Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 9 (27.2.1903)
- Article
- Minsk [Kommentar]
- Date
- 1903-02-27
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 |>le s£ W©8t*ö Nr. 9 Ausweisung unterliegenden Juden sind Handwerker und Arbeiter der dortigen Laternen-, Glas- und Holzwarenfabriken. Bei ihrer Ansiedlung in Staryja Dorogi wurde ihnen gestattet, eine Synagoge und eine Schule zu bauen und viele andere Wohlfahrtseinrichtungen ins Leben zu rufen. Die plötzliche Ausweisungsordre hat unter den Juden grosse Bestürzung hervorgerufen, umsomehr, als trotz der strengen Winterszeit den Ausgewiesenen nur eine vierwöchentliche Frist gewährt wurde, welche am 27. d. M. abläuft. Eine Deputation dieser unglücklichen Juden hat am 13. Februar dem Gouverneur von Minsk, Grafen Mussin-Puschkin, eine Petition mit der Bitte um Hilfe überreicht. Der Gouverneur versprach, die Lage der Unglücklichen zu berücksichtigen". . . Welt-Sbronlk. Geistreich und wohlerzogen. Die „Israelitische Wochenschrift" (Redakteur M. A* Klausner, Berlin) bringt in Nr. 8 auch die folgende Bücheranzeige: „Das zionistische Phantom. Von Dr. med. Mechanik. Verlag der Joh. Wirt h'schen Hofbuchdruckerei A.-G. in Mainz. Eine kleine, lesenswerte Schrift, die die Baseler heulende Phrase auf Wert und Gehalt untersucht und in allen wesentlichen Punkten das Rechte trifft." Wir nageln dieses Zeugnis einer tiefstehenden jüdischen Journalistik hiermit an. Eine Heine-Plakette. Zur Erinnerung an die Enthüllung des Heine - Denkmals in Paris hat der Bildhauer H. Kautsch eine Plakette in folgender Ausführung geschaffen : Auf der Vorderseite ist ein gutes Heine-Bild zu sehen, auf der Rückseite ein in Wolken schwebender Genius, der das Denkmal bekränzt. Die Inschrift lautet: „Aus meinen grossen Schmerzen mache ich die kleinen Lieder." Die Plakette kostet 22 Kronen und ein Teil des Ertrages ist der Erhaltung des Denkmals gewidmet Aus dem Tagebuche Ferdinand! Lassalles. Bekanntlich haben wir Zionisten an den jüdischen Sozialdemokraten die erbittertsten Feinde. Damit glauben sie die Politik des „Nichizuerkennengebens" am besten zu befolgen. Wie aber ein wirklich freiheitlicher jüdischer Mann denkt, mögen sie aus folgenden Tagebuchstellen ihres angebeteten Lassalle entnehmen, die Paul Lindau in »Nord und Süd" veröffentlicht. Es heisst darin unter anderem: „Heute (2. Februar) soll Barschall begraben werden. Um achteinhalb ging ich mit Mutter hin zu der unglücklichen Witwe. Sie sass still weinend auf dem Sopha. Sehr rührte mich der Anblick Wilhelms, der, die Grösse seines Verlustes halb ahnend, still das Kaddisch lernte. Wir gingen in die andere Stube. Hier war die Leiche des so früh gestorbenen Mannes. Die Kondolierenden sprachen in einzelnen Gruppen von diesem traurigen Todesfalle. Da führte der Lehrer Wilhelm an die Seite seines Vaters. „Hier siehst du", sagte er leise zu dem weinenden Knaben, „deinen Vater. Du siehst ihn hier nicht wieder. Versprich mir an dieser Stelle, deiner Mutter, die nun auch dein Vater ist, immer ein guter Sohn zu sein und in allem Folge zu leisten." Und der kleine Wilhelm schlug treuherzig in die ihm dargereichte Hand. Mir gingen die Augen über. Ich wendete mich ab" . . . „Unterwegs unterhielt ich mich mit Bloch. Er wollte sich ein Air gebtn und nannte sich einen Atheisten. Als er aber sah, dass ich ganz anderer Meinung war, so sattelte er auch um. Wir sprachen viel von Seelenwanderung, von Geiger und dem Judentum und er wunderte sich, dass ich mich so des jüdischen Glaubens annehme. Der Esel! Als wenn man nicht treife essen und doch ein guter Jude sein könne. Ich sagte ihm dies und in der Tat, ich glaube, ich bin einer der besten