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Die Welt · 1903-03-06 · 10 (6.3.1903) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
10 (6.3.1903)
Article
Das Wesen der jüdischen Nationalität
Date
1903-03-06
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 10 „Die # Welt46 Seite 7 Verbindung gebracht, dass dadurch sein tiefstes und innigstes Gefühlsleben mit der Volksseele verschmelzen muss. Wie kann ein Volk untergehen, dessen Vaterland in dem Hause eines jeden einzelnen seiner Glieder für alle Zeiten und Lagen festbegründet dasteht! Wie kann ein Volk seinen ursprünglichen Charakter verlieren, in dessen Lebensäusserungen sein Natioialwesen sich so klar und deutlich spiegelt; in dessen Denken und Fühlen, Wollen und Handeln seine Vergangenheit seine Ideale, Hoffnungen und Wünsche so lebendigen -Ausdruck erhalten! Wie kann ein Volk untergehen, dessen eigems Leben die Quelle seiner Lebenskraft ist! Das Weltwunder der UnVergänglichkeit des jüdischen Volkes ist nun natürlich erklärt, das ewige Rätsel gelöst. Das jüdische Familienleben, das jüdische Haus ist die natürliche erhaltende Kraft des jüdischen Volkes in der Zerstreuung. Alles das und vielleicht noch mehr, was das weite und breite Vaterland dem Angehörigen eines anderen Volkes bietet, bietet uns Juden das jüdische Familienleben, das jüdische Haus. Und welche Wirkung muss die Erziehung in einem so ausgestatteten Hause auf das kindliche Gemüt haben! Es würde uns zu weit führen, wenn ich alles genau schildern wollte, welche mächtigen, unvergänglichen Eindruieke die kindliche Seele in dem echt jüdischen Hause empfängt. Das wahrhaft Paradiesische eines jüdischen Hasses am Freitagabend, das glänzend Bezaubernde am Pessachabenden, das Laubhütten fest mit den herrlichen National- * brauchen, die dazu gehören,,der heilige, in höhereE^gionen tragende Schauer an den Neujahrstagen und an dkm Versöhnungstage, die wehmutsvollen, herzzerr eissend ein Klagelieder am neunten Ab, der aufjauchzende Jubel an deiü Tagen von Chanuka und Furim und an dem Thorafeste, die Feierlichkeit und dabei doch Einfachheit des Gottesdienstes und der Gebete, die jedes Kind auswendig kann, dl« peinlichste Genauigkeit in den Speisegesetzen und alle die Gebote, Verbote und Zeremonien, die das jüdisches Leben vom Morgen bis Abend regeln und gestalten: all dies ist durchwebt von den teuersten und kostbarsten Erinnerungen unserer nationalen Güter, verknüpft mit den Erinnerungen unserer Freuden und Leiden, die die wichtigsten Ereignisse unserer dreitausendjährigen Vergangenheit enthalten; all dies ist durchwirkt von den schönsten Hoffnungen unserer Nation; all dies ist geheiligt durch die erhabenste E eligion, veredelt durch die schönsten Morallehren. Wahrlich, die Erziehung in einem solchen Hause, das Muster eines solchen Lebens muss in dem kindlichen Gerfte so mächtige und unvergängliche Eindrücke zurücklassen, ihm solch ©in bestimmtes und ausgesprochenes Gepräge geben, dass der Erwachsene sein ganzes Leben lang sich ihrem Einflüsse nicht entzieht, ja nicht entziehen wollen kann! Wer seine Erziehung in einem solchen Hamse erhalten, mag als erwachsener und gereifter Manu, einer Weltanschauung huldigen, welcher immer er wolle-, vom Judentum kann er sich aber so wenig losmachen, wie er sich von sich selbst losmachen kann. Er mag Pantheist, Atheist oder gar Materialist sein, Jude bleibt er doch immer, und was er auch sonst mit dem Kopfe sein mag, im Innersten seines Herzens bleibt er Jude. Die Wiener Kultusgemeinde» In Wien hat sich die Notwendigkeit ergeben, einige Rabbinerstellen zu besetzen. Man sollte nun glaube», dass es unter den jüdischen Rabbinern genug hervorragende Männer gäbe, welche einer Berufung nach Wiem Folge leisten würden, ohne dass man sie dazu zwingen