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Die Welt · 1903-03-06 · 10 (6.3.1903) · p. 16

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
10 (6.3.1903)
Article
Jüdischer Almanach [Rezension]
Date
1903-03-06
Page
16 (sequence 1)
Language
German
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Seite 16 „Die Welt*4 Nr. iO Zeitschriften-Rundschau. Wir haben seinerzeit eine Besprechung des vom Berliner jüdischen Verläge herausgegebenen „Jüdischen Almanachs" gebracht. Seither hat das Buch in vielen Zeitungen eine meist lobende Kritik erfahren. Interessant ist nun, wie mancherlei Motive bei Beurteilung dieses Buches mitsprechen. Wir bringen deshalb zwei Besprechungen nebeneinander. Unter der Rubrik „Kleine Literarische Chronik" bringt das „Berliner Tageblatt" folgende Besprechung: „ Jüdicher Almanach". Herausgegeben von F e i w e 1 und Lilien. „Jüdischer Verlag", Berlin. — Ueber Titel und Verlag wäre man versucht, eine besondere kleine Abhandlung zu schreiben. Dabei würde man recht bemerkenswerte Momente aus der Volkspsychologie in die Betrachtung ziehen müssen. Wozu ein Jüdischer Verlag? Wozu ein „Jüdischer Almanach?* Das sind, gelinde ausgedrückt, Anachronismen. Ja, wenn es sich um die Herausgabe jüdisch-theologischer oder ähnlicher Werke aus dem Bereiche jüdischer Sonderforschung handelte! Dann gäbe es allenfalls noch einen Sinn, einen jüdischen Verlag zu begründen. Aber, um schöngeistige Arbeiten zu veröffentlichen, einen „jüdischen Verlag11 begründen — das ist wirklich mehr als überflüssig. Oder soll Deutschland, das nachgerade an konfessionellen Spaltungen und Spannungen genug autzuweisen hat, noch um eine neue bereichert werden? Sollte aber mit diesem „Jüdischen Almanach* etwa ein neues literarisches Kampf- und Propagandamittel für allerhand ungesunde, phantastische, schädliche Bestrebungen geschaffen werden, dann müsste man allerdings den schärfsten Protest gegen ein derartiges Unterfangen erheben. Mit diesen prinzipiellen Voreinschränkungen treten wir an die Beurteilung des Buches heran. Dann allerdings muss man rundheraus sagen, dass sowohl sein literarischer wie sein künstlerischer Inhalt ganz ungewöhnlich geschmackvoll und mannigfaltig anregend angeordnet ist. Auch die Ausstattung ist eigenartig und prächtig. Gegen die Gesamttendenz des "Jüdischen Almanach" als solchen können wir uns indessen nicht scharf und nicht entschieden genug aussprechen. J. K." Rezension der „Gegenwart" Nr. 49 vom 6. Dezember 1902: „Der „Jüdische Almanach", Jüdischer Verlag, Berlin, setzt sich in einem hochklingenden, feurigen Vorworte für die „jüdische Renaissance* ein, die seiner Meinung nach im Anzüge ist. Wie dem nun auch sei und wie immer man über die zionistische Strömung denken möge : sie hat etwas Kraftvolles, Anmutendes, Ehrliches, das sie von der *Mo9sisterei und von der Berliner Tiergarten-Plutokratie erquicklich unterscheidet. In den jungen Leuten, die sich für ein neues Ideal, eine vielleicht aussichtslose Bewegung begeistert mühen, lodert jene Flamme, die jeden anderen Kämpfer erfreut — auch wenn er im gegnerischen Lager steht. Der „Almanach" verdient fast durchwegs uneingeschränkte Empfehlung. Die Schriftsteller, die in ihm zu Worte kommen, die Künstler, die ihn geschmückt haben, sind bis auf ganz wenige Ausnahmen wirklich Berufene/ Natürlich macht sich die Berliner „Staatsbürger- Zeitung" (13. Februar) über das „Berliner Tageblatt" in seiner Weise lustig. Interessant ist, dass selbst dieses Antisemitenorgan nicht umhin kann, es anzuerkennen, dass die Juden offen als Juden auftreten. Es bestätigt sich eben, dass nicht der selbstbewusste, ehrliche Jude, sondern nur der sich anderen aufdrängende Assimilant Hass und Verachtung hervorruft. — r. Das „Israelitisohe Familienblatt11 brachte vor kurzem einen Bericht über das Stiftungsfest des Köthener akademischjüdischen wissenschaftlichen Vereines ,M accabia", worin es heisst, der Festredner habe mit flammender Begeisterung ausgerufen : „Jehuda Makkabi kämpfte mit einem kleinen Häuflein für seine Religion, auch wir geloben zu kämpfen für unsere heilige Religion und Ueberlieferung bis zum letzten Hauche.