Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1903-02-20
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 8 „Die & Wtffi Seite 13 B u r n s'. Der Verfasser des Artikels über Immöralität in der Jugendpo*sie beklagt sich über die Nachlässigkeit der jüdischen Erzieher, die den Kindern Sachen zu lesen geben, die unmoralisch sind. Die Entrüstung des schätzbaren Verfassers ist aller Achtung wert, aber ist sie nicht übertrieben? Warum schiebt er es gerade den jüdischen Erziehern in die Schuhe? Der Artikel von Achad-Haam „Die Renaisance des Geistes* erklärt im wesentlichen die Thesen, die er auf der Minsker Konferenz vorgetragen hat. Sein zweiter Artikel in demselben Hefte enthält seine Kritik des politischen Zionismus und seiner literarischen Verkörperungen. Es ist überflüssig, auf diese Artikel hier einzugehen, da sie doch ein Ausnuss der Weltanschauung A c h a d - H a a m s sind. Im Jänner-Hefte des „Maccäbeän" finden wir einige interessante Artikel, und zwar über die jüdischen Klubs in New-York, von A. M. Priedenberg, wo uns das Klubleben der Juden in New-York in sehr rosigen Farben erscheint, „Was hat der Zionismus vollbracht?" fragt eine andere Autorin Leah A s h er und ihre Antwort lautet, iass der Zionismus eine jüdische Politik, eine jüdische Solidarität geschaffen hat, dass er die Aufmerksamkeit der Welt auf uns gezogen hat u. s. w. Dem Prinzip der Solidarität wird auch im Artikel von Esther P. Weinschenker: „E pluribus unum" Ausdruck gegeben. Im Jänner-Hefte der „Jewish Quärterly Review" bringt Herr Cardozo de Bethencourt einen hochinteressanten Artikel über die Juden in Portugal von 1775 bis 1902. Im Jahre 1775 war die vollberechtigte Stellung der Judenchristen — Marranos — mit der übrigen rein katholischen Bevölkerung anerkannt; im Jahre 1781 hat das letzte „Autodafe" der „heiligen Inquisition14 stattgefunden, aber seine Opfer waren diesmal nicht Juden, sondern Freimaurer und Protestanten. Die Marranen haben viele jüdische Bräuche beibehalten. Sie feiern streng den »Jom-Kippur", haben viele jüdische Gebete, heiraten meistens untereinan der u. s. w. Die meisten Marranen wohnen in Covilbä, Braganza und Fundaö, wenige in Lissabon und Oporto. Einer der bedeutendsten Marranen ist H. Jose Varcellino de Las V a r g a s, gewesener Minister unter Louis I. Rein jüdische Gemeinden existieren in Portugal beinahe nicht, ausser einer in Lissabon und einer sehr kleinen (lo Familien) in Faro. Auch Antisemitismus fehlt in Portugal nicht. So ist im Portugiesischen „Sefardano" (Sepharde) ein Synonym für „verwerflich*, „verächtlich". In Faro tauchte auch einmal die Blutbeschuldigung auf. Von den portugiesischen Kolonien besitzen die Azoren in St. Michael eine jüdische Gemeinde. C. DieJugend-Zeitschrift^Moriah", deren zweites Heft uns vorliegt und die vor allem für die jüngere studierende Jugend, also für Gymnasialschüler (denn für Hochschüler hat sie keinen Wert), berechnet ist, bringt lange theoretische Artikel über Fragen, die dieses Publikum weder interessieren, noch erbauen können. So sind die übrigens gut geschriebenen Artikel von Schiller über den »Sprachenkampf" von Sarah B r a 11, über Erziehung der jüdischen Jugend nicht den Bedürfnissen der Leser angepasst. Weniger Theorie und mehr lebendige Belehrung, das sollte immer das Motto derartiger Zeitschriften sein. Man müsste historischen Darstellungen mehr Raum gewähren. Anstatt über die Bedeutung der hebräischen Literatur und Sprache zu theoretisieren, sollte man lieber den jungen Lesern die Geschichte der hebräischen Literatur fasslich und lebhaft darstellen, um ihnen reale Kenntnisse und nicht Gedankensplitter beizubringen. Die Zeitschrift muss, um ihre Bestimmung nicht zu verfehlen, einen anderen Wrg einschlagen — den der praktischen Belehrung. Auch die belletristische Seite ist sehr prekär. Man sollte anstatt origineller, weniger als mittelmässiger Produktionen dem jungen Leser lieber gute Uebersetzungen in die Hand geben. C—k. Feuilleton. Jaroslav Vrchlicky über den Jargon.