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Die Welt · 1903-02-27 · 9 (27.2.1903) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
9 (27.2.1903)
Article
Unsere Schekelwoche
Date
1903-02-27
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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JSeite 6 tiM^ Hr;S gebessert werde, was baufällig ist — am Hause des Herrn. So soll uns der Schekel an die furchtbaren Zeiten erinnern, die hinter uns liegen, er soll uns aber auch daran mahnen, dass jedermann aus freiem Willen opfere, damit das Fundament geschaffen werde — zum Hause unserer Zukunft. Unverdrossen und unbeirrt trägt der Zionismus die Bausteine zusammen; die Bewegung, die man anfangs verhöhnte — ist das achtunggebietendste Lebenszeichen unseres unverbrauchten, gesunden Stammes geworden. Die hohe Bedeutung des Zionismus wird heute von keinem ernsten und ehrlichen Menschen mehr geleugnet, er ist eine Erlösung für diejenigen Juden, die sich ihrer Eigenart bewusst sind, die, eingedenk der grossen Vergangenheit unseres Volkes, auf eine frohe und würdige Zukunft nicht zu hoffen aufgehört haben. Für die zahllosen verfolgten und bedrückten Juden aber ist der Zionismus nicht nur als nationale, ethische, sondern auch als soziale Bewegung von höchster Wichtigkeit, weil der Aneinanderschluss, die Organisation, das einzige Mittel ist, dem vernichtenden Boykott, der planmässigen Untergrabung des jüdische nE rwerbslebens wirksam entgegenarbeiten zu können. So drängt der Selbsterhaltungstrieb ebenso wie die nationale Begeisterung die Juden in unsere Reihen und gerne bringen sie alljährlich ihren Schekel dar, der, an die historische Ueb erlieferung anknüpfend, zur Zählung derer dient, die ihren Zusammenhang mit dem jüdischen Volke offen bekunden wollen. Der Schekel wird zu Ausgaben verwendet, die dem Volke zugute kommen, denn mit diesen bescheidenen Schekelbeträgen wurde unsere weltumspannende Organisation geschaffen, von dieser kleinsten aller Steuern wird der grosse ideale Apparat erhalten und an dessen Ausbau ständig gearbeitet Die Regierungen wissen, dass wir keine Umstürzler, keine Geheimbündler sind; unsere Kolonisationsbestrebungen sollen nicht nur den heute Existenzlosen, sondern auch den von ihnen übersättigten Ländern zugute kommen, und es ist eine unumstössliche Wahrheit, dass die Au s führ barkeit unserer Idee vornehmlich von derZahl unserer Anhänger, von deren Opferfreudigkeit und von der Tatkraft der Organisationen abh an g t. Jede Vergrösserung des Nationalfonds, jede Stärkung unserer Kolonialbank bringt uns unserem Ziele näher, jeder Kilometer Agitationsreise, jede gutjüdische Broschüre mehrt die Zahl der aus unheilvoller Gleichgiltigkeit zu lebensfroher Arbeit erwachenden Brüden Darum soll jeder denkende Jude seinen Schekel entrichten, schon um sein Wahlrecht und damit seinen iSinfluss-Anteil zu sichern, wenn die Vertreter der Hundertschaften aus alien Teilen der Welt zum Kongresse zusammentreten, um über die Judennot und deren Abhilfe, um über die Zukunft des jüdischen Volkes zu beraten. -1- Jeder Jude soll durch den Schekel' d a r tu n, .d ass. er sich seiner. Pflicliteii gegen sich s elbst'als Juden, wie gegen sei ne. u.n g lü cjc- .lichten Stamm e s ge.no s,se.n< bewusst, ist, er so 11;gerne geben, in dem Gedanken, dass er t e II hat a n unser e m gross e n S e 1 b s t h i l f e-;und 'S elb s t bes timm u ngsw er k e, dem Zionismus! '.';V< ' " ■ . ■ '.' ' ' - 'rJ D"avs ö s l,e,r r. e,i c h i s c h e, L a n d e/s - K o m i t e e rhfd -Wo che vo m 8. —15. A d ar *■). a 1s. Seh e ke 1w och & f$£tg e setzt, in welcher alle; Z i onist'eh g?.L^^—~ '' * •' *) 7.