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Die Welt · 1903-03-13 · 11 (13.3.1903) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
11 (13.3.1903)
Article
Aus unseren Büchern
Date
1903-03-13
Page
15 (sequence 1)
Language
German
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Aus unseren Büchern. Stimmen in der Nacht. Es war in den Ruinen Jeruscholajims — Die Nacht überfiel tückisch den hellen Tag. Es ward finster ohne Uebergang, das Tageslicht erlosch plötzlich; dämmerungslos erstarb die Helle. Da trat Rabbi Jose, der des Weges daherkam, in das alte Gemäuer, um ein Gebet zu verrichte». Er wollte von den Vorüberziehenden nicht in seiner Andacht gestört werden. Er wollte allein sein mit seinem Gott. So trat er in das alte Gemäuer. Und als er aus den Ruinen hervortrat, erblickte er einen Mann am Eingange. Er erkannte in Ilm den Propheten Eliahu. Und der Prophet sprach ihn also am: „Friede sei mit dir, Herr!" „Friede sei mit dir, Herr und Geloteter!" sagte der Rabbi. „Wozu tratest du in diese Ruinie?-' fragte der Prophet. „Um zu beten,tf sagte der Rabbi. „Warum verschmähst du es, auf der Strasse zu beten?« „Ich fürchtete, gestört zu werdend Da senkte der Prophet seine Stimme und fuhr fort: „Mein Sohn, was hast du in dieaeon Gemäuer vernommen?" „Ich vernahm Stimmen in der Naclifc; sie erschollen sehnsuchtsvoll und traurig, wie das Klagen der Tauben in der Nacht♦. .und an mein Ohr drangen il& Worte: ,Wehe, dass ich meinen Tempel verbrannt und meine Kinder vertrieben .. „Beruhige dich. Dreimal sind dLfese Stimmen im Tage zu hören .. . und wenn Israel in seinen Bethäusern in der Fremde sich versammelt, um Gott zu preisen, da sitztEr auf einem Throne und spricht:,Wie glücklich ist der König, dem man in der eigenen Burg huldigt. . .-wie weh ist es dem Vater, der seine Kinder unter Fremden weiss . ♦. wie weh den Kindern, die der Vater verjagt. .. Also sprach der Prophet. Wanderung. Einst hatte ein Mann auf seiner Wanderung einen Kampf mit einem Wolfe zu bestehen. Er erzählte, als er später unter Memsenen kam, von den bestandenen Aengsten und Leiden, Man hörte ihm mitleidig zu, denn man verstand die Gefahr. Und da der Mann keinen eigenen Herd hatte, wanderte er immer weiter. Er zog durch Wässer und Wüsten. Da sprang ihm einmal in einem gottverlassenen Himmelsstriche ein grimmiger Leu entgegen — Dem armen Wanderer schien es, iass seine letzte Stunde geschlagen habe. Der Schrecken fuhr ihm durch das Herz und machte ihm das Blut erstaifen. Doch besann er sich und entfloh - der Leu erreichte ihn nicht. Und als er wieder menschliche Siedlungen erreichte, erzählte er nicht mehr von der Wolfsgefahr. Der grimmige Leu, das war der Inhalt seiner Geschichten. Was bedeutet auch ein Wolf gegenüber einem Leu? Und die Menschen schüttelten das Haupt und bemitleideten den armen Wanderer. Doch wem Gott zürnt, der muss immer wandern. Und der Arme zog durch neue Wässer und neue Wüsten. Da kam er unversehens in die Höhle eines Drachens. Die Angst lähmte ihm die Glieder. Das Ungeheuer glotzte ihn an und der Arme brach zusammen — Weiss Gott, wie es kam; aber als er aus seiner Betäubung erwachte, war die Gefahr vorüber — Und wieder kam er in die Stätten menschlicher Gemeinschaft* Das Abenteuer mit Wolf und Löwe war aus seinem Gedächtnisse getilgt. Er erzählte nur noch vom letzten Wunder — So ist das Goluth. Die neuen Leiden lassen uns die alten vergessen. Denn jedes neue Leid ist grimmiger als das alte. Und die Leiden haben kein Ende, so lange wir wandern. Dav, R. Goluth. Der Optimist. Schön ist die Welt und schöner wird sie immer, Die Menschheit strebt mit Kraft emporzum Licht. Das Gute siegt. Schon glänzt der holde Schimmer Der Weltenliebe näher. Zweifelt nicht! Drum opfert froh euch für die andern weiter, Sie danken's euch noch einst, ihr Zukunftsstreiter. Der Pessimist. Wohin ich schaue, Elend, Leid und Jammer. Ihr. Gottes Priestervolk? Sein liebes Kind? Von je war't Ihr der Amboss jedem Hammer, Ein steuerloses Boot in Nacht und Wind. Was sucht ihr armen Schächer noch auf Erden? Nie wird es besser. Schlimmer nur kann's werden. Der Prediger. Was Gott tut, das ist wohlgetan. Sein Wille Hat euch zerstreut, darum müsst zerstreut ihr sein. Er wird euch helfen. Haltet nur fein stille, Vergesst das Beten nicht und denket mein, Der ich vor euch so oft und schön gepredigt habe. Seid dankbar, so wie ich, auch für die kleinste Gabe. D e r S a 11 e. Jud her, Jud. hin! Was soll das viele Schreien? Ich spüre nicht, dass uns so schlecht es geht! Seht, wie Geschäft und Handel mir gedeihen, Und wie so fest der Kurs seit langem steht! Ja, jüngst bekam ich gar noch einen Orden! Nur Lumpen leugnen, dass es besser worden. DerPraktische. Und schreien „Tod den Juden * auch die Haufen, Mir macht der Rummel wahrlich gar nicht bang. Ich lasse mich und meine Kinder taufen. Heut' lohnt sich reichlich frommer Kirchengang. Will meinen Judenhass auch nicht verhehlen. Nur praktisch sein, dann kann es niemals fehlen! Ernst Er dmann.

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