Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 10 (6.3.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-03-06
- Page
- 18 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 18 „Die # Weit" Nr. 10 aber jene, die ihn verstanden, wendeten ihr Gesicht von dem mitleiderregenden Anblick ab. Sie wussten, dass er, wenn er aus der Gass' dranssen war, wieder der gebrochene Mann mit den tastenden Schritten sein werde, der mit dem Stock den Boden vor seinen Füssen tastend prüfte. Das waren jene, die Jossef in seinen sehenden Tagen gekannt hatten, als er zu den hübschesten Männern der hegend zählte. Er war nicht so schön von Gesicht, aber er hatte ein Paar kühner, lachender, blauer Augen und einen Körper wie eine junge Eiche. Auf allen Jahrmärkten hatte er sich bei den Spielen und Wettkämpfen belustigt, „wie ein Goi", sagten die Frommen und schüttelten die Köpfe, er aber trug stets die Preise für die Kraftproben davon. Nicht ein Mädchen sah nach ihm, ohne dass ihre Augen mit liebenden Blicken auf ihm ruhten, und man wusste eine Geschichte von der Tochter eines reichen Gutsbesitzers, einem Cliristenmädchen«, die vor Liebe zu ihm ganz toll war. Er bekam auch häufig Heiratsanträge von jüdischen Mädchen mit grossen Mitgiften, aber er hatte sein Herz der Tochter des armen Schulklopfers geschenkt, der schönen, koketten Channele, und er wollte keine andere ausser ihr. Doch nahm die zwei niemand ernst. So lange waren sie schon verlobt, dass die Deute es als ein Spiel ansahen,, das sie in ihrer Kindheit gespielt und dann aufzugeben vergessen hatten. „Er hat nichts, sie hat nichts, wovon wollen sie leben?" sagten die Leute und zuckten geringschätzig die Achseln und Channeles Vater, der alte Schulklopfer, schalt beständig: „Du könntest Mordche, den Hausierer haben, und du, Jossef, ein Mädchen mit einer Mitgift — ihr zwei seid ein paar Narren, worauf wartet ihr denn?" Aber Jossef und Channele sahen einander in die Augen und sagten: „Wir wollen dennoch warten." Channele war eines der ärmsten Mädchen in der Gass', aber sie hatte ein Gesicht, bei dessen Anblick die Männer zahm und schwach wurden, und Channele hatte es am liebsten, sie so zu sehen. Man wusste, dass sie im Spezereiladen alles schwerer gewogen bekam, denn sie warf solch verführerische Blicke aus ihren griinlichblauen Augen, dass der lange Eisack, der Kommis, weder Wage noch Gewicht sah, und gewisse junge Leute machten stets einen Umweg um des Schulklopfers Haus herum, „seine Bauart zu bewundern," sagten sie mit Augenzwinkern. Wenn Channele mit den Männern zu viel kokettierte, sass Jossef blass und grimmig da und ging mit den Bauernmädchen zum Tanz, dann schmollte Channele; aber bald gab es ein Gerede in der Gass' und die Geschwätzigen kamen zu Jossef und sagten: „So ist es also aus zwischen dir und Channele? Der lange Eisack lauft jeden Tag hin. Man sagt, es wird ein Paar werden.' In drei Sätzen war Jossef wieder an Channeles Seite und fragte mit unheilverkündender Stimme: „Was heisst das, Avas die Leute sprechen?" Channele hob ihr rundes, weisses Kinn in die Höhe, blinzelte durch die langen Augenwimpern nach ihm und sagte? „Nu, warum nicht? Du weisst, es ist bloss ein Seherz zwischen dir und mir/' Jossef wütete und tobte und schwor, eher würde er sterben und Channele mit ihma bis sie sich ihm an den Hals warf und lieblich sagte: „Du wilder Bär, du dummer, du einzigiger Geliebter!" : So liebten und quälten sie einander und warteten und hofften, bis jenes frohe Jahr kommen würde, in dem ihre Geduld belohnt werden sollte. Jossef war zur Stellung eines Werkführers in der Spinnerei vorgerückt. Er verdiente jetzt genug, um seinen Eltern die von ihnen so sehr benötigte Unterstützung zu geben und doch noch etwas zu erübrigen, um einen eigenen Herd zu gründen; aber in diesem Jahre war es Channele, die blass una trostlos dasass und weinte, bis ihre Augen rot