Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-03-13 · 11 (13.3.1903) · p. 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
11 (13.3.1903)
Article
Karlsruhe [Nachricht]
Date
1903-03-13
Page
9 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316032--38532-3330291
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

[fem -54®Ä # W©Eöb Seite 9 de r rs r a ecl i fei ste ti e n - S y h ö d ej die beide ein Werk des Verstorbenen1 waren, eine Grabrede, in welcher dem ausgezeichneten Manne Dank gesagt wurde für sein Wirken auf dem Oebiete tfer Schule und des Kultus. Die badischen Juden haben "Ursache^ den verstorbenen Minister zu betrauern, -da unter seinemf Regime die Verwaltung der israelitLschen Kultüsangelegenheiten Regierungssache wurde und dieselbe gleich der anderer Konfessionen jene festg€- regelte G;estalt:annahm, auf welche die Juden anderer Länder mit Bewunderung blicken. Stuttgart Der „Verein für Unterstützung hiesiger und durchreisender israelitischer Armen8 hat in früheren Jahren für einheimische Juden 2000 Mark ausgeben müssen und 500 Durchreisende unterstützt, im Jahre 1902 aber für erstere 3000 Mark gebraucht und 1500 Durchreisenden geholfen. Solche auffällige Verschlechterung der Lage der Juden tritt uns, Ziffern massig belegt, aus allen Ausweisen humanitärer jüdischer-Vereine entgegen. Frankreich. ... Paris. Bekanntlich soll der Bericht über die Wahl des Deputierten Syveton den Ausgangspunkt der neuen Dreyfus-Campagne bilden. Dieser Bericht soll nun in den nächsten Tagen auf die Tagesordnung der Kammer gesetzt werden. Die nationalistischen und antisemitischen Blätter bereiten bereits ihre Leser durch allerlei Berichte vor. Ueberdies haben die Antisemiten die Gelegenheit ergriffen, um; für ihre antisemitischen rumänischen Gesinnungsgenossen zu demonstrieren. Bei der Q u i ne t - Säkularfeier wurde dem Vertreter Rumäniens, dem Gesandten Ghik-a, ein besonderer Anteil zugewiesen. Als er bei dem Festakte in der Sorbonne erschien, begrüsste man ihn mit . wahren Beifallsstürmen, die sieh erneuerten, al s er seine .Ansprache beendet hatte. Diese demonstrative Ehrung sollte wohldie Antwort auf die Angriffe P r e s s e n s e s und vielleicht auch auf den Brief Bernard L a z a r e s sein, der erklär! hatte, er könne der Aktion für die Armenier solange nicht beipflichten, als man die schnöde Verletzung des Berliner Vertrages durch die gewissenlosen rumänischen. Staatsmänner ruhig hinnehme. Rumänien ist also wieder einmal rehabilitiert. England. London. In der Versammlung des jüdischen »Board of Dep'uties" in London, in der Mr. D. L. Alexander zum Präsidenten des „Board" gewählt wurde, was eigentlich sehr viel bedeutet, da Mr* Alexander der erste „ Aschkenasi" ist, der diese Würde bekleidet, wurde die Frage des Einwanderungsverbotes in Süd-Afrika wieder aufgerollt Mr. Joseph Prag erzählte von den Unbilden, die den jüdischen Einwanderern seitens der Behörden, wie auch der Dampfschiff-Gesellschaften widerfahren sind und zeigte, dass der Sinn des Gesetzes über die Befähigung einer Person zur Einwanderung nur die Bedingung des Vorhandenseins von Existenzmitteln, nicht den Besitz dieser Person an Geld bedeute, sondern an Arbeitsfähigkeit und . physischen Kräften. Was aber den zweiten Punkt anbetrifft, nämlich die Unkenntnis einer europäischen Sprache und die daraus gefolgerte Ignoranz, so sei das am allerwenigsten . richtig, da die Juden eine europäische Sprache kennen, - nämlich den Jargon, und trotz ihrer Unkenntnis einer anderen Sprache, in geistiger Beziehung sicherlich gute& . Material bilden. Mr. Prag erzählte, „er habe schon ein Telegramm diesbezüglich an den General—A ttorney geschickt und von ihm zur Antwort bekommen, dass die Frage von ihm in Erwägung gezogen werde". Im Sinne der Anerkennung des Jargons als einer vollberechtigten Sprache waren auch . die Mi-tglieder des „Board of Deputies" einig. Russland. Reval (Esthland). In diesen Tagen starb hier im Alter von 52 Jahren der Kontrollor an der hiesigen Abteilung der. Reichsbank Herr Leopold F ei t e1so h n. Dass : ein Jude einen so vertrauensvollen Regierungsposten in Buss- 1 an(i bekleidet, ist wohl als Ausnahmefall zu verzeichnen. Der Verstorbene blieb seiner Religion treu, obwohl, wie es verlautet, ihm seitens des Finanzministers ein bedeutend höherer Posten angeboten worden ist, falls er die St'aatsreligion annehmen würde. Im Laufe seines lang- 1 jährigen eifrigen Dienstes hat sich Herr Feitelsohn, ' dankseiner Liebenswürdigkeit allerseits Liebe und Achtung Erworben. Infolgedessen hat auch sein plötzlicher Tod grosses Aufsehen in allen Kreisen der hiesigen Gesellschaft •erregt. An der Beerdigung haben die höchsten Beamten 'sämtlicher!Ressorts mit dem