-) Von Rabbiner Martin Friedman! (Horazdowitz). Unter dem Titel „Wer spricht Jargon" schrieb Herr Dr. Loewe einmal in der „Welt" in fesselnder Weise über *) Jaroslav Vrchlicky (Emil Bohua Frida), dessen 50. Geburtstag nicht nur von den Czechen mit Recht zumAnlass einer Feier gemacht wird, ist ein warmer Freund des jüdischen Volkes und seines Schrifttums. die Entstehung, Entwicklung und die Nützlichkeit der verschiedenen jüdischen Dialekte und zog mit Rücksicht auf den faMisehen sprachlichen und literarischen Wert derselben im Erwägung, ob es denn gerechtfertigt ist, diese Dialekte mit dem Namen „Jargon" zu bezeichnen. In dem Artikel lerird unter anderem ausgeführt: „Eb ist im Interesse unseres Volkes gelegen, diese Mundartt (Jargon) vor der Verachtung zu schützen, die Feindseligkeit und Unverstand ihm zuteil werden lassen. Wir weirden auch dazu beitragen müssen, die wissenschaftliche Erschliessung gerade dieser Dialekte auch unsererseits besonders zu fördern und ihrem Untergange entgegenzuarbeiten. Wenn für viele Juden des Ostens die Aufgabe des Dialektes in den Westländern auch die Aufgabe der jüdischen Stammeszugehörigkeit bedeutete, so müssen wir diese Ddalekte gegen die Vorurteile schützen, die in ihnen die Barbaren erblicken. Darum vor allem: Fort mit dem Schimplfworte ,Jargon'!a Vi-ele gut jüdisch fühlende Volksgenossen in Westeuropa dürften diese Enunziation mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen haben, da der Jargon nicht so sehr wegen seines fremdartigen und ungewohnten Klanges, als vielmehr wegen der missliebigen Repräsentanten desselben — der galizischen, rumänischen und russischen Bettler (!) — in den westlichen Ländern äusserst unpopulär ist. Freilich, wer mit der umfangreichen Jargon-Literatur religiösen und belletristischen Inhaltes nur einigermassen vertrautt ist, ist über den Wert dieser Sprache sicherlich ganz anderer Meinung. Seitdem aber Morris Rosenfeld, diese „Friedhofsnachtignir, „welche den Gräbern singt und den Schatten dor alten Weiden % seine bezaubernden Ghetto-Lieder veröffentlicht hat, ist der jüdisch-deutsche Dialekt nicht nur vor Verachtung geschützt, sondern ist bereits zu einer Kultursprache erhoben worden. □nserem eifrigen und arbeifsfreudigen Gesinnungsgenossen B. Feiwel gebührt unstreitig das Verdienst, manch« Wunderblume der Rosenfeld'schen Poesie den deutsch sprechenden Juden erschlossen zu haben. Herr Leo Wiener, Professor für slavische Sprachen an der Harward-Universität in Cambridge, hat aber durch sein iiteressantes und inhaltreiches Werk: „The history of Yiddislh. literature in the nineteenth Century", das im zweiten Teile eine Chrestomatie von Prosa und Poesie aus dieser Liiteraiur enthält, darunter „Aufn Busen vom Jam" von Morris Rosenf4d, sowie durch das Werk : „ Songs from the Ghetto", eine vollständige Ausgabe sämtlicher Gedichte Roserlelds mit englischer Uebersetzungin Prosaneben dem Originaltexte und einem Wörterbüchlein dazu, diesen heriliehen Blumengarten Rosenfeld'scher Poesie nicht nur der eu glischsprechenden Menschheit, sondern indirekt auch der gesamten sl avisehen Welt zugänglich gemacht, indem er de» gegenwärtig giössten slaviscben Dichter — Jaroslav Vrciilick^ — mit den Dichtungen Rosenfelds bekannt macht e-, von welchen dieser derart begeistert wurde, dass er die Gedichte Morris Rosenfelds ins Böhmische übertragen hat und sie demnächst dem Drucke übergeben wird. Im ersten Hefte des V. Jahrganges der „Ceskä Revue" einer ier vornehmsten und inhaltsreichsten tschechischen Monatsschriften — redigiert von Professor Dr. B. Rayman a und Professor Dr. E, Frida (Herrenhausmitglied Jaroslav VrchlickJ) — erzählt uns nun dieser im Leitaufsatze, wie er mit der Jargon - Literatur überhaupt und mit den Gedichten Rosenfelds insbesondere bekannt wurde. Das erste, was Vrchlicky von den Gedichten Rosenfelds zu Gerichte bekam, war das oberwähnte „Aufn Busen vom Jam% welches er zu dem bedeutendsten zahlt, was die Poesie des XIX. Jahrhunderts hervorgebracht hat. „Es gehört",