Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 10 (6.3.1903)
- Article
- Franz Oppenheimer über den Zionismus
- Date
- 1903-03-06
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die & W«$ü^ Nr. 10 da ferner die Führer der Bewegung entschlossen sind, in den zu errichtenden Kolonien ein derartiges Bodeneigentumsreeht zu schaffen: so zweifle ich nicht daran, dass der Zionismus die Judenfrage lösen kann, indem er das Musterbild eines sozial gesunden Gemeindewesens aufbaut, dadurch zunächst in einem engeren Kreise die soziale Frage löst und ihre Lösung in immer weiteren Kreisen anbahnt Ich sage, losen „kann", nicht lösen „wird", weil ich als Aussenstehen der nicht wissen kann, ob die im Augenblicke des erstell Versuches verfügbaren Mittel an Land, Kapital und qualifizierten Menschen ausreichen und, wenn sie ausreichen, auch richtig disponiert werden, um den ersten Keim eines solchen Gemeinwesens zum Wachstum zu bringen. Die erste organisatorische Aufgabe — aber nur diese! — ist von ausserordentlicher Schwierigkeit; und Ungeduld, zu früher Öeginn oder zu schnelles Vorschreiten kann alles zerstören. Wenn aber die vorhandenen Mittel an Kapital und Menschen auf geeignetem Boden unter genügendem Rechtsschutz besonnen disponiert werden, so zweifle ich nichi an einem vollen Erfolge des Unternehmens. Dann wird der Zionismus als Pionier der sozialen Genesung die alt-israelitischen Hoffnungen bewahrheiten, dass aus Davids Geschlecht der Messias erstehen wird, der das Reich Gottes auf Erden verwirklicht. Um es mit einem Worte zu sagen: ich bin Zionist» weil und insofern ich gläubiger Sozialist bin. Mit diesen Ausführungen ist wohl auch die dritte Frage beantwortet; natürlich erblicke ich in dem derart gefassten Zionismus einen Kulturfortschritt. Hochachachtungsvoll ergebenst Dr. Franz Oppenheimer, Berlin. Die Frauen der Bibel. IL Vortrag, gehalten in der „Jüdischen Toynbee-Halle" am 22. Februar 1903. Von Rektor Dr. Adolf Schwarz. Das fünfte Bild, welches die Hackt weiblicher Beredtsamkeit darstellt, führt den Namen Abigail. Diese Abigail bildete eine Ausnahme ihres Geschlechtes. In der Regel will selbst die gescheiteste Frau, wenn sie wirklich schön ist, in erster Reihe durch ihre Schönheit und erst in zweiter Reihe durch ihren Geist glänzen. Selbst die geistvollste Frau hat noch immer so viel Eitelkeit, dass sie lieber ihren Liebreiz als ihren Scharfsinn rühmen hört. Zur Ehre dieser vielfach verkannten Abigail muss es mit scharfer Betonung hervorgehoben werden, dass sie als züchtige Ehefrau auf David, den Helden, durch ihren Verstand Eindruck machen wollte. Von diesem Gesichtspunkte aus verdient es ganz besondere Beachtung, dass die Bibel von ihr sagt, sie sei eine Frau von gutem Verstände und schöner Gestalt, dass sie also zuerst ihre geistigen und dann ihre körperlichen Vorzüge hervorhebt. Abigail hat durch ihren Geist den über das Verhalten ihres Gatten mit Recht erzürnten David entwaffnet. Zur Zeit, da David vor Saul nirgends sicher war und mit seiner 600 Mann zählenden Schar bald da, bald dort sich aufhielt, war er auf das Wohlwollen der Hirten und Bauern angewiesen. Wo er anklopfte, lieferte man ihm bereitwillig die nötigen Lebensmittel, aber es gab auch Hartherzige und TJebelwollende, welche ihn unter dem Vörwande, mit einem Empörer keine gemeinsame Sache machen zu wollen, sehnöde abwiesen. Ein solcher war Nabal in Karmel, der die Leute Davids anstatt mit Geschenken, mit Schimpf überhäufte. Das konnte David trotz seines festen Vorsatzes, im Hinblick auf seine Zukunft keine Brandsehatzung vorzunehmen^ unmöglich sich gefallen lassen, und er beschloss, mit Nabal Abrechnung zu halten. Kaum hatte jedoch Abigail, die Frau des Ifabai, durch einen ihrer Knechte