Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 10 (6.3.1903)
- Article
- Dr. Siegmund Werner [Nachricht]
- Date
- 1903-03-06
- Page
- 10 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Die <k Welt*9 Nr. 10 An die Mitarbeiter der „Welt". Dr. Siegmund Werner, hat im Anfang Februar a. c. die redaktionelle Leitung der „Welt" wieder übernommen und lädt seine Freunde und früheren Mitarbeiter ein, sich wieder schriftstellerisch an der „Welt" beteiligen zu wollen. Wdi-SbroDil*. Personafinachricht. Frl. Elvira Tuschak in Wien, Tochter des Herrn Max Tuschak, langjährigen Beamten der Schuhfabrik S. E. & H. Michelstädter, hat sich mit Herrn Isidor Weiss aus Budapest verlobt. Aus der „guten" Wiener jüdischen Gesellschaft Bei der letzten Kultuswahlen siegten bekanntlich grosse und kleine Künste über die Wiener Zionisten und alle Assimilantenblätter notierten den Fall freudigst in ihren Spalten. Hatten es doch die Zionisten gewagt, mit Lessing zu sagen, dass der reichere Jude für sie nicht der bessere sei; ja noch mehr, sie sagten, der reichere sei oft der schlechtere und die Würden der Kultusgemeinde blieben nur deshalb nicht im Besitze einer Familie, weil dort nur der Reichtum, nicht aber das Judentum erblich sei. Ketzer mit solchen Ansichten dürfen natürlich nicht durchdringen und die Angegriffenen Hessen sich den Sieg einen hübschen Batzen kosten. Welch reine Freude darob bei den Assimilanten, auch in Deutschland! Nun bringt der Mainzer „Israelit* folgende Korrespondenz: „Wien. Vorige Woche fand in der Minoritenkirche die Trauung der Tochter des Dr. Anton L o e w mit einem Sohne des Kommerzienrates Sigmund Eisler Edler von Terramare statt. Diese Ehe erweckt vor allem Interesse bei den Rassenpsychologen; ein getaufter Jude heiratet eine getaufte Jüdin; es ist hübsch vom Herrn Eisler, dass er wenigstens in der Rasse bleibt und für eine unverfälschte semitische Nachkommenschaft Sorge trägt. Der Kulturhistoriker wieder würde in dieser Trauung einen neuen Beweis für den Satz erblicken, dass der Glaubens Wechsel hauptsächlich in den Kreisen der reichen Juden heimisch ist, die heute die Kultusgemeinde beherrschen. Der Lokalhistoriker wieder würde dankbar anerkennen, dass die Wiener Hochfinanz wenigstens für Abwechslung in ihren Abfällen sorgt Der Sohn des Bankdirektors Feilchenfeld, gebürtig aus dem Posenschen, heiratete in der protestantischen Kirche, ein Verwandter des Direktors Ritter von Taussig in der Churkapelleder Stephanskircheu.s. w. ohne Grazie. Den Trauungsakt vollzog Bischof Marschall mit zahlreicher Assistenz; Bischof Marschalls Spezialitäten sind bekanntlich die Judentaufen. Unter den Priestern befanden sich auch mehrere frühere Lehrer des Bräutigams vom Schottengymnasium." Hr. Sigmund Eisler ist sicher ein strammer Deutschliberaler und unentwegter Anhänger der interkonfessionellen Schule. Aber seine Kinder schickt er zu den P. P. Schotten. Dass sich eine grössere Anzahl noch nicht getaufter Juden das Schauspiel ansahen, wollen wir nur kurz berühren; von dieser Schichte der Wiener Judenschaft nähme uns nichts wunder, als wenn sie Spuren von Selbstachtung zeigte; vielleicht wollten sie sich auch langsam an die katholischen Gebräuche gewöhnen. Die Satire ist bei der Schilderung Wiener Verhältnisse der einzige Trost, denn wollten wir solche Zustände ernsthaft besprechen, so würden uns die Ausdrücke der Entrüstung fehlen. Denn alle Feinde das Judentums entehren das Judentum nicht so, wie seine berufenen Vertreter." Austritte aus dem Judentum. Sekretär kais. Rat Doktor Lieben referierte in der Sitzung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde in Wien am 22. Februar a. c. über den Beschluss des Vertreter-Kollegiums, gemäss welchem die in Wien erfolgenden Anzeigen von Austritten aus dem Judentum den Kultusgemeinden der Geburtsorte der Ausgetretenen zur Kenntnis zu bringen seien und in