Juden, die es gibt, ohne auf das Zeremonialgesetz zu achten. Ich kpnnte, wie jener Jude in Bulwers „Leila8, mein Leben , wagen, die Juden aus ihrer j etzigen drückenden Lage zureissen. Ich würde selbst das Schaffott nicht scheuen, könnte ich sie wieder zu einem geachteten Volke machen." Jüdische Statistik. Wie wir erfahren, soll die Arbeit einer jüdischen Statistik von Russland, die die „J. C. A*" übernommen, bereits soweit gediehen sein, dass demnächst mit der Veröffentlichung des ersten Teiles des Werkes begonnen werden wird, in dem die Juden als produktive Arbeiter vorgeführt und ihr Anteil am Handwerk, Fabrikbetrieb und Ackerbau statistisch dargestellt werden soll. Die Riff-Kabylen Juden? Der Londoner ,Spectaforu behauptet, dass die Riff-Kabylen, diese berühmten Krieger die den Spaniern so viel zu schaffen machen, keine Mohammedaner, sondern Juden seien. ' * Die Juden im italienischen Afrika. In Asmara, der Hauptstadt der italienischen Kolonie in Erythräa, besteht eine kleine jüdische Gemeinde, die nunmehr mit Hilfe wohltätiger Glaubensgenossen eine eigene Synagoge zu erbauen beabsichtigt. Die Juden in Rhodesia (Südafrika). In Buluwayo, der Hauptstadt Rhosedias, lebten 1900/1901 240 Juden, deren Zahl seit dem Kriege auf 330 gestiegen ist. Sie dürften drei Viertel sämtlicher in Rhod, sia wohnenden Juden ausmachen. Di« jüdische Gemeinde macht etwa 10°/,, der Gesamtbevölkerung Buluwayos aus. Dem Wachstum der Gemeinde entsprechend, rnusste die Synagoge vergrössert werden. Die jüdische Schule in Shanghai. Die jüdische Schule in Shanghai ist bereits in voller Wirksamkeit. Vier Lehrer, zwei bezahlte und zwei freiwillige, unterrichten englisch und hebräisch. Die Schüler machen glänzende Fortschritte; die Mädchen werden auch im Nähen unterrichtet, die Knaben im synagogalen Singen. Eine interessante Sammlung. Die russisch-geographische Gesellschaft hat beschlossen, die synagogalen Melodien, welche unter den Juden Russlands gesungen werden, zu sammeln und herauszugeben. Die jüdische Arbeiterkolonie Weissensee hat in dem nun verflossenen ersten Jahre ihres Bestehens die Probe auf ihre Lebensfähigkeit und Notwendigkeit im günstigsten Sinne bestanden, denn es sind mit dem ersten Jahre 12.067 Verpflegungstage geleistet, wofür an Menage 5672 Mark ausgegeben wurden, das ist pro Kopf und Mann zirka 47 Pfennige exklusive Verwaltungskosten. An Arbeitslohn wurden von den Unternehmern 5774 Mark bezahlt. Gegenwärtig ist die Kolonistenzahl 60. Es könnten jedoch noch viel mehr untergebracht werden, wenn sieh genügende Beschäftigung finden möchte! Das semitische Museum in Cambridge. Am 5. d. M. wurde an der Havard-Universität das neue semitische Museum eröffnet, das in der Geschichte der jüdischen Forschung umsomehr Epoche machen dürfte, als es bisher einzig in seiner Art ist. Das Museum, das einen Kostenaufwand von 100.000 Dollars verursachte, ist eine Schenkung des bekannten New-Yorker Philanthropen Jakob H. Schiff, der seit zehn Jahren dem leitenden Komitee der semitischen Abteilung dieser Universität angehört Der Eröffnung wohnten Vertreter aller grösseren höheren Lehranstalten und theologischen Seminarien des Landes bei. Vom Mädchenhandel. Das englische Kolonialministerium hat neuerdings eine Warnung erlassen, dahingehend, dass sich Mädchen nicht ohne Schutz ihrer Freunde oder ohne Vermittlung eines wohlbekannten Auswanderungsbureaus nach Südafrika begeben sollten. Aufdringliche Angebote unbekannter Personen oder Agenturen sind mit grosser Vorsicht zu behandeln. Von der israelitischen Kultusgemeinde in München, Der beabsichtigte Neubau eines Betsaales in der Mathildenstrasse wurde von der Regierung nicht gestattet.