Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Article
- Jaroslav Vrchlicky über den Jargon
- Date
- 1903-02-20
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 #>ie # Welt" Nr. 8 sagt er, „zu denen, die man nie vergisst; es liegt darin etwas dantisch Starkes.*) „Ein günstiges Geschick," berichtet Vrchlickf im genannten Aufsatze, „führte mir im Juli den Autor des Buches „The history of Yiddißh literature", Herrn Wiener, der über Prag nach England fuhr und mich aufsuchte, zu." Beim ersten Austausche der konventionellen Phrasen überhörte er den Namen des sich vorstellenden Besuches und beachtete auch die ihm überreichte Visitkarte nicht weiter. Erst im Laufe des Gespräches erkannte Vrchlick^ im Gaste „einen Mann nicht nur von ungewöhnlicher Empfänglichkeit und Belesenheit, sondern auch einen vollendeten Kenner der slavischen Sprachen". Ein Wort fügte sich zum anderen, bis endlieh der Name Morris Rosenfeld ausgesprochen wurde. Auf die Frage Professor Wieners, woher Vrchlick^ denn Rosenfeld kenne, überreichte er ihm statt einer Antwort das Buch „The history u. s. w.a — Wieners eigenes Werk. „Das ist ja mein Buch!" rief der Gast ganz überrascht aus. „Nun warf ich erst einen, aufmerksamen Blick auf die Visitkarte und in der Tat! es war kein Zweifel mehr, vor mir stand der Professor vom Harward College — der Autor selbst.<c „Und mehr kennen Sie von den Poesien Rosenfelds nicht?u fragte er. „Ich habe sie alle ins Englische übersetzt und werde sie Ihnen schicken. Sie werden davon sicherlich überrascht sein; das ist viel grösser und tiefer als die Poesie Ada Negris, mehr durchlebt, gesättigt, kurz, Rosenfeld ist nach meinem Dafürhalten einer der grössten Dichter des Jahrhunderts." Ueber das Idiom selbst spricht sich Vrchlick^ folgen dermassen aus: „Der Jargon der polnisch-russischen Juden ist ein, bizarres Gemisch von einigen verschiedenen Elementen, dem Althebräischen, dem Deutschen, Französischen, Lateinischen und den slavischen Sprachen, unter denen aber das Polnische* und Russische vorherrschend ist; aber auch tschechische und andere Stämme kommen darin vor. Auf den ersten Blick scheint's eine barbarische Sprache zu sein, wird aber mit Unrecht für ein Idiom bloss kleiner polnisch-russischer Geschäftsleute gehalten, sowie es Verleumdung ist, ihn als die Sprache jüdischer Landstreicher oder gar Spitzbuben anzusehen. Obwohl die Jargon-Literatur nach Angabe des Herrn Wiener bis ins XV. Jahrhundert zurückreicht, so erlangte sie doch literarischen und schliesslich sogar künstlerischen Wert erst im XIX. Jahrhundert und entwickelte sich zur schönsten Blüte in Amerika. Morris Rosenfeld ragt über Goldfaden, Scharkansk^, Edelstadt und WinchewskJ derart hinaus, dass er den Jargon durch seine Poesie zur Höhe der Literatursprachen und zur Weltbedeutung emporhob. Das bizarre Gemisch des Jargons wurde unter seiner Meisterhand melodisch und gerade dasjenige, was früher den Stempel unfreiwilliger Komik an sich trug, wurde in der Hand des Künstlers ein sein Ziel nie verfehlendes Mittel. Der ernste, gleichsam sacerdotale Klang der hebräi- *) So spricht ein christlicher Dichter, der mit Recht als einer der hervorragendsten modernen slavischen Lyriker gilt, von den Poesien Morris Rosenfelds* Aber in der Redaktion des bekannten Mainzer „Israelit* versteht man alles besser. Den antizionistischen Aesthetikern dieses Blattes genügte seinerzeit die blosse Tatsache, dass Morris