Esthländisehen Vize- Gouverneur an der Spitze, sowie fast die gesamte Grosskaufmannschaft teilgenörnUflelä: " —n. Petersburg. Im hiesigen Senate gelangte vor kurzem ein Prozess zur Austragung, welcher von der nationalrussischen Presse lebhaft besprochen und kommentiert wird. Zur Charakteristik der Lage unserer Volksgenossen in Russland liefert;aber der Prozess und die Zeitungsdebatte ein wertvolles Material. Der jüdische Tanzlehrer Dawinghof erwirkte infolge einer Empfehlung des Balletmeisters des kaiserlichen Mich ailow-Theaters, P e t i p a, vom Petersburger Stadthauptmann General K 1 e i g e 1 s die , Erlaubnis zur Eröffnung einer Tanzschule in Petersburg. Auf Grund dieser offiziellen Autorisation mietete Dawinghof am Newsky-Prospekt eine elegante Wohnung, möblierte dieselbe luxuriös unttl eröffnete seine Tanzschule. Allein wenige Wochen darauf ordnete derselbe General K 1 e i g e 1 s die Sperrung der Tamziokalitäten an. Der Grund hiefür lag darin, dass Klei g eis bei der Erteilung der Erlaubnis angeblieh nicht gewmsst hatte, dass Dawinghof Jude sei. Aber diese Sperre hatte den jüdischen Tanzlehrer ruiniert und in grosse Schuldest gestürzt. Dawinghof strengte deshalb gegen Kleigels einen Prozess wegen Schadenersatzes an. In der ersten Instanz verlor Dawinghof den Prozess, in der zweilen aber gewann er ihn. Der Prozess gelangte nun infolge d«er Nichtigkeitsbeschwerde des Generals Kleigels zur Verhandlung im Senate, der letzten Instanz. Der Senat wies die Nichtigkeitsbeschwerde ab und verurteilte den Stadthaugitaann von Petersburg zur Zahlung einer Schadenersatzsumme von ungefähr 40.000 Rubel». In der Urteilsbegründung erklärte der Senat, dass General K l e ige Is durch seiine Unvorsichtigkeit und Unüberlegtheit den Wohlstand ies Juden Dawinghof vernichtet habe. Aber dieses Urteil rief in den judenfeindlichen Blättern Russlands eine Hetze gegen den Senat hervor, welche eigentlich eine scharfe Judenhetze genannt werden kann. Fürst Meschischerskij zum Beispiel erklärt in seinem „Graschdanin4"., dass derartige Urteile, zumal wenn sie zugunsten von Juden gefällt werden, nur geeignet seien, die Autorität iisr Behörde zu untergraben, während die „Nowoje Wremja"1 sich in scharfen Worten gegen die Verleihung von Konzessionen jeglicher Art an Juden wendet und die russische Justiz zur Vergewaltigung auffördert, sobald die 'Objekte dieser Vergewaltigung nicht dem orthodoxen Glauben angehören! Sewastopol. Wie der „Krymskij Wjestnik" meldet, hat der Stadthauptmann won Sewastopol die Polizei-Kommissariate der Stadt angewiesen, die in Sewastopol lebenden jüdischen Handwerker einer besonders verschärften Ueberwachung zu unterstellen und die Einräumung des Wohnrechtes an Juden dieser Kategorie nur anter sehr erschwerenden Umständen und Formalitäten zu bewilligen . . . Charkow. Eine chaajakteristische Debatte fand vor wenigen Tagen in der Gouvernements - Landschaftstafel von Charkow statt. Der jadische Arzt G r e i d e n b e r g, Chef des der Landschaft arterstehenden Spitales, wurde zum Privatdozenten an der Charkower Universität ernannt. Er wandte sich deshalb an die Stände-Verwaltung mit der Bitte, die Kranken dt^s Spitales bei seinen Vorlesungen als Demonstrations-Matenialbenutzen zu dürfen. In der Sitzung, in welcher das Gesuch des Dr. Greidenberg einor Beratung unterzogen wurde, erhob sich ein Mitglied der Stände-Verwaltung, uinn für die Abweisung des Gesuches zu plaidieren und erklärte unter anderem: „Es ist überhaupt unbegreiflich, tSass man den wichtigen Posten eines Leiters des ständischen Spitales gerade einem Juden anvertraut hat, der vom niemandem geachtet wird..." Dem Gesuche wurde zwar infolge Intervention des Vorsitzenden stattgegeben, aber der Unzufriedene sinnt nach Mitteln, um dem jüdischen Arzte die Leitung des Spitales zu entreissen. Winniza.g (Gouvernement Podolien). Wie die gutunterrichtete „Kiewskaje Slowo" meldet, wurde der Bürgermeister der Stadt di&s.er Tage von dem Gouverneur beauftragt, die Vorsteher land Kuratoren sämtlicher jüdischer Wohltätigkeitsanstalten und Wohlfahrtseinrichtungen ihrer Aemter sofort zu entheben. Im jüdischen Spitale wurde sogar der leitende Arrat seines Amtes enthoben. Die Gründe dieser Massnahmen gibt das Zirkular des Gouverneurs nicht an . . . Gt. Nordamerika. Washington. Der Kongress hat die Immigrationsbill angenommen. Es wurde beschlossen, dass sieh einige Staatsbeamte nach Earopa begeben müssen, um die Lebensbedingungen der Eunigranten an Ort und Stelle kennen zu lernen. Den Anarchisten ist die Landung völlig verboten. Die Prüfung der Kenntnisse der Einwanderer ist aufgehoben und allen Passagieren ohne Ausnahme eine Taxe von 2 Dollars auferlegt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.