Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 7 (13.2.1903)
- Article
- Ein Besuch bei einem Wunderrabbi
- Date
- 1903-02-13
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 4Dle 2^ Welt" tor.:7 gleichfalls aus der Dynastie — taugen nicht viel. Wo ist der Rabbi? Er speist. Allein? Freilich. Der Rabbi darf nie mit seiner Familie speisen. Wir sind so kühn, die Frau zu bedauern, die seit dem Beginn ihrer Ehe nicht ein einzigesmal mit ihrem Gatten an einem Tische sitzen durfte. Und die Frau begeht die Ketzerei, gleichfalls die Sitte ungalant zu finden. Aber ändern kann sie daran nichts. Der Rabbi hat unbeschränkte Autorität, aber nur unter der Bedingung, dass er auch seinerseits die Traditionen respektiert. Er ist der Gefangene seiner Untertanen. Unsere Unterhaltung zieht sich in die Länge und wird von Seiten der Frau mit einer beträchtlichen, aber naiven Offenherzigkeit in naturalibus geführt, die uns angesichts des dreizehnjährigen Mädchens und einer weiteren erst neunjährigen, ebenfalls verlobten Tochter, ein wenig in Verlegenheit bringt. Mit dem Märchen vom Storch sind diese Rabbinerstöchter offenbar nicht allzulange behelligt worden. Der Rabbi empfängt uns noch immer nicnt. Endlich erscheint der Adjutant wieder, nimmt uns liebevoll um die Schulter und führt uns über einen Korridor zu einer Türe, an der wir klopfen dürfen. Der Adjutant verschwindet, sowie das Herein ertönt. Wir treten ein, vor uns steht der Wundermann. Aber wie sind wir erstaunt. Ein junger Mann von höchstens fünfunddreissig Jahren übt jetzt das hohe Amt aus. Er ist mittelgross, voll und gesund und hat wunderschöne braune Augen, einen gepflegten braunen Bart und volle, kirschrote Lippen Auf den Miniaturen des Mittelalters ist König David oft so aufgefasst, auch an einen hübschen Kartenkönig erinnert dieser Kopf.* Aber ein wenig hergerichtet für den fremden Besucher war er doch und auch der Salonrock aus feinstem schwarzen Tuch, wie die grosse diamantene Busennadel gehörten schwerlich zum alltäglichen Empfangskostüm. Der Toilettewechsel hat wohl die Länge unserer Wartezeit verursacht. Ich gestehe, ich war dem jungen Manne gegenüber einigermassen in Verwirrung. Hätte ich einen alten Fanatiker gefunden, da wäre es mir ein Leichtes gewesen, mich in seine Gedankenwelt zu versetzen und mit ihm von seinem Standpunkte aus über die Welt und die Menschen zu reden. Aber wie sollte ich diesen jungen, klarblickenden, von Mystizismus offenbar ganz freien Menschen nelTmen? Als Charlatan? Dazu war sein Blick zu ehrlich. Als Dummkopf? Dazu war er zu verständig. Leicht konversationsmässig? Dazu war er doch zu ruhig und würdevoll. Mit der Ehrerbietung, mit der wir vor ältere, hochgestellte Männer treten? Dazu war er zu jung und doch nicht imposant genug. Ich hatte nur eine Sekunde Zeit, meine Haltung zu wählen. Schon war mir durch eine Handbewegung ein Stuhl angewiesen. So begann ich denn damit, dass ich meinen Namen, meine Herkunft nannte, meinen Beruf als Metier bezeichnete, Welt und Menschen kennen zu lernen, und für die Erlaubnis dankte, bei einem Manne in so besonderer Position vorsprechen zu dürfen. Die Huldigung wurde mit ruhiger Würde hingenommen. Eine Weile floss dann das Gespräch ruhig hin; sein Auge ruhte dabei immer still forschend auf mir. Ich musste ihm Bescheid geben auf seine Fragen nach den Zuständen in Deutschland, wobei er selbst sich aber recht wohlunterrichtet zeigte. Er antwortete mir auf meine Frage nach den verschiedenen Sekten des Judentums, nach Chassidismus und Orthodoxie. Ich war belehrt worden, dass die Chassiden etwa den protestantischen Pietisten zu vergleichen seien, mehr auf Verinnerlichung des Gemüts als auf strenges Rituale hielten. Der Rabbi lehnte den Vergleich ab. Die Chassiden seien identisch mit den Orthodoxen, ebenso streng in der Befolgung der Satzungen, wie jene. Ich fragte nach den Zionisten, um zu erfahren, wie sich der Rabbi zu aiesem neuesten Problem stelle. Er gab aber eine diplomatische Antwort. Er glaube nicht an einen Erfolg der zionistischen Bestrebungen. Warum nicht? Ich erwartete eine theologischmystische Antwort, erhielt aber eine realistisch-politische. Es wird schwer sein, die Juden zu sammeln und zur Auswanderung zu