Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 10 (6.3.1903)
- Article
- Einschränkung der jüdischen Einwanderung in Amerika
- Date
- 1903-03-06
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 10 4>Ie$ Welt" Seite 3 vermindern werde. Und er löst sein Versprechen unerbittlich ein . . . EinemBriefederPetersburgerWochenschrift^Buduschtschnostj'ausPhiladelphia'sind folgendeEinzelheitenüber die rücksichtslose Einschränkung der jüdischen Einwanderung in Amerika zu entnehmen : Nach den Angaben von Augenzeugen werden jetzt täglich von der „Administration of Immigration" auf Ellis Island zweihundert jüdische Einwanderer zurückgewiesen, welche in Amerika ein Asyl zu finden hofften. Dabei ist die Behandlung der jüdischen Einwanderer in Ellis Island eine empörende. Die Stelle des Berichtes über diese Behandlung lautet wörtlich: „Trotz der fürchterlichen Stürme im Atlantischen Ozean werden die in Ellis Island eintreffenden jüdischen Einwanderer auf offenen Frachtschiffen gehalten, wo sie unter der Seekälte schrecklich leiden. Die vom Kommissär Williams ernannten neuen Inspektoren verhöhnen die jüdischen Einwanderer und überhäufen sie mit Beleidigungen. Dadurch werden die jüdischen Einwanderer verwirrt und erteilen auf die Fragen der Einwanderer-Inspektoren Antworten, welche de* „Administration of Immigration" die Handhabe bieten, die unglücklichen Einwanderer den Dampfschiffahrts-Gesellschaften behufs Rückbeförderung zu übergeben." Aber noch mehr! Der neue Kommissär Williams hat auch die früher bestandene Einführung, dass dem Verhöre einige Advokaten (Lawyer) beiwohnen, gänzlich abgeschafft, so dass die jüdischen Einwanderer der Willkür der Inspektoren preisgegeben sind. Dass die Zurückweisung der jüdischen Einwanderer herzzerreissende Szenen nach sich zieht, braucht kaum betont zu werden. Einige in New-York erscheinende Blätter wissen über diese Szenen vieles zu erzählen. Greise Eltern wurden zu ihren in Amerika lebenden Kindern, Ehegattinnen zu ihren Männern nicht zugelassen. Die neugeschaffenen Zustände auf Ellis Island haben unter den Juden in Amerika grosse Aufregung hervorgerufen. Der Sekretär der zionistischen Föderation dej Vereinigten Staaten, Jakob de Haas, berief eine Versammlung ein, der hervorragende Publizisten, Schriftsteller und Advokaten beiwohnten. Die Versammlung fasste dem Beschluss, für die unglücklichen Einwanderer mit allem gesetzlichen Mitteln einzutreten. Unter anderem wurd-e beschlossen, den Mitgliedern des Washingtoner Senates eine Denkschrift über die Vorgänge auf Ellis Island zu überreichen und um Abhilfe zu bitten. Die bald darauf im zahlreichen Städten von Amerika organisierten Protest - meetings gegen die Einschränkung der jüdischen Einwanderung in Amerika haben von gouvernementaler Seite eine Erwiderung gefunden, welche grosses politisches Interesse besitz! Der General-Kommissär des Auswanderer-Departements, Mr. Frank P. Sargent, begab sich im Auftrage der Regierung nach Philadelphia, um in der Synagoge „Rodeph Shalom* den Vertretern der amerikanischem Judenschaft in einer geheim abgehaltenen Sitzung eine Erklärung über die Vorgänge auf Ellis Island abzugeben. . Er sagte unter anderem: „Es tritt nunmehr die Notwendigkeit ein, der freien Einwanderung nach den Vereinigten Staaten, welche das Land und die amerikanischen Arbeiter schrecklich schädigt, Schranken zu setzen. Die Zukunft des Landes ist unzertrennlich mit der immer wachsenden Einwanderung verbunden. Die Einwanderungs- Gesetze werden wohl beobachtet werden, aber die Interesse der amerikanischen