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Die Welt · 1903-03-06 · 10 (6.3.1903) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
10 (6.3.1903)
Article
An die österreichischen Gesinnungsgenossen!
Date
1903-03-06
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 10 „Die Welt^ Seite 15 Die Firma C. Scharf & Sohn in Bieliia, die einen „Zion-Likör* führt, steht mit keiner zionistischen Organisation in Verbindung. Zur Stärkung der zionistischen Frauen-und Mädchenorganisationen sei diesen vornehmlieh die Erörterung von wirtschaftlichen Erziehungs- und spezifisch weiblichen Fragen, sowie die Kolportage jüdischer Familien Ii teratur nahegelegt. Der III. österr. Zionistentag findet endgültig am 28. und 29. Juli 1903 in Wien statt. Die erste Vorkonferenz ist am 25. Mäiadie zweite am 12. April 1903. Wegen Verschleiss-Artikel (siehe letzte Umschlag- )seite wende man sich an Sekretär Adolf Pol Lak. Bücherwelt. Theodor Herzls Roman „Altneulantie erscheint in russischer Sprache in Odessa unter dem Titel „Das wiedergeborene alte Land" in der vorzüglichen Uebersetzung des Dr. J. Sapira in Lieferungen aüs Volksausgabe. Bis jetzt sind bereits zwei Lieferungen erschienen. Gt. Syonism. Przez Dr. M. Nordaua, pra^l. M. Jahrblum. Lodz 1903. („Zionismus11 von N o r d a u In polnischer Ueb er Setzung.) Was will der Zionismus? Herausgegeben von der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland", Berlin, 1903. Eine Besprechung dieser Broschüre behalten wir uns für eine der nächsten Nummern vor. Jahrbuch für jüdische'Geschichte und Literatur. Herausgegeben vom Verbände der Vereine für jüdisc!i_e Geschichte und Literatur in Deutschland. Sechster Band, Berlin 1903, Verlag von M. Poppela uer, Essind&einesehrerfreulichenGedanken,dle die geistige Jahresbilanz der deutschen Juden wachruft- Die Beiträge werden von einem Bande zum anderen geringer und inhaltlich nicht reicher. Ausgeschlossen von diesem UrteiLsind nur drei Arbeiten: erstens die gelehrte, materialreiche ui d bei alledem durchaus leichtverständliche Vorlesung, dieProfessorWilhelm Bacher-Budapest über „Das altjüdische Sdulwesen" vor einem Jahre in Wien gehalten hat (die ab^r nicht in das Jahrbuch der reichsdeutschen Literatur-Vereine gehört), zweitens eine glänzend gesehene und wiedelgegebene Geschichte von Ulrich Frank: „Simon Eiehelkatz* und drittens die scharfsinnige historische Untersuchung von Dr. H. M. C. (Berliner Jurist), in der nachgewiesen wird, dass die bekannte Stelle des Neuen Testamentes: „Sein Blut komme über uns" (Ev. Matthäi, XXVII, 24 f.] ursprünglich einen Wortlaut hatte, aus dem die Unschuld der Juden an der Kreuzigung Christi klar hervorging und die erst nachträglich in judenfeindlichem Sinne abgeändert worden ist. — Weniger einzusehen ist die Notwendigkeit dej fortgesetzten Publizierung des Briefwechsels zwischen Z u n z und David Kaufm ann,denDr. M.Braun herausgibt. fUsind diesmal zumeist Briefe von Zunz ausseinen allerletztem Jahren,müde, immer wiederkehrende Gedanken eines Greises, denen nach unserer Ansicht auch der grosse Name kein Rechtauf diese verhältnismässig frühe Veröffentlichung geben kann. Dass sich die Geschichtswissenschaft des Herausgebers lediglich im Edieren von Akten,Gra bsteininschriften un d Korr espon den zen betätigt, hat gewiss seine individuelle Berecl) ügung; ruhmvoll für das deutsche Judentum ist es nicht, dass Gr ätz' Genialität durch den bürgerlichen Sitzüeis 8 seines Nachfolgers mehr als wünschenswert ein Aequir&Lent gefunden hat, zumal in einer an inneren und äusserem Anregungen für die historische Forschung so reichen Zeit. — Dr. M. L evin, der Prediger der Berliner Reform gern .feinde, schreibt unter dem Titel: „Kanzel und Katheder im Lichte des Judentums\ Der Inhalt entspricht dieser Überschrift nur zum Teil. Ein ausführlicher Abriss der Geschichte der jüdischen Predigt trägt nichts Neues zur Sache bei und lässt jede psychologische Motivierung der einzelnen Entwicklungsstadien vermissen. Den Zweck <Ler Predigt erblickt Verfasser ausschliesslich in der Erburang und verweist die Belehrung auf das Katheder. Folgerichtig spricht er von einem Vortragskatheder für das Volk, vergisst aber, dass in keinem Lande, wo Juden wohnen, d£a historischen, kulturellen und sozialen Voraussetzungen diir ein solches Volkskatheder vorhanden sind. — Ungleich bedeutender durch historischen Blick und Konzentration ist ein Vortrag von J. G u t m a n n-Breslau, „Ueber die Bedeutung des Judentums in der Gegenwart". Er bildete die piece de resistance der vorjährigen General-Versammlung des Deutschen Rabbiner Verbandes und hat schon durch die Person des Autors, der zu den wissenschaftlich hervorragendsten