Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 11 (13.3.1903)
- Article
- Esther
- Date
- 1903-03-13
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seit* 6 wöte & wm?: Nr. 11 Zorn der grundlosesten Eifersucht zu sänftigen. Hamän fällt* Mit ihm sein Haus. Esther hat durch ihr Bekenntnis in letzter Stunde ihr Volk gerettet. Der kluge Mordechai kommt an Hamans Stelle, wird erster nach dem Könige. Die Tat war vollbracht, Esthers Wagnis gelungen. Alles Grosse, Tragische, das die Seele dieses Weibes emporgehoben, ihr neue, hohe Wonnen bereitet, ihr die Lust des Lebens an der Angst des Todes glühend entzündet hatte, sinkt wieder langsam zusammen, wie lodernde Brände zu toter Asche werden. Glühen noch Funken in der Asche? Vielleicht! Vielleicht aber ist nichts mehr geblieben, woran sich neue Feuer entzünden körinten. Arme Königin voller Tagesklugheit! Folgsam dem Befehle des Pflegevaters, folgsam dem Befehle des Königs, immer die kleine Hadassa, auch im Königspurpur! Goluth- Königin! Mit der Jämmerlichkeit des Goluth in der Seele, mit dem dumpfen Schmerze des Goluth im Herzen* Voll der süssesten Träume von Schönheit und Freiheit, durchwühlt vom Verlangen nach dem Leben und immer wieder gezügelt durch praktische Klugheit, durch seelisches Unvermögen! Königin Esffier, bettelarme, die keine Elternliebe, keine MutterzärÜichkeit gekannt hat in ihrem Aufblühen und die Gnade gefunden vor den Äugen des Königs!---- Lasst uns den Fasttag der Esther feiern! So wird Purim der richtige lustige Tag des jüdischen Goluth. Dr. Sieg. Werner. Golusfeste. Purim ist ein Golusfest, wie kein anderer unserer historischen Gedenktage. Fern vom Heimatlande, auf fremdem Boden entstanden, trägt dieser Festtag mit dem ihm vorausgehenden Fasttage alle traurigen Merkmale des Exiilebens an sich. Er bildet gewissermassen den Prolog zu dem grossartigen, welterschütternden Trauerspiele, das uns der grosse Zunz im folgenden so treffend geschildert hat : „Wenn es eine Stufenleiter der Leiden gibt, so hat Israel die höchste Staffel erstiegen; wenn die Dauer der Schmerzen und die Geduld, mit welcher sie ertragen werden, adeln, so nehmen es die Juden mit den Hochgebornen aller Länder auf; wenn eine Literatur reich genannt wird, die wenige klassische Trauerspiele besitzt, welcher Platz gebührt dann einer Tragödie, die anderthalb Jahrtausende währt, gedichtet und dargestellt von den Helden selber?" Eine solche Tragödie konnte auch nur im Golus, in der Fremde zur Aufführung gebracht werden und deren Prolog, der Purim, oder vielmehr das Wunder, welches durch diesen Tag gefeiert wird, ist auch das erste Erlebnis unseres Volkes auf fremdem Boden, das erste traurige Erlebnis, das so typisch geworden ist für viele, viele traurige Erlebnisse, die unser Golusleben zu verzeichnen hat. In unseren Gebetbüchern befinden sich unter einer einleitenden Dankesformel zwei Dankgebete nebeneinander. Beide feiern das Wunder der Errettung und doch, wie verschieden sind sie von einander: Chanukah und Purim! Chanukah erzählt uns ebenfalls ein Wunder; es berichtet von dem Löwenmut eines Volkes, dss sich mit verschwindend schwachen Kräften dem weit überlegenen Heere eines Riesenfeindes im Todeskampfe gegenüberstellte und einen wunderbaren Sieg davontrug. Die Begeisterung schuf Wunder von unvergesslicher Bedeutung. Purim feiert einen Zufall, die wechselnde Laune * eines orientalischen Herrschers, der einen Teil seiner Untertanen einem Günstling für zehntausend Silberschekel verkauft, damit