Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 9 (27.2.1903)
- Article
- Der Zionismus als nationale Idee
- Date
- 1903-02-27
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 9 „Die # Welt" Seite 5 ein teurerer Gedanke sein, als dass sie ais natürliches Erbe das Land zurückgewinnen, welches die älteste Tradition als ihr von Gott angewiesenes Vaterland bezeichnet. Palästina für die Juden zurückgewinnen! Welch blendender Traum! Selbst der Glaube der orthodoxen Judensehaft verbindet diese Hoffnung nur mit dem Wunder der Erlösung. Es wundert mich nicht, dass viele in dieser Idee die Ursache finden, welche auf die ganze Bewegung den Stempel der unmöglichen Utopie drückt. Ich gestehe es, dass ich gerade diese Idee für das praktische und vollkommen begründete Element des Zionismus halte. Eine mutige Idee ohne Zweifel, aber eine solche, welche die grosse Notwendigkeit der Zeit in edlen und tief schauenden Seelen hervorruft. — Was nach dem Masse der internationalen Politik möglich ist, wer könnte das sagen? Die heutige Organisation des türkischen Reiches, sein beständig kritischer Zustand, ist nicht das Hindernis, welches diesen Plan bei starkem Willen und Ausdauer als undurchführbar erscheinen Hesse. Ein Jude, der grosses Vermögen mit einem grossen Herzen vereinigt, könnte wirklich eine ruhmvolle Ambition darin finden, die weltbewegende Kraft des Kapitals zu einem solchen Zwecke zu verwenden, denn auch das ist nicht zweifelhaft, dass die Hauptfrage hier die Geldfrage ist. — Ich bin auch davon überzeugt, dass einem Staatsmannes wie Disraeli einer war, der Plan der Zionisten unruhige Nachte verursacht hätte. Wenn es also sein kann, warum sollte es nicht sein?! Warum sollte uns die Idee befremden, dass jener Teil der Judenschaft, welcher mit der Vaterlandslosigkeit und den traurigsten Krisen der Lebenserhaltung kämpft, sich im freien bürgerlichen Leben mit starker sozialer und politischer Gemeinsamkeit organisiere? Vor dieser Perspektive schrecke ich auch dann nicht zurück, wenn ich bis zur letzten Hypothese gehe, dass in dem zurückeroberten Palästina eine neue staatliche Organisation und eine besondere nationale Kultur entstünde. Man könnte mich fragen, ob eine solche jüdisch-nationale Umgestaltung, welche auf der Idee eines besonderen jüdischen Landes basierte, in dem Verhältnis jener Juden zu ihrer Nation, welche in ihrem früheren Vaterlande verbleiben und die mit demselben verknüpfte moralische Welt niemals verleugnen wollen, nichts ändern würde? Doch so weit aus historischen Beispielen auf einen solchen Fall eine raisonnable Folgerung gezogen werden kann, würde die nationale Existenz der palästinensischen Juden weder das politische noch das moralische Selbstbewusstsein der jüdischen Einwohner anderer Staaten stören. Ebenso wie die Amerikaner englischer Herkunft ein eigenes nationales Selbstbewusstsein zur Schau tragen, würde auch der Umstand, dass an einem gewissen Punkte jüdisch-konfessionelle Individuen sich zu einer eigenen Nation organisieren, an der Tatsache , nichts ändern, dass wir, die wir hier im ungarischen Vaterlande leben, uns nur der Konfession nach als Juden bekennen. Insoferne die Bedeutung des Zionismus sich also nur um dieses philanthropische Ziel dreht, würde ich niemals unter die Gegner der palästinensischen Idee gehören. Wir sehen aber in der jetzigen zionistischen Literatur hinter dem im Vordergründe stehenden praktischen Ziel auch eine solche Idee oder Theorie, welche ein anderes Bild vpn der Bewegung malen könnte. Nach dieser Theorie