Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 10 (6.3.1903)
- Article
- Aus unseren Büchern
- Date
- 1903-03-06
- Page
- 17 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316031-3329825--38451-3329967- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aus unseren Büchern. Unsere Mütter und unsere Schwestern wissen nur weniges aus den alten Folianten. Und selbst diejenigen Frauen, welche an der Regeneration unseres Volkes teilnehmen, die mit uns den grossen Traum träumen, haben kaum eine bleiche Ahnung von all den Schätzen, die jene vergilbten Blätter bergen. Wohl haben sie diese grossen, dickleibigen Bücher in den hohen ebenhölzernen Schränken ihrer Grossväter gesehen, wie sie in stattlicher Zahl unter anderem Familien seh muck nebeneinander standen, doch dürfte es ihnen kaum je eingefallen sein, irgendwelche Fragen zu stellen über diese monumentalen Ueberreste einer gewaltigen Kultur. Und doch waren es diese Bücher, die unser Schicksal bestimmt haben, die uns einen inneren Halt gaben in Zeilen, in denen wir haltlos von Land zu Land geschleudert wurden. Und doch sind diese Blätter neben den scharfen juristischen Auseinandersetzungen voll geschichtlicher Aufzeichnungen und kultureller Erinnerungen; voll der schönsten morgenländischen Märchen, der farbenprächtigsten Bilder, der tiefen Lebensgedanken und der leichten Splitter. Und all diese eigene, naturfrische Poesie schlängelt sich wie ein Rosenbeet durch die düsteren Felder der schweren Gedankenarbeit .... Was hätte nicht ein anderes Volk für solche Schätze gegeben! Haben do-c-h andere Nationen sogar zur Fälschung gegriffen, um sich in den Nimbus einer alten Kultur zu hüllen. Wir aber Mssachten all das, was wir besitzen und schauen inbrünstigzu dem empor, was wir bei anderen sehen. Wir bewundern das Fremde und haben für das Eigene kein Auge, Die Renaissance unseres Volkes aber ist auch eine Renaissance unserer Kultur. So sind die Worte, dass der Zionismus eine Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenl and sei, zu verstehen. Wir müssen dem Volke geben, was des Volkes ist, wir müssen es bekannt machen mit den Herrlichkeiten seiner Sprache, seiner Poesie und seiner Kultur. Und so wollea wir in diesen für die jüdische Familie bestimmten Blättern des öftern einiges aus der Poesie der altjüdischen Agadah und des Midrasch unseren Müttern und Schwestern übermitteln. Unseren Müttern und Schwestern — vielleicht lesen es auch unsere jungen Brüder. Die sind ja nicht wenig stolz auf unsere Vergangenheit, vielleicht regt sie die eine oder andere Zeile an, den Geist dieser Vergangenheit auch kennen zu lernen. Wir sind der grossen Schwierigkeiten unserer Aufgabe bewusst. Uefosrtragene Poesie gleicht der Treibhauspflanze, die bei all ihrer Schönheit und Pracht jener unmittelbaren Frisch & entbehrt, die ihr der eigene Boden verleiht. Geistreiche Wendungen sind oft wie die zarten Flügel des Kaiseroiantels, die bei der leisesten Berührung ihren Goldstaub elnbüssen. Und dazu ist die Poesie der Agadah so mannigfach l Bald ein Bild mit färben sattem Ton, bald eine blasse Skizze, da ein inhaltschwerer Gedanke, dort ein geistreicher Splitter, hüben ein naives Märchen, drüben eine beziefcmngsvoile Fabel . . . Wir wollen es versuchen D. R Idyllen aus der Gass'. Von Martha Wolfenstein., (Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.) (Fortsetzung.) Das näckstemal, als Jossef durch die Gass' ging, war die Luft mit wildein Geheul erfüllt. Aber der Plan wirkte nicht, denn Jainkele, der Dickköpfige, verdarb ihn. „Waruni brüllst du so?" fragte ihn Jossef, „ bat dich deine Mutter gehauen?" „Nein, sie kann es nicht," prahlte Jainkele, „ich lauf zu geschwind, aber wenn ihr mir einen Kreisel gebt, werde ich mich schlagen lassen." Clarele Dorfgeher entdeckte einen besseren Weg. „Es ist nicht wahr," sagte er, „dass der blinde Jossef einen entzwei bricht wie einen verdorrten Zweig, wenn man nur zu ihm spricht. Man muss sich nur höflich vor ihm verbeugen und sagen: „Guten Tag, Reb Jossef, gute Woch', gutes Jahr, möge Reb Jossef hundert Jahre leben. Haben Sie vielleicht ein Trenderl bei sich, das Sie nicht brauchen?" Er brummt etwas in den Bart oder er lacht auch, und man bekommt ein Trenderl, sogar ein grosses." Das war eine grosse Kühnheit, aber sie wurde allgemein angenommen, denn man kann doch einen Mann, der iimne:: die Taschen voll mit Kreiseln hat, nicht lange fürchten. Und <c,s erwies sich auch als eine Quelle grossen Vergnügens für die Gass', denn man muss wissen, dass ein Trenderl — obzwar es bloss ein vierseitiger Kreisel mit darauf eingeschnitzten Buchstaben ist — das beste Spielzeug der Welt ist, für Jung und Alt gleich g i eignet, und man kann damit mehr Spiele spielen als sieh je jemand?ai zählen die Mühe genommen hat. Ihr könnt' es unschuldig drehen wie ein Kind oder das Geschick und die Initialen des Geliebten damit wahrsagen lassen, wie törichte Mädchen es tun, oder ihr könnt damit leichtsinnig um Einsatz spielen, wie mit Würfeln, und — eins, zwei, drei — habt ihr eine Tasche voll Plutzermandelech 8) verloren. Jossef und Schimmele waren dicke Freunde geworden und während der blinde Mann dem Bocherl alle schlichten Gedanken seiner langen, schweigsamen Jahre enthüllte, lauschte Schimmele ernsthaft denselben und hatte eine Art, „ai Vetterl," an den geeigneten Stellen dazwischen zu rufen, dass Jossef, da er nicht sah, oft vergass, dass Schimmele nur ein Kind war, und in Seitenpfade abschweifte, die für ihn nur eine leere Wüste waren. Wie die Krüppela die ihre Missgestalt zu verbergen suchen, so verbarg Jossef seine Blindheit vor den Augen der Menschen, und wehe dem, der ein Wort des Mitleides äusserte. Er hatte die Gass' gehasst und gemieden, aber Schimmele war eine Versuchung geworden, der schwer zu widerstehen war; Jossef kam jetzt nahezu jede Woche in das Städtchen und sie hatten cm stillschweigendes Uebereinkommen getroffen, dass Jossef nicht durch die Gass' geführt werden sollte. Es war dies zv-'ischen ihnen so selbstverständlich, als ob Jossef bitter gesagt hätte. „Brauchen sie zu wissen, wie hilflos ich bin?" und Schimmele innig erwidert hätte: ^Nein, das sollen sie nichtI" Sie gingen jeder für sich, Schimmele ein wenig voraus, hinteT ihm Jossef, kühn ausschreitend^ auf die Gefahr hin, sieh den Hals zu brechen, und den Stock in der Hand mit Munterkeit schlenkernd. Einfältige Leute, die ihn erblickten, sprachen: „Wahrhaftig, es geht ihm unbesehrien ganz gut, wenn man bedenkt . . . /*' 8) Kürbiskerne*