Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 12 (20.3.1903)
- Article
- Jüdische Kommilitonen!
- Date
- 1903-03-20
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 jMy&'W&ir> Nr. 12 In dieser Angelegenheit findet auch eine Vollversammlung der jüdischen Studentenschaft statt. Zeit und Ort wird rechtzeitig bekanntgegeben, * Brüder! Durch die Gründung einer Nationalbibliothek in Jerusalem werden wir einen der Grundsteine für das ewige Gebäude der Renaissance des jüdischen Volkes auf svinern Boden errichten; dadurch werden wir die jüdischen Bücher erlösen, indem wir sie in ihre Heimstätte zurückbringen. Dadurch werden wir Jerusalem zu einem geistigen Zentrum für die jüdische Wissenschaft und Literatur auch in der Zerstreuung machen; dadurch wird das geistige Leben der Kinder des Exils in Jerusalem in der Gegenwart' sich heben und ihre getrennten Herzen werden sich vereinen. Dieses Haus wird den Juden auch den Völkern gegenüber Ehre verleihen. Zwar ist schon der Anfang der Verwirklichung dieses grossen Gedankens durch einen einzelnen Mann gemacht worden, aber die Bibliothek, die er gegründet hat, kann noch nicht Nationalbibliothek genannt werden. Nur einundzwanzigtausend Bücher befinden sich darin. Wegen Geldmangels konnte nur ein Teil des Baues zu Ende gebracht werden. Die Arbeit, die zu vollbringen ist. ist noch sehr gross. Man muss wenigstens alle gedruckten jüdischen Bücher, deren Zahl 500.000 beträgt, unsere Manuskripte, alles, was über J u d a i c a handelt, Gemeindebücher (Pinkos), alte Denkschriften, Bilder und Gemälde, Sachen und heilige Gerätschaften, alte Münzen und Medaillen sammeln. Diese gewaltige Arbeit kann durch einen einzigen Mann nicht ausgeführt werden. Unser ganzes Volk muss sich daran beteiligen, muss Bücher sammeln helfen und den Bau des Hauses fördern. Zu diesem Zwecke haben wir Unterzeichnete uns zu einem Komitee konstituiert, das dem Dr. Josef Chasanowicz in seiner Arbeit, der Errichtung einer J-Jationalbibliothek, beistehen will. Wir beehren uns hiermit, alle unsere Gesinnungsgenossen, denen ihr Volk und ihre Nationalheiligtümer am Herzen liegen, zu bitten, uns nach Vermögen zu helfen. Wir werden die Spenden, sowohl an Geld als an Büchern, Handschriften, Münzen etc. mit Dank entgegennehmen. Alle Namen* der Spender werden zum ewigen Andenken in ein besonderes Buch in der Nationalbibliothek zu Jerusalem eingetragen werden. Komitee der Bibliothek „MidraschAbarbanel" in Jerusalem: Dr. Josef Chasanowiez Dr. L. Pin es. Dr. Levin» A. Sch. Hirschberg, L. Paperin, Noah Schludowski, David Suwalski, L. Rosenthal, S. Z u s m e r. Adresse : Dr. J. Chasanowiez, Bialystok. ♦ Aufruf! Ein schrecklicher Brand, welcher am 8. d. M. aus bisher nicht aufgeklärter Ursache hier ausbrach und während einiger Stunden bei starkem Winde wütete, hat fast die ganze Stadt eingeäschert und entsetzliche Verheerungen angerichtet. Ungefähr vierhundert Häuser siud ein Raub der Flammen geworden. Den jüdischen Bewohnern unserer Stadt, welche mit einem furchtbaren Schlage um alles gekommen sind, ohne dass auch nur der zehnte Teil des Schadens durch Versicherung gedeckt ist, hat diese gewaltige Feuersbrunst ihr armseliges Obdach, ihr ganzes Hab und Gut entrissen. Sechshundert Familien, welche über dreitausend Seelen zählen, stehen nun obdachlos und von allem, selbst den unentbehrlichsten Wäsche-und Kleidungsstücken, entblösst da, dem Hunger und den Unbilden des Wetteis gleicherweise ausgesetzt. Ein Grauen muss jeden fühlenden Menschen angesichts dieses unermesslichen Elends, dieses entsetzenerregenden Notstandes erfassen. Wir appellieren an die Menschlichkeit wohlhabender und edelgesinnter Menschen, sich dieser Aermsten der Armen zu erbarmen, zur Linderung der Notlage derselben beizutragen. Gottes Segen jedem, der da hilft. Rasche Hilfe ist doppelte Hilfe! Die kleinsten Gaben werden dankend entgegengenommen. Ku ty, im Februar 1903. Für das Hiifs-Komitee: Dr. Julius Friedman. Der Präsident der israel. Kultusgemeinde: JosefSchattner. Geldsendungen, entbehrliche Wäsche-und Kleidungsstücke, auch in minder gutem Zustande, beliebe man zu richten: An