—14* März* Oesterreichs, sowie auch alle Fr e u n d e und Förderer unserer Bestrebungen den Schekel**) ausnahmslos zu Händen der Vertrauensmänner, Vereine oder D is t rik t s - K o m i t e e s entrichten sollen. In dieser Zeit werden in allen Orten Oesterreichs, wo zionistische Organisationen bestehen, Schekelfeiern und Versammlungen abgehalten, in denen über die Bedeutung des Schekels gesprochen wird, dessen Einhebung bei diesem Anlasse auch erfolgt. Die Schekelwoche soll eine ständige feierliche Einrichtung, ein nationales Erinnerungsfest, eine Zeit der Zählung werden. Auch die Gleich giltigen und Fernestehenden sollen von unserer Begeisterung und Arbeitsfreude ergriffen werden. Wer in der Schekelwoche seine Pflicht als Jude tut, wird das Bewusstsein haben, für die Verwirklichung unserer Idee, für die Erlösung unseres hart geprüften Volkes ein gutes Stück Arbeit geleistet zu haben. A. Wgr. Ueber die Judenfrage in Gaiizien. (Vortrag des Reichsratsabgeordneten Ernst Breiter irn „Jüdischen Volksverein".) Auszug aus dem Vortragsmanuskript mit Bewilligung des Herrn Abgeordneten. Die Judenfrage in Gaiizien gehört zu den wichtigsten vitalsten Prägen nickt allein meines engeren Vaterlandes, sondern auch für das Judentum selbst. Wenn man Gaiizien zu dem alten Polenreiche hinzurechnet, so findet man, dass die Anzahl der Juden ein Viertel der gesamten polnischen Bevölkerung beträgt, das heisst, dass in den Ländern des alten polnischen Reiches mehr als die Hälfte aller Juden der Welt wohnt. In Gaiizien selbst beträgt ihre Zahl nahezu ein Fünftel der Gesamt-Einwohner, das ist ungefähr 800 000. Daraus ersehen Sie, dass es für die Judenschaft nicht gleichgiltig sein kann, wie sich die fernere Zukunft der galizischen Juden gestaltet. Die Zahl der Juden in Gaiizien ist so gross, dass sie imstande wäre, auf die Verhältnisse bestimmend einzuwirken. Allein bevor ich auf die gegenwärtigen Zustände eingehe, sei es mir gestattet, nur einige markante Erscheinungen ans der Vergangenheit zu erwähnen. Schon längst hat man die Juden als niedere Geschöpfe Gottes betrachtet; man hielt sie nicht für ebenbürtig, man hat ihnen alle Wege zu öffentlichen Stellen abgeschnitten und sie nur auf das Gebiet des Handels beschränkt, des Handels, welcher für die Adeligen als etwas Diffamierendes betrachtet wurde. Was die Länder der polnischen Krone anbelangt, so haben wir Beweise, dass der Jude als wandernder Kaufmann früher dort war, als die Lechiten, später Polen genannt. .Die polnische Geschichte spricht wenig über die Juden, sie erwähnt nur die von Zeit zu Zeit sich wiederholenden Verfolgungen. Mit dem Niedergange des grosspolnischen Reiches sind Gaiizien und die dortselbst wohnenden Juden an Oesterreich gekommen. Die Lage derselben hat sieh durch einige Dezennien dadurch gar nicht verändert, erst mit den Freiheitskämpfen im Jahre 1848. Es gehört nicht in den Rahmen des heutigen Vortrages^ darüber zu sprechen, welche Stellung der Jude in der österreichischen Gesetzgebung eingenommen hat und heute einnimmt. Kurz nach den Freiheitskämpfen des Jahres 1848 und der dadurch erreichten Verfassung, welche uie volle Gleichberechtigung der Juden in Oesterreich siehert — begann auch für die galizischen Juden eine neue Aera. Gewiss wurden den Juden in der neuen Verfassung viele Rechte gegeben, sie konnten jetzt Grundbesitzer, Handwerker, Advokaten, Aerzte, Lehrer, ja sogar Beamte sein —k also die Rechte, die sie früher nicht hätten, wurden ihnen jetzt eingeräumt, allein ein grosser Teile! erselben ist nur in der Theorie, am Papier erhalten geblieben. Fast die gesamte jüdische Bevölkerung Galiziens lebt vom Handel, und zwar entweder als Handels- und Gewerbetreibende, [Pachter oder Realitätenhändler. Die gesamte jüdische Intelligenz, 'bestehend aus Advokaten* Aerzten, Lehrern und Beamten, beträgt nicht über 10 000, das ist etwas mehr als 1 Perzent der gesamten jüdischen Bevölkerung Galiziens. Zirka 80 Ö00 sind Haus- oder Grundbesitzer. Die 2ähl der Pachter, Ackerbautreibenden und der . unbestimmten Berufe beträgt rund über 100 000. Mehr als **) In Oesterreich 1 Krone*

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