Rosenfeld Zionslieder und nationalistische Gesänge gedichtet hat, um seine Schöpfungen als „höchst mittelmässige Verse" zu bezeichnen. (Anmerkung des Autors.) sehen Elemente kontrastiert hier mit den weichen Tönen der slavischen Stämme und das ganze — getragen von der stellenweise vulgär klingenden deutschen Sprache — hört sich keineswegs banal an. Aber gerade durch die Kreuzung der verschiedensten Sprachelemente werden öfters unwiedergebliche Tongemälde und durchaus nicht alltägliche Effekte erzielt. Die Sprache malt von selbst und unterstützt so den Dichter. Manche Stelle ist geredezu unnachahmbar, wenigstens lässt sich die Diktion des Originals schwer erreichen: Es laremt das Wasser, die Wellen, se schäumen, es vojet, es mojet meschune der Wind, es sappet der Kessel, es hufcet der Koimen, doch unten die zwei, seht, se schweren azünd. Gleichfalls unerreichbar sind manche Akzente der Zärtlichkeit: A Traum bewegt die Lippelach ,o wu is', wu is* Pa?* „Da steht dein Papa, Teuerer a Pennile dir na \" A Traum bewegt die Lippelach „O wu is', wu is' Pa?" „Besonders in den Liedern: „An dem Busen des Ozeans" und „Jüdischer Mai"/ sagt Vrchlick^ weiter, „hat Rosenfeld in der Tonmalerei das Höchste erreicht, was man sonst nur von seit den ältesten Zeiten geschulten Poesien erwarten kann, und er zeigt hierbei, dass er seine Sprache vollkommen meistert. Drei Jahre sind seit der Veröffentlichung der „Lieder aus dem Ghetto" verflossen und die neue und tiefe Poesie bahnte und ebnete während derselben der verkannten Sprache, dem verstossenen Jargon, den Weg in die breitesten Kreise und in die eigentliche Kultur weit.* Nach einer kurzen Biographie und Schilderung des Lebenslaufes und Werdeganges Rosenfelds gibt uns Vrchlick^ folgende Uebersicht über dessen Werke : „Das Buch seiner Poesie zerfällt in drei Teile. Der erste Teil, „Lieder der Arbeit" benannt, behandelt hauptsächlich die soziale Frage. Im zweiten Teile — „Nationallieder" enthaltend — wird uns auf Grund von Motiven aus dem jüdischen Kultus mit Bezug auf die Gegenwart eine Reihe poetischer Bilder von grosser Kraft und ganz neuem Kolorit geboten, so dass diese Gesänge als das Höchste betrachtet werden müssen, zu welchem sich die Kunst Rosenfelds emporschwingen konnte. Der dritte Teil endlich enthält: * Verschiedene Gedichte". Hier kommt die Subjektivität des Autors am meisten zu Worte; es sind der Mehrzahl nach rührende Elegien über das eigene Schicksal." Und nun bietet der berühmte tschechische Dichter seinen Lesern entzückende Proben, eine wahre Blumenlese aus den Gedichten Rosenfelds in tschechischer Uebersetzung, die aber in der Hand dieses gottbegnadeten Poeten wieder zu herrlichen Originalen werden. Zum Schlüsse sagt er : „Ich weiss nicht, ob * diese gedrängte Analyse der Poesie Rosenfelds ihren besonderen Reiz, durch den uns das Original gefangennimmt, auch wirklich enthüllt. Davon wird man erst nach der Lektüre des Gesamtwerkes sprechen können, da ich hier bei den Details, in denen eben sehr oft die grösste Kraft und Originalität Rosenfelds sich kundgibt, nicht verweilen konnte. Und wenn poetische Ueber tragungen gewendeten Teppichen gleichen, wo mancher Faden überrissen ist, so muss ich mich doch mit dem guten Willen zufrieden geben, der bezwecken wollte, dass unter den Literaturen, welche sich schon jetzt mit Rosenfeld befassen — und ihre Zahl wächst gewaltig — unsere böhmische nicht die letzte sei!a