Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Article
- Palästina für die Juden oder das Erwachen der jüdischen Nation [Rezension]
- Date
- 1903-02-20
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite ff ,M V'Wäfe* Nr. 8 heit, .günstige Lage und Fruchtbarkeit der Verfasser nicht Worte genug finden kann. Er äussert sich unter anderem: „Das Land ist fruchtbar wie früher. Wir müssen seine Fruchtbarkeit nicht nach dem Urteil des Besuchers beurteilen, welcher, nachdem er drei oder vier Tage in Jerusalem verbracht hat, nach England zurückeilt, um ein Büch über das Heilige Land zu schreiben. Sir Charles Wärreh sagt: Der Boden ist so reich, das Klima so verschiedenartig, dass eine Bevölkerung von 15,000.000 daselbst angesiedelt werden kann. Es ist reich an Getreide, Oel, Wein, Höhig, Sesam, Feigen, Orangen, Zitronen, Tabak, Baumwolle, Hülsenfrüchten, Schafen, Ochsen, Kamelen, Pferden und Maultieren.* Nach der Beschreibung Palästinas schildert der Autor als unsagbar hässlich und beschämend die Kämpfe des christlich-religiösen Fanatismüs, die im Heiligen Lande immer wieder zum Ausbruch gelangt sind und auszubrechen drohen, und folgert daraus die Unmöglichkeit der Besitzergreifung Palästinas seitens einer christlichen Macht. So gibt es also für Rev. Samuel Schör keinen Zweifel über den richtigen Besiedler des Gelobten Lahdes. Denjenigen, welche wegen des bisherigen Mangels an sichtbarem Erfolg an dem Gelingen des Werkes zweifeln, ruft er zu: »Zweimal schon wendete sich Dr. Herzl an den Sultan mit dem Vorschlag für einen Charter, ohne dass eine Einigung erzielt wurde. Das braucht uns durchaus nicht zu überraschen. Moses müsste sich Pharao über zwölf mal nahen, bevor dieser nach zugeben willens war." Dies den Zweiflern; mit Schärfe Und Bitterkeit aber wendet sich der Verfasser gegen die Gegner des Zionismus, besonders gegen Mir. Oswald Jolin Simon, indem er auf dessen Argumente unter anderem antwortet: „Was Mr. O. J. Simon anbetrifft, so ist es von ihm, der im freien, glücklichen England lebt, sehr unedel, seinen weniger glücklichen Glaubensgenossen in Rüssland und Rumänien zu empfehlen, weiterzukämpfen bis zum bitteren Ende (to the bitter end). Bis jetzt war das bittere Ende für diese Unglücklichen Entbehrung, Untergang und Tod. Warum handelt Mr. Simon nicht wie sein herrlicher Glaubensgenosse Nehemiäh, verläsist sein bequemes Heim, teilt die Sorgen und die Angst seiner verfolgten Brüder und sieht dann, ob er diese Politik empfehlen könnte? Jede Empfehlung, bis zum bitteren Ende zu kämpfen, welche aus dem Lahde der Verfolgung kömmt, könnte Beachtung verdienen, kommt sie aber aus (fem Lande, wo die Juden am glücklichsten und freießteh sind, so verdient sie nicht, ernst genommen zu werden." Diese Worte, die im Muhde eines leidenden Juden nicht schärfer seih können, müssten dem Verfasser unsere Sympathie sichern, wenn wir nicht schön ohnedies warm für den Mann fühlten, der in so fesselnder Weise die Leiden und Ziele eines Volkes zu schildern verstellt, mit dem er als Mensch empfindet. Hart . ♦ . •»«tasn epr riKtt ♦d^r Gedichte. Von Josef P ätai, Budapest, 1902. Ein eigentümliches Büchlein! Erstlingsgedichte, Früchte einer jungen Muse, sind die Gedichte zugleich ein so gewaltiger Anachronismus, riechen so sehr nateh den seligen Zeiten des Gottlober und K a m i n e r, dass man sie wie einen schrillen Misston empfindet. Die Gedichte verraten keinen Funken von dichterischer Begabung, kein poetisches Aedercheu, aber auch ausserdem sind Sprache und Form auffällig alt, schwerfällig und was die' erstere anbetrifft, oft Unrichtig. Das goldene Kalb" heisst das grösste epische (!) Gedicht der Sammlung; Irgendwelchen Zusammenhang, irgendwelches Verstähdniss dies grandiosen Dramas, das sich der Tradition gemäss in der sonnverbrannten Wüste abgespielt hat, das Gefühl der Erhabenheit sucht man hier umsonst — anstatt dessen flache und geschwätzige Rhetorik. Von den lyrischen Gedichten ist es kaum der Mühe wert, zu sprechen. Was soll man zum Beispiel vom Gedichte „Die Liebe des Meeres" (60) sagen, wo die Sage, die von Goethe, Heine u. s. w. unsterblich gemacht wurde, in plumper Und unbeholfener Weise paraphrasiert wird, oder vom Gedichte „Das Ge%et" (§1—52), wo der Dichter, ein junger —- wohlgemerkt, nicht mehr über das Gebet zu sagen hat, als dass „man uhrecht tue, in den Bethäusern zu plaudern, und dass eine Zeit kommen möge, wo die Erde (!) vom Wissen voll seih und man auf jedem Orte nach Hefzenslust beten werde". Oder vom Gedichte „Der Sündenbock", wo der Dichter erzählt, Ä dass er am Purim, während er von $en Wein- und Bierdämpfen hornnaoVi* iaf. aif»h nr\ .frtm-K'innnr (\\ und an Hati Riindfmbock erinnert und sein Geschick zu beweinen beginnt". Ein geeignetes Thema für einen jung-jüdischen Dichter im 20 Jahrhundert! Es wäre ratsam für den Dichter, seiher Begeisterung Einhalt zu tun, seine Leier einstweilen ah die Wand zu hängen und die hebräische Sprache und Literatur ein wenig gründlicher zu studieren, C—-k. Zeitschriften-Rundschau. Der Berliner „Generalanzeiger" hat (siehe Meldung in unserer letzten Nummer) an Personen von Ruf eine Rundfrage über den Zionismus gerichtet. In Nr. 7 bringt er die zweite Serie der Antworten zum Abdruck. Die drei Fragen lauten bekanntlich: Was halten Sie vom Zionismus? Erblicken. Sie im Zionismus eine Lösung der Judenfrage? Erblicken Sie im Zionismus einen Kulturförtschritt? Geradeaus und klar gibt der immer sympathische Boerries Freiherr von Münchhausen seine Meinung ab. Er nennt den Zionismus das Erwachen eines stolzen Adelsbewusstseins eines Edelvolkes. Er glaubt nicht an seine Realisierbarkeit, weil die Plebejer nicht mittun werden, die vielen Plebejer. Aber er preist den Hoehflug des zionistischen Gedankens. Dr. Michael Georg Conrad (München) bringt in seiner begeisterten Zustimmung zu unseren Ideen ein schönes dichterisches Bild. Er spricht von einer „Ueberwinterung der jüdischen Volks- und Staatsidee und ihrem Aufblühen im Zionismus". Er sagt dass der Zionismus einer der grössten Kulturfortschritte ist und der jüdischen Seele neue Schwungkraft für das Leben einflösst. Reichstagsabgeordneter Dr. Müller ballt die Faust. Vom Zionismus hält er nichts, als dass er den Antisemitismus fördert. Das ist vor allem nicht wahr; vor uns hat man immerhin mehr Respekt als vor den um Liebe flehenden Liberalen. Dann ist das Argument alt, lächerlich alt. Im „Berliner Tagblatte41 stand neulich der Artikel der „Welt" abgedruckt, in welchem die grausen erregende Hungersnot unter den russischen Juden geschildert wird. Nichtsdestoweniger hält Dr. K a s t a n, Redakteur dieses Blattes, nichts vom Zionismus. Was Hunger, was Elend! Es lebe der Liberalismus, diese mumienhafte Phrase! Dr. W. Heine, der Reichstagsabgeordnete, ist gewissenhaft genug, Fragen nicht zu beantworten, über die er nicht informiert ist. Graf von Hoensbroecli ist auch ein Liberaler. Er sagt nach der feierlichen Verneinung der bekannten drei Fragen, dass die Beantwortung ein Buch erfordern würde. Wir glauben, dass er bei den Vorstudien dazu seinen antizionistischen Radikaiismus stark abdämpfen würde. — y. Von „Ost und West", der illustrierten Monatsschrift für modernes Judentum, ist Nr. 2 des III. Jahrganges erschienen. In einem Artikel „Förderung und Forderung der Wissenschaft des Judentums" tritt Dr. Theodor Z1 o c i s t i warm für die Pflege einer nationalen jüdischen Wissenschaft ein. S. Lublinski wendet sich in wuchtiger Weise noch einmal gegen Houston Stewart Chamberlain. Was L. über moderne Religiosität bemerkt — er hat das erst in der Vorwoche in einem Vortrage in Wien des Breiteren und Tieferen ausgeführt — ist sehr anregend. Ueber den Maler Ismael Gentz — trotz seines Vornamens und seiner Vorliebe für biblische Stoffe und Judentypen ist er kein Jude, oder Judenstämmling — berichtet in ausführlicher, lieber voller Weise Natanja Sahuwi. Eine Reihe meist gelungener Reproduktionen ist dem Artikel beigegeben. Benjamin Segels Arbeit über den Juden und seine Umwelt im jüdischen Sprichwort wird alle Freunde jüdischer Volkskunde erfreuen. Eine Würdigung N. Sokolows entstammt der rastlosen Feder Dr. S. B ernf el ds. Dr. Tob. Cohn schreibt über „die Sibylle im Heidentum, Judentum und Christentum". Dann folgen : „Eine jüdische Mutter" von I. Berschadski, eine Erzählung „Der Lebensquell" von Dr. E. Simonson und eine Reihe von Miszellen und Aphorismen. —r. Das zwölfte, soeben erschienene Heft des „Haschiloah" bringt zwei sehr interessante Artikel, und zwar von Dr. Klausner, überBia 1 ik und einen über „dieImmoralität in der hebräischen Jugend-Literatur". Dr. Klausner definiert das Wesen der B i a 1 i k'sehen Dichtergabe als Sehergabe. Er sieht in B i a 1 i k einen Typus des modernen jüdischen Dichter-Propheten. Inwieweit diese AufimssuDg richtig ist> lässt sich diskutieren, aber dass Bi alik eine eigenartige Erscheinung in der hebräischen Literatur nnd sogar in der allgemeinen bildet, ist urzweifelhaft. Bi alik ist ein Dichter-Seher, aber nicht im Sinne Jesaias, sondern