bewegen, noch schwerer das gelobte Land zu erwerben. Mir war die nüchtern kluge Art des Mannes doch zu sonderbar. Sass ich vor einem gescheiten Holzhändler oder vor einem kabbalistischen Wundermann? So stellte ich denn eine Gewissensfrage, bei deren Formulierung mir freilieh die Zunge stockte. „Man nennt Sie und Ihre Kollegen Wunderrabbis. Welches ist die Vorstellung Ihrer Gläubigen? Trauen sie Ihnen wirklich Wunder zu!" „Das müssen Sie die Gläubigen fragen," war die prompte Antwort. „Eines-finden die weltunkundigen Leute jedenfalls bei uns. Weitreichende Erfahrung, persönliche Beziehungen und Wohlwollen. Wir stehen jedermann mit unserem "Rat bei, wenn er verlangt wird." „Sie Haben aber doch ausserdem gewissermassen auch richterliche Autorität?" „Gewiss." „Und worauf beruht diese?" „Auf dem Glauben an unsere Gerechtigkeit und Uneigennützigkeit. Wir haben einen grossen Vorteil vor dem weltlichen Richter voraus. Dieser muss sich nach dem Buchstaben des Gesetzes richten, darf nicht nach Billigkeit oder Unbilligkeit urteilen und muss innerhalb seiner Befugnisse bleiben. Wir können Befehle erteilen, aie weit über jede richterliche Befugnis hinausgehen. Wir ver- Eilten Unrecht und zwingen, begangenes Unrecht wieder gutzumachen." „Und wie erzwingen Sie die Vollstreckung Ihrer Befehle?" „Wir brauchen nichts zu erzwingen. Wir befehlen nicht, wo man uns nicht gehorcht, und wo wir befehlen, gehorcht man uns unbedingt." „Ihr Amt sozusagen ist also ein Vertrauensamt/*' „Weiter nichts." Unsere Unterhaltung hatte eine halbe Stunde gedauert. Ich erhob mich, dankte nochmals für den freundlichen Empfang und die erhaltene Aufklärung und wurde mit einem Händedrucke und dem Wunsche glücklicher Reise entlassen. Auch die „Rebbezen" verabschiedete uns freundlich mit guten Wünschen und dem Auftrage, ihr reeht viele Ansichtskarten zu senden. Die Adjutanten "drängten sich noch grüssend um den Wagen und fort gings im Trab. Briefkasten, Die P. T. Vereine werden nochmals dringend gebeten, ihre Vereinsberichte bloss auf das Tatsächliche zu beschränken, da die Redaktion nur aus Anlass grösserer Feste in der Lage ist. über mehr Raum zu verfügen. An mehrere Herren Einsender: Wir bedauern, Ihren Wunsch nach rascher Rücksendung bei eventueller Ablehnung Ihres Manuskpriptes nicht erfüllen zu können, da wir zur Prüfung des Einlaufe einige Zeit benötigen. Uebrigetis ist auf unserem Umschlagblatt ausdrücklich bemerkt, dass eingesendete Manupkripte nicht retourniert werden. Wir bitten also um ein wenig Geduld. Herrn Elias Förster, Nadworna: Es ist uns leider unmöglich, Ihrem Wunsche nachzukommen. Es wäre dies eine unberechtigte Benachteiligung anderer Vereine. Sonst stehen wir gerne zu Ihrer Verfügung. Herrn Kannengiesser, Antwerpen: Wir haben sofort bei der Administration das Nötige veranlasst. Die Sache ist bereits geordnet. P. T. Verein „Schlom Zion", Bialystok: Ihre Zuschrift wurde von der Redaktion an die Administration weitergegeben. Von ihr erhalten Sie die Verständigung. Herrn 0. Nathanson, New-York: Wir taten, was wir konnten. Leider haben wir nicht den Raum, um so ausführliche Berichte in ihrer Gänze zu veröffentlichen. Herrn E. Friedmann, Gleiwitz: In verschiedenen Nummern früherer Jahrgänge sind Publikationen über unsere Organisation erschienen. Auch in den Kongress-Protokollen finden Sie darüber Auskunft. P. T. Schweizerischer Zionistenverband, Basel: Die Angelegenheit wurde bereits durch die Administration erledigt. Zionsgruss. Herrn S. Schach . . . Ober-Erdingen. Sie erhalten in den nächsten Tagen briefliche Mitteilung. Gruss. Herrn S. K . . ♦ Pozsony. Das Gedicht ist hübsch aber zu aggressiv. Wir müssen daher dankend ablehnen. Besten Gruss. Herrn L. K. irkutsk. Wir bitten um ihre genaue Adresse. Herrn H. Roubicek: Ihr Gedicht hat uns durch seine Gesinnungstüchtigkeit sehr erfreut, ist aber für unser Blatt nicht verwendbar. Herrn cand. ehem. Schmuderer, München: Wir danken Ihnen bestens für Ihr Anerbieten. Da wir die Sachen nicht kennen, so ist es uns natürlich unmöglich, etwas Bestimmtes schon jetzt zu sagen. Wenn Sie uns etwas vorlegen werden, so können Sie darauf rechnen, dass wir mit unserem Urteile nicht zurückhalten werden. Dann erst können wir uns entscheiden..