dieser sie samt den Weibern und Kindern an -e 1 nem einzigen Tage (mittelst des Loses wurde dieser Tag auf den 13. Adar anberaumt) schonungslos hinschlachte/ Und ein Wunder geschieht; der Tyrann überliefert seinen Günstling dem Galgen und die dem Tode geweihten Juden seines Reiches sind vor dem drohenden Untergang bewahrt. Chanukah erinnert uns an eine Zeit, wo wir auf eigenem Boden gesessen, das eigene Land mit Heldenmut und Kriegerblut verteidigt und gerettet haben. Purim erzählt uns von dem Leben in der Fremde, von dem Schicksale heimatloser Fremder, deren bürgerliche Wertschätzung von der Laune eines Herrschers, von der Zu- oder Abneigung eines Hofgünstlings abzuhängen pflegt. Und was wir bei diesem ersten Aufenthalte in der Fremde erlebt, was zur Zeit Hamans, des ersten judenfeindlichen Hofgünstlings, geschehen ist, hat sich in unserer langen Golusgeschichte oft wiederholt. Sehr charakteristisch finde ich eine Talmudsteile, die hier mitgeteilt werden soll. Auf die Frage nämlich, weshalb man denn nicht am Purim das grosse „Hallelu (die Gruppe der Dankpsalmen 113—118) gleich wie am Osterfeste, der Erinnerung an die Befreiung aus egyptischer Knechtschaft, sage, wird bemerke, dass im „Hallel* »die Diener Gottes ihren Erretter loben, die aufgehört haben, Knechte Pharaos zu sein; die Rettung unter A h a s v e r dagegen bezog sich nur auf unser Leben; aber unsere Freiheit aus Ahasvers Knechtschaft sei durch jenes Wunder nicht erlangt werden". Wir sind Knechte, sind in der Fremde geblieben. Der persische Purim steht nicht vereinzelt da, ist nicht der letzte Purim in unserer Geschichte. Der hebräische Historiker S, P. Rabinowitz hat es versucht, zur 800jährigen Erinnerung an den ersten Kreuzzug (1096—1896) eine „Fastenrolle des Golus", ähnlich der aus der Zeit unmittelbar vor und nach der Zerstörung des zweiten Tempels überlieferten „Megillath-ta'anith" abzufassen 1), in welcher er, nach Zunz2), Simon son3) und anderen, von ihm selbst neuerschlossenen Quellen, die Fast- und Festtage aufzählt, welche seit dem Ausbruche der Judenverfolgungen unter den ersten Kreuzfahrern bis zum letzten Jahrhundert in einzelnen jüdischen Gemeinden oder Ländern begangen werden. Die Fasttage sollen hier nicht in Betracht gezogen werden, da wir ja nur von Festen sprechen wollen, allerdings von Festen, die im Golus entstanden. Und es gibt ihrer eine beträchtliche Anzahl, die den Namen „Purim" tragen. Die meisten zeichnen sich, wie der alttraditionelle persische Purim, durch einten vorhergehenden Fasttag aus: an manchen unterbleibt jede Arbeit und Beschäftigung, an anderen wird teils im Achtzehn-Gebete ein entsprechendes Dankgebet eingeschaltet, teils eine eigene, die „Retturg" des Tages erzählende „Megilla* verlesen. Zur ferneren Charakteristik dieser „Golusfeste" sei noch zugegeben, dass derselbe Tag, der in einer Gemeinde als Fest- und Freuden tag begangen wird, in einer anderen jüdischen Gemeinde als Fast- und Trauertag gilt. So z. B^ fällt der „Purim" auf der Insel C h i o s (8. Ijar) mit dem unglückseligen Gedenktage des ersten Judenmordens in den Rheingegenden (Speyer) während des ersten Kreuzzuges zusammen. Im folgenden seien die bekanntesten „Purim"-Feste nach Rabinowitz aufgezählt: 8. Ijar: Purim auf Chios. IL Ijar: Purim in Angora (Kleinasien); 11. Siwan: Purim in Urbino. 27. Siwan: Purim in Florenz mit vorhergehendem Fasttag. *) „Achiasaf'-Kalender 1896. 2) Ritus. 3) Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft der Juden 1894.