wurden. In diesem Jahre kam Fräulein Rosalie Birnbaum (bei Nennung dieses Namens musste man vornehm den Mund spitzen) zu ihrem Onkel Beb Noach Finger hu t, dem grossen Schnittwarenhändler, zu Besuch. Fräulein Rosalie sah Jossef und — war verloren. Und Beb Noach lud Jossef zu Mittag und zum Nachtmahl; die Damen stickten ihm ein seidenes Halstuch und schenkten ihm eine Meer schaumpfeif e, und die Leute sagten: „Es ist ein Skandal, aber sicherlich werden sie ein Paar. Das Mädchen hat Geld wie Heu- Ein Glückskerl, der Jossef.' * Jossef trug die Nase hoch in der Luft. „Er übt sich, ein Kotzen3) zii sein," sagte die Gass' spöttisch, aber wenn sie sagten: „Nu, Jossef, kann man schon Masel Tow10) sagen?" Dann zuckte er bloss die Achseln und lächelte geheimnisvoll. Fräulein Rosalie kehrte in die Stadt zurück und eine Woche später wurde die Gass' durch die Ankunft des weit und breit berühmten Schadehen Beb David Maier, der sich geradeswegs nach Chaim Pragers Haus begab, in Aufregung versetzt. „Habt ihr gehört?" riefen die Leute einander zu, „er ist gekommen, Partie zusammenzubringen — zehntausend bare Gulden, sagt man." Man flog zur Spinnerei, Jossef zu holen, und auf der Stelle, so wie er in seinen Arbeitskleidern dastand, trug ihm Beb David Maier die Hand des Fräuleins Rosalie Birnbaum an, samt einem Anteil an ihres Vatvers Geschäft und dreissigtausend Gulden in Barem. Dreissigtausend Gulden! Leute von zarter Gesundheit fielen in Ohnmacht, als sie es hörten, die übrigen standen mit offenem Munde da und warteten, dass Jossef mit beiden Händen zugreifen würde. Was aber tat Jossef? Höre, Welt, die unglaubliche Mär! Er machte ein sehr ernstes Gesicht und sagte: „Dreissigtausend Gulden — wirklich — ein schönes Stück Geld, aber Ihr seid zu freigebig, Reb David, so viel anzubieten. Nein, ich bin nicht habgierig. Das Geld ist gut, aber das Mädel — das Mädel könnt Ihr Euch behalten." Dann schlug er die Faust auf den Tisch und lachte und lachte Heb David Maier ins Gesicht. Man musste den weit berühmten Schadehen mit Branntwein wieder beleben, aber Jossef sah man gleich darauf in Sehulklopfers Hinterhof stehen, wo er Holz spaltete, und Channele, in ihrem verschossenen Kattunkleide neben ihm. „Jetzt weisst du, wie es einem zumute ist, wenn man eifersüchtig ist, kleine Spitzbübin," sagte Jossef, aber Channele wühlte bloss mit ihrer kleinen Hand in seinem Haar und raufte es. Dann lachten sie zusammen, als ob das Leben nur eine lange Lustbarkeit wäre. Nicht oft lachten diese zwei wieder zusammen, denn schnell kam jene grauenvolle Nacht, die ein stilles Glück zerbrach, Channele zu einem verkümmerten Weibe machte und Jossef mit hoffnungsloser Blindheit schlug. Lose Blätter. (Aus Galizien.) Von David Rothblum. Beruf. Also waren die zwei Jahre um — Wie nur die Zeit so schwindet! Es ist ihm, als wäre es erst gestern gewesen. Da sass er an der Spitze des Tisches ernst, fast würdevoll. Die Freunde, die ihn mit ihrem Besuche beehrten, blickten neidisch auf die schöne Zobelmütze, die seinen Kopf zierte. Er war schweigsam, denn er hatte den ganzen Tag gefastet. Dann kam der „Servierer" mit einer grossen Laterne und rief mit lauter Stimme: „Heirei, Heirei, auf zur Kalleh!" Und sie gingen in das Haus der Braut. Obenan er, geführt von seinen älteren Brüdern und hinterher ein Tross von Verwandten und Bekannten, nahen und entfernten. Man kam ihm entgegen mit Musik, mit lärmendem Gesang. Dann befand er sich plötzlich im Hofe unter einem Baldachin an der Seite eines tief verschleierten Wesens, mit dem er vom greisen Rabbiner getraut wurde. Nun kam das grosse Rätsel, vor dem er in den Letzten Jahren wie vor einem versiegelten Buche stand, das ihn bei Tag und Nacht beschäftigte, das in seinen Gedanken und Träumen webte und lebte. Er konnte kaum den Augenblick erwarten, in dem sich der letzte Gast* entfernte — •) Reicher Mann. 10) Gratulieren.