Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Article
- Petersburg [Kommentar]
- Date
- 1903-02-20
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite a nÜNK # wsif* Nft 8?* diesem fernen Gebiete erhob und auch bereits erwirkte, dass der Niederlassung unserer Volksgenossen in der Mandschurei und in Port Arthur nunmehr verschiedene „administrative" Hindernisse in den Weg gelegt werden . Baku. Während es den antijüdischen russischen Blättern gestattet ist, antisemitische Artikel nach Belieben und Gutdünken zu publizieren, ist es den anständigen Journalen untersagt, Artikel zugunsten unserer Brüder zu veröffentlichen. Diese Tatsache konstatiert zum erstenmale der Redakteur der russischen Zeitschrift „Bäk u", der Nationalrusse A. Petrischfeschew, Er teilt in einer Zuschrift an den „Woskhod" folgendes mit: „Dass die liberale Presse Russlands genötigt ist, die jüdische Frage totzuschweigen, ist einfach darauf zurückzuführen, dass man ihr nicht gestattet, diese Frage zu erörtern. Als Leiter eines Provinzblattes wurde ich sogar der Möglichkeit beraubt, Auszüge aus dem jüdisch - russischen „Woskhod" nachzudrucken, weil man mir kategorisch erklärte: „JüdischeAngelegenheiten dürfen nur von der jüdischen, nicht aber von der russischen Presse besprochen werden.46 Ein anderesmal wollte ich in einer anderen Zeitschrift eine Artikelserie zugunsten der unbeschränkten Zulassung der Juden zu den Hochschulen publizieren, aber noch jetzt ist bei mir als „historische Erinnerung" der erste Artikel aufbewahrt, der nicht kommen konnte, weil die Zensur ihn nicht passieren lassen wollte . . . Als ich vor kurzem einer hervorragenden, guten Residenzzeitung den Antrag stellte, über die brennende Judenfrage etwas zu sagen, da betrachtete man mich als einen Verrückten. „Was soll das?" sagte man mir; „wissen Sie denn nicht, dass wir es nicht tun dürfen . . .?" Kursk. Eine interessante Debatte fand unlängst, wie die „Petersburgskija Wjedomosti" melden, im Gemeinderate von Kursk statt. Auf der Tagesordnung stand die Frage der Errichtung einer Handelsbörse und eines Börsen- Komitees in Kursk. Diese Frage wurde einstimmig bejaht, die Zulassung von Juden zur Teilnahme an der Börse aber fast einstimmig verneint. Wohl hat sich ein einziger Stadtrat S t u p i n gefunden, der für die Zulassung von Juden zur Börse warm eintrat und sogar darauf hinwies, dass die seinerzeit vom Kursker Gouverneur Kossagowskij verfügte Nichtzulassung von Juden zur Teilnahme an der Jahresmesse von Kursk die Jahresmesse vollständig ruiniert hat, aber es half nichts : von den 37 Stadträten hatten sich gegen die Juden 35 ausgesprochen . . . Odessa. Ein charakteristischer Prozess hat sich dieser Tage am Bezirksgerichte von Odessa abgespielt. Der Odessaer Bürger Schalom Rosenbloe m stand unter der Anklage, in Kiew, wo den Juden der Aufenthalt bekanntlich nicht gestattet ist, ohne Wohnrecht einen Tag geweilt zu haben. Wie es sich herausstellte, befand sich Rosenbio e m, ein von der Schwindsucht befallener Mann, auf der Reise in die Heimat. In der Nähe von Kiew bekam er einen Blutsturz und musste in Kiew absteigen, um eine dortige medizinische Autorität zu konsultieren. Er wurde jedoch in Kiew sofort verhaftet und ausgewiesen, wobei das Bezirksgericht seiner Vaterstadt Odessa beauftragt wurde, gegen Rosenbloem die Klage wegen widerrechtlichen Aufenthaltes in Kiew zu erheben. Das Bezirksgericht verurteilte Rosenbloem zu einer Geldstrafe von 50 Rubeln . . . A, Gt. England. London. Mr. Herbert Bentwich hielt vor kurzem eine Rede im Verein ,Judeanstf in London über die „Icaa und ihre Politik, Er zeigte, dass die „Ica" in allen Beziehungen antinationalistisch sei, dass sie sich den Unbilden des jüdischen