geeigneter Weise dahin zu wirken wäre, dass sämtliche Kultusgemeinden in dieser Angelegenheit Reziprozität üben. Der Antrag des Vertreter-Kollegiums wurde zur Kenntnis genommen. Die Juden im Aargau. lieber die Juden im Aargau hielt vor Kurzem Herr Dreyfus, der Chef des schweizerischen Auswanderungskommissariates in Zürich, einen Vortrag. Bis zur französischen Revolution durften sich die Juden nur in Oberendingen und Oberlengnau niederlassen und mussten für ihre Aufenthaltsbewilligung alle 16 Jahre grosse Summen zahlen. Die Juden mussten in eigenen Häusern wohnen und eine Kopfsteuer zahlen. Nur mit grosser Mühe wurden diese Beschränkungen zur Zeit der „helvetischen Republik" abgeschafft Auf noch grösseren Widerstand stiess die Inkorporierung der Juden als Bürger. Erst 1878 wurde die Einbürgerungsfrage endgiltig erledigt. Seitdem allerdings hat die Schweiz ihren jüdischen Bürgern viel mehr Gerechtigkeit in politischer und sozialer Hinsicht widerfahren lassen als alle anderen Staaten des Kontinents. Wie innig der Namen der Eidgenossenschaft mit der zionistischen Bewegung verknüpft ist, weiss heute schon jedes jüdische Kind. „Brandes ist doch halt der JudM" Ein Freund unseres Blattes schreibt uns: Georg Brandes hielt unlängst Vorträge in einer grossen Kulturstadt Mitteleuropas. Am nächstfolgenden Tage wurde über Brandes in einer Gesellschaft von Parlamentariern und Journalisten gesprochen. Unser Gewährsmann hörte zufällig dem Gespräche zu* Ein links demokratisch er Parlamentarier und Chefredakteur einer linksdemokratischen Zeitung sagte bei dieser Gelegenheit zu seinem Nachbar: „Iah habe mir Brandes imposanter vorgestellt Er ist doch halt der JudV Vielleicht wird diese Bemerkung Georg Brandes Veranlassung geben, über die Judenfrage nachzudenken, denn er ist „halt doch der Jud\tf Das Ghetto von Modena. Nach einer lebhaften Debatte beschloss der Munizipiairat von Modena, das daselbst noch existierende Ghetto demolieren zu lassen. Das Ghetto besteht aus zwei Strassen: Blasiaund Coltellini, die sehr alt sind. Auf einer Karte Modenas von Boccabadati vom Jahre 1684 wird das Ghetto mit dem Namen „Recinto degli Ebrei" (Judensperre) bezeichnet. Das Ghetto ward im Jahre 1738 vom Herzog Francesco gegründet worden obwohl es schon seit dem vierzehnten Jahrhundert Juden in Modena gegeben hat. Castilianisch redende Juden. Drei Juden aus Rumänien — Moriz Kaufmann, Moremo H ar a vor und Menachem Aleas — wurden in Ellis Island (Vorstadt von New-York) angehalten. Es erwies sich merkwürdigerweise, dass diese drei Juden aus Crajovo in Rumänien ein reines Spanisch sprachen, wie es zuzeiten Isabellas und Ferdinands von Arragonien gesprochen wurde. In derselben Stadt gibt es eine ganze Gemeinde von spanischen Juden in der Zahl von 400, die von den spanischen Auswanderern direkt abstammen und ihre Sprache in vollständiger Reinheit. aufbewahrt haben. Es ist dies ein merkwürdiges Beispiel jüdischer Zähigkeit. Lord Roberts und die jüdischen Soldaten. Wie bekannt, hat Lord Roberts vor einigen Wochen dem jüdischen Militärgottesdienst beigewohnt, der bei Gelegenheit des Chanuka-Festes in der Zentral-Synagoge abgehalten wurde. Ein Londoner Jude, Herr Alfred S. Phillips, der in früheren Jahren als Freiwilliger in Indien gedient, hat Lord Roberts brieflich für seine Teilnahme am Chanuka-Gottesdienste gedankt Diesen Brief hat der Feldmarschall wie folgt beantwortet: „Geehrter Herr! Indem ich den Empfang Ihres Schreibens bestätige, spreche ich meine vollste Anerkennung für die freundlichen Gefühle aus, die es veranlasst haben. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, dass es mir grosses Vergnügen gemacht hat, dem Militärgottesdienste in der Synagoge beizuwohnen und mich bei dieser Gelegenheit zu den jüdischen Soldaten zu gesellen, die gleich ihren Kameraden anderer Bekenntnisse von loyalen und patriotischen Gefühlen beherrscht