den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Kuty (Galizien), Oesterreich. Korrespondenzen und Telegramme. Oesterreich-Ungarn. Wien. (Israelitisch-theologische Lehranstalt.) Das Sommersemester nimmt Freitag den 24. April 1903 mit den an diesem Tage stattfindenden Auf' n ah in spr Ölungen seinen Anfang. Die Vorlesungen beginnen Sonntag den 26. April 1903. Der Rektor : Prof. Dr. A. Schwarz. Wien. (Die Wiener Kuitusgemeinde im Lichte der Zahlen.) Wie steht es mit dem zifferiimässigen Einflüsse der Höher besteuerten auf die Leitung der Wiener J u d e n g e m « i n d e?vDie Wählerliste der sogenannten allgemeinen Kurie pio 1902 zahlte 12 384 Wähler, die Liste der Höherbesteuerten 776 Wähler, so dass, weil der Geldadel gleichzeitig auch in der allgemeinen Kurie das Wahlrecht geniesst, den 776 Höherbesteuerten tatsächlich 11608Minderbesteuerte gegenüberstehen. Wenn man nun schon den Standpunkt akzeptiert, dass die Volksvertreter nicht von der Gesamtheit der Wähler entsendet werden sollen, sondern dass die Höherbesteuerten durch Zuweisung einer eigenen Wahlkurie vor Majorisierung im Wahlgange geschützt werden müssen, gebührt — nach der Kopfzahl der Wähler gerechnet — den Höherbesteuerten bloss ein Sechzehntel der gesamten Siimmkrafr, ein Sechzehntel der Vertreterschaft. Welche Stimmkraft haben aber jene 776 Geidadelsstiinmen tatsächlich?! § 5 der famosen Wahlordnung erklärt: „Die Wahl findet in der Weise stau, dass die Gesamtheit der Wahlberechtigten 24 und die Gruppe der Höherbesteuerten 12 Mitglieder des Kultusvorstandes wählen." D. h. ein Sechzentel der Wählerschaft wählt ein Drittel, fünfzehn Sechzehntel der Wählerschaft zwei Drittel der Vertretung, oder mit anderen Worten, die Höherbesteuerten haben eine siebeneinhalbmal stärkere Stimmkraft und wenn man berücksichtigt, dass in der allgemeinen Kurie auch die Höherbesteuerten mittun, eine achtmal stärkere Stimmkraft als ihnen gebührt, achtmal stärker als die der Minderbesteuerten. Noch ärger stellt sich das .Missverhältnis dar, wenn wir die tatsächlich gewählten Kultusvorsteher nach ihrer Herkunft aus der Klasse der HöheroderMinderbesteuerteu gruppieren. Von 35 derzeit besetzten Stellen sind nicht weniger als 21 von Höherbesteuerten beschlagnahmt und nur die Minorität, 14, verbleiben den M in d e r b e s t e u e r t e n." Kein Wunder! Während die Geldadels-Kurie nur 12 Leute ihresgleichen wählt und jede Kandidatur eines Minderbesteuerten mit Hohngelächter zurückweisen würde, drängt sie den indolenten Wählern der allgemeinen Kurie noch weitere 9Geldaristokraten zu Vertretern auf. Statt eines Sechzehntels derVertreterschaft fallen sohin den Höherbesteuerten fast zwei Drittel derselben zu, statt 6.3 Perzent 60 Perzent, also fast zehnmal mehr, als ihnen gebührt! Eperjes, 13. März 1903. (Eine dekorierte Persönlichkeit aus demTisz a-E s z 1 a r e r P r 6 z es se.) Die jüngste amtliche Meldung des „Közlöny" bringt uns den Namen eines Mannes in Erinnerung, der während des grossen Prozesses eine bedeutende Rolle gespielt hat. Nach genannter Meldung hat Se. Majestät dem Kurialrichter Eduard Szeyffert aus Anlass seiner aelbsterbetenen Pensionierung in Anerkennung seiner auf dem Gebiete der Justiz geleisteten treuen und eifrigen Dienste das Ritterkreuz des LeopoM-Ordens verliehen. Wi* aller Welt bekannt ist, war der Name Eduard Szeyffert im Jahre 1883, zur Z<nt des Blutbeschuldigungs-Prozesses, ein vielgenannter. Szeyffert, der damals Oberstaatsanwalt- Stellvertreter war, figurierte in jenem Prozesse, der weit über die Grenzen des Landes hinaus Aufsehen verursachte, als öffentlicher Ankläorer. Sein puritanischer Charakter, an den auch nicht der Schattin eines Verdachtes heranreichte, prädestinierte ihn förmlich dazu, dass in jener leidenschaftlich erregten Zeit jedermann mit Beruhigung und Vertrauen zu ihm hin aufblicken konnte, und seine ehrliche Seele, sein klarer Geist wussten in allen Lagern Achtung zu gebieten. Sein ehrlicher Charakter trat aber erst so recht hprvor. als er. durchdrungen von der Unschuld der Verklagten, die Anklage fallen Hess und er — wie jeder unerschrockene Wahrheitskämpfer — unter Angriffen zu leiden hatte. R. K.