, Schlächter 9, Schmiede 15, Eisen warenhändler 3, Schuhflicker 12, Rabbinerlehrer 8. Als Nebenindustrie betreiben die armen Juden noch die Anfertigung von Pfeifen, wobei sie täglich? zirka 0,50 Frcs. verdienen. Unsere Stammesgenossen von Rabbat leben vollständig abgeschlossen und sind im höchsten Grade unwissend. Der Rabbiner geht mit aller Strenge gegen diejenigen vor, welche sich gegen mosaische und talmudische Vorschriften vergehen. Man bestraft mit Gefängnis den, welcher sich den Bart schert, ein Gebet od«r Fasten versäumt u. s. w. Die Sittlichkeit der Frauen ist über allen Zweifel erhaben; die Prostitution besteht nicht, die Gatten huldigen nicht mehr der Bigamie, jedoch kommt die Ehescheidung häufig vor. Die Lage der Frau ist eine sehr traurige; sie wird in der Familie wenig beachtet; sie sitzt nicht bei Tische neben ihrem Manne; sie speist in der Küche mit ihren Töchtern und dem Dienstmädchen. Sie muss knechtisch dem Manne gehorchen und, wenn sie das Unglück hat, ihm zu missfallen, so schickt er sie sofort ihren Eltern zurück. Es scheint, dass die Männer von ihren Ehegenossinnen verlangen, dass sie sich vor dem Anblick eines Fremden, sogar vor einem etwas entfernten Verwandten verbergen, was zeigen würde, dass der Geist der Eifersucht bei den Männern von Rabbat sehr stark ist, DieJTalmud-Thoragehört nicht der Gemeinde; jeder Vater verhandelt nach Uebereinkunft mit einem der Rabbiner, die das Lehramt ausüben. Man zählt deren acht, die in den Höfen der Synagogen oder in elenden Schmutzlöchern wohnen, die eine verpestete Luft ausströmen. Die Kinder sitzen auf der Erde, enge aneinandergepresst, schmutzig, widrig anzusehen, bekleidet mit unsauberen Fetzen, barfüssig und unter der Zuchtrute unwissender, unerfahrener und fanatischer Rabbiner Bibelverse herleiernd. Der Lehrer sitzt ebenfalls niedergeduckt auf einer alten Matte und hat eine kleine Bank von zehn Zentimeter Höhe statt des Pultes vor sich. Die besten Schüler sind in seiner Nähe, was die übrigen angeht, so gehen sie ein und aus, schlagen und balgen sich herum, ohne bemerkt zu werden. Es ist nicht nötig zu sagen, dass keine Präsenz- und Aufnahmeliste existiert und dass kein Rabbiner die genaue Zahl seiner Schüler angeben kann. Es gibt 17 Synagogen, die alle Einzelnen gehören, deren Namen sie tragen. Diese Synagogen befinden sich in gewöhnlichen Zimmern, welche mit einigen Bänken versehen sind, worauf die Andächtigen sich setzen. Die Mauern voll Lücken und Löchern, schimmern in tausend Farben. Im Hintergrunde des Raumes steht ein erhöhter Schrank, das ist der Hechal. In der Mitte des Zimmers befindet sich ein kleiner Tisch, das ist die Teba, Fügt man einige an Kordeln befestigte grosse, mit Spinngeweben bedeckte Gläser hinzu, so hat man die ganze Ausstattung des Betsaales. Eine Aufenthaltsbewilliguug aus der Zeit Maria Theresias*) Von der Roemisch-Kayserlichzu Hungarn, und Boeheim, Koeniglich-Apostol: Mayst: Erzherzogin zu Osterreich, Unserer allergnädigsten Frauen wegen: Wird allen, und jeden Hoch- und Niederen Obrigkeiten, wie auch dem Kriegs-Volk zu Fuss, und zu Pferd, und sonst jedermänniglich, was Würden, Standes, Amts, oder Weesens die seynd; denen dieser Pass-Brief fürkommet, hiemit zu vernehmen gegeben, wasmassen Vorweiser dieses Herz Khun Prager Jud,. K. K.•* Mondurs-LMerant, w,ie auch Pachter der allhiesig Jüdischen Leib-Mauth, samt Zwey Jüdischen Schreibern, und Sechs Domestiquen nicht nur allhier sich aufhalten, sondern auch in seinen eigenen Angelegenheiten verschiedentlich zu verreisen habe, und ergehet demnach Allerhöchst gedacht-Ihro Mayst: allergnädigst und gemessener Befehl an all- und jede obbenannte hiemit, dass sie vorgemeldten Juden Herz Khun samt seinen Zwei Schreibern, und 6 Domestiquen aller Orthen ohne Abnehmung der üblichen Leib- und Pferd-Mauth, oder der sonst gewöhnlichen Tax, und ohne denen sonst gewöhnlich-Jüdischen Zeichen, Frey, sicher und ohnaufgehalten pass- und repassieren, demselben aller Orthen ein Quartier nach gefallen beziehen, und dessen Notwendigkeiten jederzeit erkaufen lassen, auch sonst demselben im Erförderniss Fall auf sein gezimmendes Ansuchen zu seiner Beförderung all-geneigten Willen, und Vorschub leisten, auch dass ein gleiches von denen ihrigen bestehe, behörig verfügen sollen. — Dann hieran bestehet Ihro Mayst: gnädigster Wille und Meinung. Signatum Wienn unter allerhöchst Deroselben hiefürgedruckt- Kaiserlich-Königlichen Secret Insigl L. S. Graf v. Hazfeldm. p. Per Sac: Caes:0 Resriaui Majestäten! den lOten Augustj : 1768 Johann Friedrich Cronberg m. p. Collationirt und ist gegenwärtige Abschrift producirten Originali gleichlautend, Urkunddessen meine Fertigung. Wienn d. 24. 9bris 1770. Johann Paul v. Breanl m, p. K. K. Rath Hof, Kriegs Secretarius, und Registrator. Der Antisemitismus im Aerztestand. In Wien sollte ein sozialärztlicher Reichskongress stattfinden. Der Wiener antisemitische Aerzteverein, der schon lange auf die Gelegenheit gewartet hat, die gegenwärtige ärztliche Organisation zu sprengen, weil sie eben noch nicht ganz im antisemitischen Fahrwasser segelt, hat durch seinen Austritt aus der Organisation und seine Gegenagitation das Zustandekommen dieses für. die österreichischen Aerzte höchst wichtigen Kongresses vereitelt. Angeblich aus dem Grunde, weil man Tschechen, Polen etc. erlauben wollte, *) Wir verdanken das Original dieses „Pass-Briefes* der Liebenswürdigkeit der Urenkelin des Herrn Khun, Frau Dr. Lazarus in Bellisce.