dürfen wir nämlich die jüdische Konfession in der ganzen Welt nicht bloss als religiöse Gemeinschaft auffassen, sondern auch als besondere Volksindividualität Nach dieser Theorie wäre die jüdische Nation nicht nnir jene Organisation, welche sich einst in Palästina herausbilden wird, sondern ein bereits fertiger moralischer und ethnographischer Eahmen, in welchen alle Juden der Welt seit jeher hineingehören. Ich kann kaum sagen, was in mir gegen diese allgemeine Theorie mehr protestiert: mein nationales Gefühl oder mein religiöses Selbstbewusstsein. Die Helfen H e r z 1 und Nordau, diese grossartigen Führer der Zionisten, sehen wohl die immer stärker werdende Miteht der nationalen Idee, meiner Anschauung nach lassen sie sich aber viel zu sehr von der falschen Auslegung der nationalen Idee beeinflussen, welche der Antisemitismus geschaffen hat und gegen die Juden auszunützen besbebt ist. Die allgemeine nationale Idee der zionistischen Führer ist die Re-verssedte der antisemitischen Aversseite. Ich bin wenigstens davon überzeugt, dass, wenn auch selbst die moderne demokratische Idee die zwischen den Nationen bestehenden Scheidewände nicht niederreissen kann und der Kosimopolitismus ein eitler Traum bleibt, die demokratische Idee doch jene Bedeutung bewahrt, dass sie innerhalb des Lebens der einzelnen Nationen der Schmelzkessel der nationalen Idee und das entscheidende Merkmal des Bürgertums Ueibt. Als einennoch grösseren Gegensatz fühle ich, und das erregt zuweilen auch meine Verwunderung, jenen entschiedenen W iderwillen, welcher in den ausgezeichnetsten Früchten dei zionistischen Literatur gegen die Idee der jüdischen Welltmission oft mit auffallender Schärfe zutage tritt. Wenn icL die Gewissheit der Weltmission der jüdischen Eeligion nicht in der so erhabenen, so .wunderbaren, so geheimnisvollen tausendjährigen Geschichte des Judentums finden würde (doch wie viele der grössten und gefeiertsten Namen der christlichen Wissenschaft und Literatur fanden sie darin!), würde ich diese Gewissheit gerade unter den heutigen Verhältnissen des Judentums, gerade in jenen Erscheinungen finden, welche die edlen Führer des Zionismus derartig erbittert haben. Denn der Kampf, der heute unter dem Namen des Antisemitismus gegen die Stellung des Judentums bei den gebildeten Nationen wütet, ist eigentlich nichts anderes als die grosse Gärung des menschlichen Gewissens, der Kampf des Rechtes gegen die Gewalt, der Kampf der Zivilisation gegen das neu erstandene Barbarentum. Das ist die jüdische Mission, an welche ich glaube.*) Budap-est, 18. Februar 1903. Unsere Schekelwoche. Haman wollte einst für eine Schekelsumme sich von seinem Könige das Recht erkaufen, die Juden zu vernichten — und wenige Tage vor Purim, dem Erinnerungsfeste der Errettung aus jener Gefahr, lesen wir einen Abschnitt der Bibel, der uns erzählt, wie die Priester auf Geheiss des Königs das Geld entgegennahmen, das jedermann aus freiem Willen opferte, damit *) Wir sind selbstverständlich mit diesem in der „Ungarischen Wochenschrift" erschienenen Vortrage des hochgeachtetem ungarischen Publizisten nichts weniger als volikommen einverstanden. Gleichwohl glauben wir, unseren * Gesinnungsgenossen seine philozionistischen Ausführungen samt ihrem uns etwas unbegründet erscheinenden Schlüsse nicht vorenthalten zu sollen. Umsoweniger, weil sich der bekannte aniiizionistische „Egyenlösäg durch dieses für ihn sehr peinliche Auftreten Mezeis natürlich wieder zu den gewolmten geistvollen Angriffen auf den Zionismus veranlasst fühlt.