* Diese Notiz fand auch Erwähnung in Nr. 7 der „Welt" unter „Zeitschriften-Rundschau". Dies, besonders der letztere Umstand, veranlasst mich zu folgender Erklärung: Ich bin weit davon entfernt die Makkabäer als Kämpfer der religiösen Unabhängigkeit der Juden hinzustellen. Ich kann es nicht begreifen, wie der. Schreiber jener Notiz mir solche Worte in den Mund legen konnte. Abgesehen davon, dass eine solche Auffassung von den Verdiensten der Makkabäer um das Judentum, und wäre sie von einem deutschen Protestrabbiner aufgestellt worden, geradezu lächerlich klingen müsste, so würde ich, als Zionist, mich niemals soweit vergreifen können, über das Judentum als lediglich über '-eine religiöse Gemeinschaft zu sprechen. Zwar steht unser Verein als solcher dem Zionismus unparteiisch gegenüber, hat aber noch viel weniger mit der Religion irgend etwas Gemeinschaftliches, und so konnte ich aus diesem Grunde schon nicht das gesagt haben, was mir jener Notizschreiber zuschieben wollte, besonders nicht das letztere, nämlich: das Gelübde, für die Religion zu kämpfen. Ich habe überhaupt in meiner ganzen Festrede nicht ein einzigesmal das Wort „Religion* erwähnt, vielmehr unzweideutig genug von der Wiedergeburt des jüdischen Selbstbewusstseins gesprochen, und es konnte kaum jemand darin irgend welche religiöse Spuren entdecken. Ich schloss mit den Worten, dass das unvergängliche Beispiel jener, deren Namen wir führen, uns anspornen möge, mit Leib und Leben der heiligen Sache unseres Volkes zu dienen, mit Leib und Leben für das Ideal, das uns beseelt, für das jüdische Selbstbewüsstsein, das die Hauptaufgabe unseres Vereines ist, zu kämpfen, wie es in unserem Bundesliede heisst: Und mag der Feind auch dräuen, den alten Krieg erneuen. Trotz Kampf und Tod wir weichen ewig nicht, und bleiben treu bis unser Auge bricht. B. Katzinel, Ingenieur. Angesichts der immer mächtigeren Ausbreitung des Zionismus in Nordafrika (Egypten, Marokko, Tunis, Algerien) und der Notwendigkeit einer intensiven Propaganda daselbst, beschloss der zionistische Verein „Bar- K o c h b a" in Alexandrien, ein zionistisches Journal (monatlich) „Le messager sioniste" (Der zionistische Bote) zu gründen. Die Zeitschrift, deren erste Nummern bereits erschienen sind, die mit Rücksieht auf die Vielsprachigkeit des Landes in mehreren Sprachen geschrieben wird, also französisch, arabisch und spaniolisch (es wird auch eine Jargon-Abteilung geplant), wird auch infolge ihres sehr geringen Preises dazu beitragen, die zionistische Idee in allen Schichten der jüdischen Bevölkerung des nordafrikanischen Gebietes zu verbreiten. Der „Hazofe" hat jüngst einen Artikel über eine brennende Tagesfrage gebracht, und zwar in Nr. 35 über „die nationale Agitation*1. Gut ist gerade dieser Aitikel nicht. Er ist eine Wiederholung der längst bekannten und ausgesprochenen Klagen über den Indifferentismus des jüdischen Volkes — ein Heilmittel aber, ein Mittel, die zionistische Idee im Volke in allen seinen Schichten zu verbreiten, gibt uns der Artikel nicht an. Wir hätten von einem im übrigen so vortrefflich geleiteten Blatte grössere Aufmerksamkeit sehen Fragen gegenüber erwartet. Die „Hazefirah" befasst sich sehr lebhaft mit Tagesfragen, sucht dabei weniger dem jüdischen Publikum fernliegende Probleme und Fragen zu beleuchten, sondern den Zionismus, die nationale Idee zu propagieren, zu verteidigen und zu vertiefen. So wird zum Beispiel in dem Artikel in Nr. 28: „Zionismus und Hakatismus4, den Polen und besonders den Polen mosaischer Konfession, die den Zionismus begeifern möchten, klar dargelegt, dass der Zionismus nichts mit dem Hakatismus zu tun habe, nicht im Gefolge irgend einer chauvinistischen Partei stehe, sondern in jeder Beziehung eine Bewegung sei, die als eine fortschrittliche und nach Freiheit strebende betrachtet werden müsse. Auch die ökonomischen Artikel in der „Hazefirah*, die beinahe in jeder Nummer zu finden sind, tragen viel zur Kenntnis der wahren Verhältnisse der Juden bei. So erfahren wir zum Beispiel von der eingetretenen Krisis in den industriellen Zentren Russlands, die den Juden zugänglich sind, nämlich Lodz, Bialystok u. s. w. Wir werden auf die Proletarisierung der früher unabhängigen Kleinfabrikanten und das wachsende Elend des Volkes aufmerksam gemacht. Während nach den statistischen Angaben die Zahl der jüdischen Produzenten sich sehr gesteigert hat, ist der Markt für die Erzeugnisse kleiner Produzenten eingeschränkt worden. Die Not herrscht überall in diesen Gegenden unter der jüdischen Bevölkerung. Uebervölkerung, Ueberproduktion, Konkurrenz, das sind die Gründe des Uebels. Der „Hameliz" beschäftigt sich ausschliesslich mit der wenig aktuellen Frage des Vorzuges der hebräischen Sprache vor dem Jargon. Bei aller Achtung vor der Wichtigkeit der Frage müssen wir doch gestehen, dass sie nicht die wichtigste und nicht die einzig* ist. Als ob das Leben eines Volkes ausschliesslich in der Achtung auf seine Sprache bestünde! Das ist umso merkwürdiger, als der „Hameliz" selbst und selbst die eifrigsten Feinde des Jargons, wie zum Beispiel H. Li b oschitzk i, der Todfeind dieser armen Sprache, die Bedeutung des Jargons in der Gegenwart keineswegs in Abrede stellen können. Es ist im allgemeinen ein müssiger Kampf. Nicht die Meinung dieses oder jenes hebräischen Zeitungsschreibers wird auf die Geschicke des Jargons bestimmend wirken, sondern das Leben selbst. K.

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