Rabbinern in Deutschland gehört, Anspruch auf Beachtung. Auf gewisse Verdrehungen Harnacks ist nichts Treffenderes und Vornehmeres erwidert worden und Guttmanns Ausführungen über Religion und Ethik könnten unseren Nur-Nationalen einiges zu denken geben. An diesen beiden Punkten wird nur wenig geändert durch die geschichtswidrige einseitige Betonung des religiösen Faktors im Judentum und durch die herkömmliche Verbrüderungs-Aussicht am Schlüsse; jedenfalls aber verliert dadurch die Arbeit als solche an Wert und Beweiskraft. Durchaus vorherrschend waren unsere Unlustempfindungen bei der Lektüre der beiden leitenden Aufsätze. Professor Martin Philippsons Rückblick auf die politischen und anderen Ereignisse hat im Vergleich mit früheren Jahren wenig an Unbefangenheit gewonnen; sein Verfasser ignoriert wieder mit vornehmer Gelassenheit die Dinge, die ihm nicht passen. Bezeichnenderweise hegt er starke Zweifel bezüglich des Aufhörens der antisemitischen Strömung, spricht von der „Selbstentwürdung" der deutschen Juden, von (im Vergleich mit Deutschland) „freieren und gerechteren Ländern des europäischen Westens", aber auch von einem neuen grossen Juda jenseits des Ozeans, womit die Vereinigten Staaten gemeint sind. Ueber die Wiederansiedlung der Juden in Portugal wird ausführlich Bericht gegeben : „In der Tat ein herrlicher Triumph des Rechtes und der Freiheit, einer jener Sterne, die die Nacht der Menschengeschichte tröstend und verheissend durchleuchten!tf Mit der sehr bestimmt ausgesprochenen Hoffnung, dass die rumänische Anleihe nicht zustande kommen werde — bekanntlich inzwischen durch die Tatsachen widerlegt — schliesst die Uebersicht. Von Zionismus, von jüdischer Renaissance, von der Versammlung in Minsk, von Kulturproblemen kein Wort. Herr Professor Philip p s o n will einfach nicht und die Sache ist erledigt. —- Weniger exklusiv ist Gustav Karpeles in seiner literarischen Jahresrevue. Er nennt nicht weniger als 246 Namen, die sich auf dem Gebiete der jüdischen Literatur ausgezeichnet haben, und es ist wohl unvermeidlich, dass diese Aufzählung an UeberfLüssigkeiten, Lücken und falschen Bewertungen leidet. Die Bucherscheinungen des Zionismus kann K ar p el e s bei den weiten Grenzen, die er sich steckt, nicht übergehen und begleitet sie mit grossväterlichen Mahnworten. Er sehnt sich nach einem grossen jüdischen Dichter und weiss nicht, dass in dem Jahre, über welches er berichtet, die gesammelten Lieder Ch. N. Bialiks erschienen sind. Die unverhältnismässig starke schönliterarische Betätigung, welche die letzten Jahre in unseren'Reihen ausgelöst haben, erfüllt ihn mit besonderen Hoffnungen, während sie jeden objektiv urteilenden Juden zur Vorsicht mahnen muss. Volks-Renaissancen werden nicht gemacht, sondern nur gefördert. Gustav Karpeles meint anders. Als ihm das Versehen begegnet, die JehudaHaievy-Edition von H. B r o d y „im wahren Sinne des Wortes ein nationales Werk" zu nennen — übrigens eine durchaus zutreffende Bemerkung — verklausuliert er sich mit folgenden Sätzen: „Denn welcher Richtung wir auch sonst huldigen mögen, dieses eine wird doch niemand ausseracht lassen dürfen, der auf dem Gebiete des Judentums etwas leisten will, dass all unser Können erfüllt und durchdrungen sein muss von der Liebe zu unserem Schrifttum, zu unser er Sprache, zu unserer Dichtung. Hier liegen die Quellen aller Erkenntnis, aller Kraft; von hier aus allein kann sich eine wirkliche jüdische Renaissance entfalten, denn nur hier liegt unsere Zukunft lu Wir können nicht glauben, dass sich hinter diesem Aufwand von deutschen Worten die wirkliche Ansicht eines besonnenen Literarhistorikers birgt. Der Pleonasmus ist mitunter ein Zeichen von Unbildung oder von Verlegenheit. Hier selbstverständlich das letztere. Die Verlegenheit charakterisiert die Herren Karpeles und Philipp son nicht minder als das ganze assimilationsgläubige reichsdeutsche Judentum. S. Health and Sanitation of the immigrant Jewish population of New York. By Maurice F i s h b e r g, Med. Dr., New York 1903. — Physscal Anthropology of the Jews. By M. Fishberg, Med. Dr. New-York 1903. In dem ersteren dieser zwei Bücher gibt uns der Verfasser ein Bild vom Leben der Juden in New- York in hygienischer und sanitärer Hinsicht. Er rekapituliert das schon vor ihm vielfach über die jüdische Krankheitsdisposition und ihre Immunität gewissen Krankheiten gegenüber Gesagte und gelangt zu dem Schlüsse, dass eine physische Erziehung den New-Yorker Juden unentbehrlich sei. Die zweite Broschüre ist eine anthropologische Untersuchung und wir behalten uns vor, auf sie noch einmal zurückzukommen. —k.

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