von der ihrem Hause drohenden Gef ahn Wind erhalten, da war auch schon ihr Plan, diese Gefahr zu beschwören, ausgedacht und ausgeführt. Sie rüstete wohl ihre Leute mit Geschenken an David aus, aber diese Geschenke, welche für 600 ausgehungerte Soldaten den Bedarf höchstens einiger Tage deckten, hätten den schwer beleidigten David kaum beschwichtigt, wenn Abigail es nicht verstanden hätte, ihm die TJeberzeugung beizubringen, dass es des zukünftigen Königs unwürdig sei, das Haus eines seiner späteren Untertanen auszuplündern. Hm den Mann zu entlasten, stellte sie ihn als einen törichten, geizigen Menschen hin. Abigail will durchaus nicht als unglückliche Frau bemitleidet werden. Sie steht zwar, das sieht jeder sofort, hoch über ihrem Manne, aber sie ist deshalb durchaus nicht unglücklich, denn sie lässt dieser $Tabal schalten und walten nach Herzenslust. Nur in ihrem Bestreben, den Mann gegen den Zorn Davids zu schützen, drückt sie ihn hinab und lädt alle Schuld auf sich. Ein unglücklicher Zufall habe es so gefügt, dass sie bei der Ankunft der Boten nicht zu Hause gewesen. Darum beschwört sie ihn, der durch Gottes sichtlichen Beistand bisher keine Blutschuld auf sich geladen, ihr das Verbrechen zu verzeihen. Er führe ja doch einen Kampf für Gott, und es werde Zeitlebens kein Unrecht an ihm gefunden werden; und da er, dem die Unsterblichkeit gewährleistet ist, vielleicht schon in der nächsten Zeit von Gott zum Pürsten über Israel bestellt sein wird, muss er alles vermeiden, was ihm zum Anstoss und Fallstrick gereichen könnte. Die Frau, die so gesprochen, vergass in Wirklichkeit, dass diese Bede sie noch schöner erscheinen lassen müsse, und gerade dieser Umstand musste die Wirkung ihrer Worte auf David erhöhen. David preist auch tatsächlich den Himmel, dass er ihm dieses Weib gesendet, um ihn vom Blutvergiessen zurückzuhalten. Für den Augenblick hat er nur die kluge Abigail sprechen gehört; als sie aber nach einiger Zeit Witwe geworden war, besann er sich sofort darauf, dass es eine sehr schöne Frau gewesen, die so klug und so eindringlich zu ihm gesprochen. Er hielt um ihre Hand an, und Abigail war jetzt wieder nicht bloss klug, sondern auch eitel genug, nicht bloss als gescheite, sondern auch als schöne Frau zur Geltung zu kommen. Das sechste Bild zeigt uns gleichfalls eine äusserst gewandte Rednerin vor dem König David, freilich keine Abigail, an der alles lacht und leuchtet, sondern eine Frau, deren tiefe Trauer an dem gramdurehfurchten Antlitz genau so, wie an der düsteren Kleidung, zu erkennen ist. Auch David ist nicht mehr der in Schönheit strahlende Mann von ehemals. Er hat zwar jetzt sowohl als sieggekrönter Held, wie als ruhmgekrönter Dichter, einen sehr klangvollen Namen,aber glücklich scheint er deshalb doch nicht zu sein. Wie wäre denn das auch möglich. Die bösen Geister des Unfriedens haben sich ja längst in seinem Hause eingenistet. Seine schöne Tochter Thamar ist geknickt, sein Sohn Amnon durch Meuchelmord gefallen, sein Lieblingssohn Absalom schon seit drei Jahren als Flüchtling am Königshof zu Gesur, und er selbst eine Beute des Kampfes zwischen dem Herzen und dem Kopfe; denn mit seinem Herzen sehnte er sich nach Absalom und mit seinem Verstände musste er dessen Selbstverbannung gutheissen. Da schickte der sehlaue Joab, welcher dem König zu manchem Siege verhol-* fen, eine kluge Frau ins Treffen, damit durch ihre Rede der König selber sich besiege. Diese Frau aus Thekoah, der Heimat des Propheten Arnos, tritt als trauernde Gattin und Mutter vor David und erzählt ihm eine schaurige Geschichte: „Ich bin Witwe und hätte zwei Söhne; die bekamen auf dem Felde Streit miteinander, und da niemand den Streit schlichten konnte, kam es zu einem Brudermord»