Bevölkerung sind der Regierung am nächsten." Diese Rede des General-Kommissärs Sargent hat vielen jüdischen Patrioten die Augen für die wahren Ursachen der Einschränkung der jüdischen Einwanderung in Amerika geöffnet... Die Regierung hat die Notwendigkeit empfunden, wie Mr. Sargent sagte, „der immer wachsenden Einwanderung, welche Land und Volk von Amerika schädigt, Schranken zu setzen". Diese Worte beleuchten auch die Motive, welche die Washingtoner Regierung seinerzeit zu ihrer bekannten Note an Rumänien bewogen haben . . . Sapienti sat!... GL Franz Oppenheimer Uber den Zionismus. Der kollegialen Liebenswürdigkeit der Redaktion des Berliner „General-Anzeiger" danken wir es, dass wir gleichzeitig mit demselben die Antwort Oppenheimers auf die Fragen über den Zionismus unseren Lesern vorlegen können. Die Redaktion- 1. Was halten Sie vom Zionismus? So weit ich der Bewegung habe folgen können, stellt sie sich mir dar al^eine Mischung aus sehr verschiedeinen Komponenten, praktischen Bestrebungen und Hoffnungen einerseits und Theorien andererseits. Es wird kaum deikbar sein, dass ein bewusster Anhänger des Zionismus steh mit allen diesen, zum Teile einander stark widersprechenden Bestandteilen identifiziert. Ich bin zum Beispiel ein entschlossener Gegner der für viele Zionisten massgebenden Rassentheorie. Das hält mich aber nicht im mindesten ab, „Zumißt" in meinem Sinne zu sein, da ich mit seinem nächsten Ziele und seinem Mittel einverstanden bin. a) Das nächste Ziel ist offenbar die Verpflanzung vieler leidenden Menschen, die unter der dreifachen Geissel des Absolutismus, des Kapitalismus und des Antisemitisnius schwerer seufzen als jemals eine Menschenrasse in aller Geschichte, in politisch und sozial gesündere Verhältnissse. Als Strebung dieser Art ist also der Zionismus nicht mthr zu diskutieren, sondern lediglich zu organisieren, ist er nicht nur Juden-, sondern allgemeine Menschenpflicht. b) Das Mittel, dessen sich die Führer der Bewegung bedienen wollen, ist das auch von mir zur Milderung, ja zur Lösung der sozialen Gegensätze empfohlene der genossenschaft liehen Kolonisation auf einem dauernd im Gemeinbesitze gehaltenen Volksboden: eine Organisation, die mit den ältesten Volksüberlieferungen und neueren Gesetsen Israels (Jobeljahr) genau übereinstimmt. Ich müsste meine ganze Vergangenheit verleugnen, wollte ich die Mitarb eit an solchem Plane verweigern, zu dessen Ausgestaltung ein wenig beigetragen zu haben mein Stolz ist. 2. Erhoffen Sie vom Zionismus eine Lösung der Judenfrage? Für meine Auffassung ist der Antisemitismus, wie gesagt, keine Rassenfrage, sondern eine mit dem Rassenvorurteil maskierte wirtschaftlich-soziale Frage. Die Judenfrage ist demnach nur lösbar mit der „sozialien Frage" im ganzen: sie stellt das grosse Problem am Einzelfalle, wie eine Gesellschaft derart zu organisieren ist, dass alle richtig verstandenen Einzelinteressen mit dem Gesamtinteresse parallel laufen, statt gegeneinander zu branden. Da ich mit allen drei Methoden der soziologischen Untersuchung den stringenten Nachweis geführt zu haben glaube (mittels der Deduktion, der Induktion und der geschichtlichen Untersuchung*), dass eine derartige, ien „Sozialismus" verwirklichende Gesellschaft überall da gegeben ist, wo die Bildung und private Aneignung einer Zuwachsrente unmöglich gemacht ist; *) Vergl. meine Werke: „Grossgrundeigentum iund soziale Frage*. Berlin 1898. „Die SiedlungsgenossenschaftK. Berlin 1898. Beide Verlag Vita, und meinen Aufsatz : „Kaufer- Verkäufer0, Schmollers Jahrbücher 1900, Oktober-Heft.