müsste, eine Probepredigt abzuhalten. Es ist kaum anzunehmen, das3 man einen Rabbiner aus einer halbstündigen Rede am Freitag-Abend und am Sabbat besser kennen zu lernen vermag, über seine Würdigkeit und Befähigung ein sichereres Urteil abgeben kann, als wenn man seine langjährige, von aller Welt beobachtete Führung und Tätigkeit in Betracht zieht. Nun soll durch diese Probepredigten angeblich die grosse Oeffentlichkeit selbst in die Lage kommen, den Rabbiner zu prüfen und ihr Urteil darnach einzurichten, Dieser Konkurs hätte selbst unter einem solchen Gesichtspunkte nicht viel für sich; denn eine Prüfung und Beurteilung des Mannep ist ja in so kurzer Zeit und auf zwei mehr oder weniger gut memorierte Ansprachen hin nicht möglich. Es bekommt dadurch dieses Vorgehen einen Anschein, der besser vermieden würde, den Anschein, als ob es sich nur um eine formelle Schaustellung handle, als ob man den Schein und auch nur den Schein einer Entscheidung durch die interessierten Kreise erwecken wollte. Wenn man bedenkt, in welcher Weise von den Verwandten, Freunden und Gönnern der einzelnen Kandidaten für diese „gearbeitet" wird, wie sich einzelne Protektoren nicht scheuen, die Häuser abzuhausieren und durch Vorführung von Rührszenen einzelne Experten zu gewinnen, wie kunstvoll so manche Kandidatur vorbereitet und in Szene gesetzt wurde, und wenn man schliesslich weiss, dass eigentlich die vakanten Posten im vorneherein an bestimmte Herren vergeben sind, so muss man dieses ganze Treiben als unjüdisch und — milde gesagt—als abstossend bezeichnen. Seit vielen Wochen spielen sich nun diese Vorgänge vor aller Augen ab, und die Auguren zwinkern sich schmunzelnd zu, wenn wieder einmal ein Trick gelungen ist, und der Schwiegervater, Onkel oder sonst ein Protektor für seinen Kandidaten einen guten Fang getan hat. Wir Zionisten stehen diesem Vorgehen des löblichen Kultusvorstandes kühl gegenüber. Nicht, dass unser Herz nicht des Zornes und der Trauer voll wäre über diese unwürdige Art, in der man mit den heiligsten Interessen der jüdischen Gemeinde sein Spiel treibt. Nicht, dass wir etwa die Schmach nicht fühlten, die darin liegt, in einer Art Lizitation das geistliche Haupt einer Gemeinde zu erschachern. Wir wollen aber Ruhe und Frieden in der Gemeinde haben. Wir wollen die Machthaber, die durch die Mehrheit der Kultuswähler ans Ruder kamen — die Konsequenzen wird die Wiener Gemeinde sechs Jahre lang tragen müssen — wir wollen diese Machthaber zeigen lassen, was sie von ihren vielen Versprechungen zu halten imstande sind. Wir bedauern ihr Vorgehen, wir verurteilen es, aber wir wollen sie um des Friedens der Gemeinde willen nicht angreifen, wenn sie uns nicht direkt provozieren. Der letzte der Probeprediger, ein Herr Dr. David aus Düsseldorf, scheint, entweder aus eigenem Unverstände oder in der Hoffnung, seinen Protektoren dadurch besonders genehm zu werden, die Rolle des Provokateurs übernommen zu haben. In dem Jugend gottesdienste, den er mit einer Exhorte zu „verschönern" hatte, sprach er über den Abschnitt Theruma. Ein jeder Jude, der die Schekeleinrichtung unseres Altvordern kennt, hätte der Jugend darüber viel Schönes sagen können. Auch Herr Doktor David schien anfangs diese Absicht zu haben. Plötzlich aber, überraschend für alle Zuhörer — wir wollen hoffen, dass es alle überrascht hat, dass nicht einer oder der andere diesen Coup erwartet hat — liess er sich in abfälliger Weise über unsere, uns heilige Zionssache aus. Wir kennen den Herrn Prediger nicht. Es ist uns auch absolut gleichgiltig, was ein Mann von der Bedeutung des Herrn Dr. David über den Zionismus denkt. Wir können es nur bedauern, wenn ein Rabbiner die tiefste und reinste jüdische Be-

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