Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 10 (6.3.1903)
- Article
- Die Wiener Kultusgemeinde
- Date
- 1903-03-06
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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leite 8 „Die Welt" Nr. 10 wegung, die seit Jahrhunderten der Welt sich offenbarte, nicht zu verstehen vermag. Was uns aber nicht gleichgiltig ist, was uns revoltieren muss, das ist das läppische Antasten unserer heiligsten Gefühle vor unseren eigenen Kindern. Dreizehnhundert Wähler haben bei der letzten Wahl für die nationalen, zionistischen Kandidaten gestimmt. Von den Tausenden nicht zu reden, denen das jetzige Gemeindestatut das Wahlrecht vorenthält und die unserer Bewegung anhängen. Welche törichte Vermessenheit hat den Mann beherrscht, dass er es wagte, unseren Kindern gegenüber in solcher Weise sich zu äussern? Doch mit Dr. David wollen wir uns nicht befassen. Es verlohnt sich wahrlich der Mühe nicht. Sollte er aber Beschützer haben, die ihn trotzdem unserer Gemeinde aufdrängen wollen, so mögen sie sich das Folgende gesagt sein lassen: Mögen die Herren, wen sie wollen, zum Rabbiner wählen. Sollte es ihnen aber einfallen, uns einen an t i z i o n is t is c h e n R ab b i n e r zu oktroyieren, so mögen sie wissen,dass es von dieser Stunde an keinen Frieden mehr in der Wiener Gemeinde geben wird. Soviel werden die Herren des Vorstandes, vom jüdischen Gemeindeleben wissen, um ermessen zu können, was es neigst, in einer von Parteien zerrissenen, friedlosen Gemeinde zu leben. Wir haben genug von der Spezies des Protest-Rabbiners in Wien, der Hass säet, statt Frieden zu stiften. Wir wollen als geistliche Führer Männerhaben, die den Frieden lieben und ihm nachgehen. Unsere Prinzipien werden wir bei jeder Wahl immer wieder betonen, das veraltete System der Wiener Kultusgemeinde immer zu ändern suchen, dabei aber uns solange ruhig bescheiden, als die Majorität unserer Brüder unser aufrichtiges, im strengsten Sinne jüdisches Streben nicht sanktioniert. Wollen wir doch vor allem die Einigkeit unseres ganzen Volkes! Wenn uns aber der Kultus vor stand und seine Gefolgschaft durch die Bestellung eines antinationalen, antizionistischen Rabbiners provozieren sollte, dann gibt es keinen Frieden mehr in unserer Gemeinde. Wir warnen die Herren, wir drohen nicht etwa. Wir hoffen von ihrer besseren Einsicht, dass der Frieden der Gemeinde von ihnen nicht mutwillig iür immer zerstört werde. Das haben wir zur Rabbinerwahl zu sagen. Korrespondenzen und Telegramme. Oesterreich-Ungarn. Wien. Die Konstituierung der Kultussteuer-Bezirkskollegien und der Schätzungs-Kommission hat stattgefunden. Gewählt erscheinen: I.Bezirk: Dr. Leopold Kohn Obmann, S. Heit Obmann-Stellvertreter, Dr. J. Löwinger Schriftführer; II. und XX. Bez.: Adolf SchramekO, Markus ßondy OSt., Dr. J. Winternitz Sch.; III. und XI. Bez.: Dr. Jakob Ornstein O., Osias Juer OSt., Adolf UngerSch.; IV, V. und X. Bez.: Adolf Lichtblau O., C. Seligmann OSt., Franz Fr ank 1 Sch.; VI. und VII. Bez.: Adolf Rosenbaum O., Samuel Steiner OSt., Leo Bauer Sch.; VIII. und IX. Bez.: Donat Ziffer er O., G. Bettelheim OSt., Jakob Modern Sch.; XIL und XV. Bez.: Salomon Beer O., Samuel Mohr OSt, Alexander Hecht Sch,; XVI. und XVII. Bez.: Dr. Anton L ö w y O., Leopold Trebitsch OSt., Moriz Pick Sch.; XVIII. und XIX. Bez.: Anton Koretz O., Jakob Frankel OSt., Ignaz Katz Sch. Die Schätzungs-Kommission wählte: zum Präsidenten Herrn Dr. Leopold Kohn, zum I. Vize-Präsidenten Herrn Wilhelm Kuffner, zum II. Vize-Präsidenten Herrn Donat Zifferer, zu Schriftführern: Herrn Dr. Jakob Ornstein und Herrn Adolf S ch r a m e k. Eperjes. (Stimmungsbild aus Oberungarn). Bei uns hier herrscht Jubel, denn endlich soll man den „ Pollackentf loswerden. „Der Abgeordnete Bornemisza hat es durchgesetzt, die Grenzstadt Eperjes bekommt schon sicher einen