Volkes gegenüber passiv verhalte, dass sie ihr Geld zu unproduktiven Zwecken gebrauche u. s. w. Er wies auf die Untätigkeit der „Ica" angesichts der durch die verschärften Einwandemngsgesetze gefährdeten Lebensinteressen der Juden hin und fotderle sie aiif, mit Rat und Tat einzugreifen. —- In der monatlichen Versammlung der „Ica" in London schlug Mr. Elkan Adler vor, dass fortan die Verhandlungen der „Icatf öffentlich diskutiert werden mögen. Der Vorsitzende Mr. Claude Montefipre sagte, der Vorschlag würde zur Aenderung des Statutes der „Ica" führen. Der Vorschlag wurde daher nicht weiter diskutiert. London. Montag den 6. Februar hielt die «Englischjüdische historische Gesellschaft" in London in St. James* Restaurant eine grosse Sitzung ab, bei der der neugewählte Präsident der Gesellschaft, Herr Isidor Spiel mann, die Inaugurationsrede hielt. Er skizzierte die Entstehungsgeschichte dieser Gesellschaft, die nunr im zehnten Jahre ihrer Existenz ist, ihre Bedeutung für das englische Judentum und ihre Leistungen. Die Gesellschaft, die zum Ziele hat, die jüdische Geschichte überhaupt, insbesondere die in England zu studieren, hat schon manche bedeutende Werke zutage gefördert und herausgegeben. So das Werk von Lucian Wolf „M enasse ben Israels Mission zu Cromwell*, das Buch von Miss Nina Davis „Sänge des Exils", das Buch von Mr. Abrahams und D. J e 11 i n über M a i m o n i d e s u. s. w. Die Gesellschaft hat es vermocht, das Interesse für die historischen Studien unter den Juden von England wachzurufen, den alten, scheinbar versteinerten Organismus wieder zu beleben. Dazu würde noch mehr die Ausstellung der jüdischen Altertümer beitragen, die von My er Davis und anderen veranstaltet wurde. Der Redner meinte, es wäre eine höchst notwendige Sache, ein permanentes jüdisches Museum in London zu gründen, das den schon existierenden Museen in Wien, Paris („Chambre juive" im Louvre) würdig an der Seite stehen sollte. Das Museum würde auch eine erzieherische Bedeutung für angehende jüdische Theologen und Altertumsforscher haben. Wie die Immigrationsfrage den englischen Juden am Herzen liegt, beweist unter anderem auch der Umstand, dass auch in dieser Inaugurationsrede der Redner es nicht unterlassen konnte, darüber zu sprechen. Er drückte den Gedanken aus, dass, wiewohl eine ungeregelte Einwanderung die jüdischen Interessen schädige, eine regelmässige sogar nötig sei, um das jüdische Leben aufzufrischen. Der Redner schloss seinen Vortrag mit dem Hinweise auf den Wert und die Bedeutung des Studiums jüdischer Geschichte, das uns eine Leuchte für die Zukunft sei. Selbstverständlich konnte er nicht umhin von der jüdischen „Mission" und dem künftigen Reich Gottes auf Erden zu sprechen. Der Antrag bezüglich der Gründung eines Museums wurde von den Anwesenden gebilligt und Mr. Mocatta drückte die Hoffnung aus, nächstens ein solches gegründet zu sehen. Kanada. Montreal (Kanada). Die hiesige jüdische Gemeinde hat den gesetzgebenden Körperschaften das Gesuch unterbreitet, einer neu zu erbauenden Synagoge die Korporationsrechte zu verleihen. Es ist dies die dritte Synagoge, , die seit drei Jahren hier gebaut wird. Die vom Staate zu verleihenden Korporationsrechte gewähren der Gemeinde das Recht, die standesamtlichen Register zu führen♦ Wdt-Sbi'onik- Personaliiachricht. Unsere Gesinnungsgenossin Fräulein Zuckermann aus Eger hat sich mit Herrn Stefan D a r a n y i aus Budapest verlobt. Ethnologisches von den marokkanischen Juden. S c h a r d t schätzt die Zahl der Juden in Marokko auf 800.000 Seelen, dagegen Horowitz auf über eine Viertelmillion. Beispiellos ist die Treue, mit der dort die während des 15. Jahrhunderts aus Spanien vertriebenen Juden noch jetzt dein