starken Grenzhauptmannschafts-Posteu", so geht es von Mund zu Mund und alles freut sich. Tatsächlich soll es der festen Initiative Albert Berzeviczys und der regen Tätigkeit Bornemisza s wie auch der lebhaften Unterstützung der hiesigen Stadt und Gegend gelungen sein, vom Minister des Innern S z 611 die Versicherung zu erlangen, dass dem gerechten Wunsche der Stadt Eperjes Folge gegeben wird. — Die ominöse Trafik-Verordnung des ungarischen Finanzministers, die den jüdischen Lizenz-Inhabern die Heiligung des Sabbats unmöglich macht, ist hauptsächlich in Oberungarn fühlbar« Die Kaschauer, denen, wie bekannt, die Trafik-Lizenzen bereits entzogen wurden, sind noch immer ihres Broterwerbes baar und harren sehnsüchtig und mit begreiflicher Ungeduld dem Resultat des petitionierenden Rabbiner-Komitees entgegen. So traurig diese Angelegenheit auch ist, hat sie dennoch auch etwas Erfreuliches zu verzeichnen. Aus Satoralja Ujhely erzählt man sich nämlich folgende schöne und dem dortigen Finanzdirektor zu Ehren gereichende Episode, welche jedoch mit Reserve aufzunehmen ist — : Der Satoralja Ujhelyer Finanzdirektion kam auch unter anderem vom Finanzministerium die Ordre zu, im S&me der neuen Trafik-Verordnung amtlich vorzugehen. An diese ministerielle Ordre sich haltend, Hess die Finanz dir ektion an die Juden die Aufforderung ergehen, am Samstag ihre Trafik-Läden offen zu halten. Hierauf sprachen etwa sechzig jüdische Trafikanten, gesetzestreue Juden, denen die Heiligung des Sabbats tber alles geht, beim Finanzdirektor vor und erklärten diesem, ihre Lizenzen niederlegen zu wollen, sie wollten aber die Regierung zugleich aufmerksam machen, dass sie sechzig Familien ihres Erwerbes beraube. Der Direktor entzog den jüdischen Trafikanten die Lizenz einstweilen nicht, sondern wandte sich an den Finanzminister mit der Bitte, er möge geruhenj sich einen andern zur Vollziehung dieses seines Willens aufzusuchen, da er es absolut nicht über sein Gewissen bringen könne, sechzig Familien ihres Erwerbes verlustig zu machen. Wenn es wahr wäre!--- A. A. England. London. Die Zurückweisung der 120 jüdischen Einwanderer durch die Kap-Regierun g steht nach wie vor im Vordergrunde der Diskussion, nicht nur in den jüdischen Blättern, sondern auch in den Tageszeitungen. Von den meisten der letzteren wird mit rückhaltloser Offenheit zugestanden, dass die „Einwanderungsbill von 1903", durch welche die Immigranten dem willkürlichen Ermessen der Hafenbehörden preisgegeben werden, in erster Reihe bezwecke, alla diejenigen welche als Kleinhändler, Sweater und überhaupt als „undesirables" kommen, fernzuhalten. Daher die Bestimmung, dass jeder Einlassbegehrende nach Diktat in einer europäischen Sprache, als welche das Hebräische und der Jargon nicht anerkannt werden, sein Nationale niederzuschreiben hat, und vor allem, dass er sich über den Besitz von 25 Lstr. (500 Mark) per Kopf der Familie ausweisen muss. Wie bereits mitgeteilt wurde, ist das Gesetz zur Anwendung gelangt, bevor dasselbe in England überhaupt publiziert worden,war. Die „Union Castle Company", welche durch das überhastete Inkrafttreten der Bill schwer geschädigt wurde, hat deshalb die unbedingte Zulassung der zirka 1200 auf dem Wege nach Südafrika befindlichen jüdischen Passagiere gefordert. Der Protest der einflussreichen Gesellschaft hat bewirkt, dass 100 Juden, welche mit dem Dampfer „Jonic* in Kapstadt eintrafen, an Land gelassen würden, aber erst nachdem die dortige „Jewish Association" sich für ihre dauernde Beschäftigung verbürgt hatte. Auch die Zurückweisung der 120 auf dem „Downe Castle" Eingetroffenen ist schliesslich aufgehoben worden, nachdem die Stammesgenossen Kapstadts in bewundernswerter Bruderliebe binnen wenigen Stunden den Betrag von 6000 Lstr. (120.000 Mark) aufgebracht hatten. Was die gegenwärtig auf der Fahrt nach Südafrika begriffenen