Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 7 (13.2.1903)
- Article
- Ancona [Nachricht]
- Date
- 1903-02-13
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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«r. 7 „Die # Welt66 Seite 7 Bittschrift wiesen sie darauf hin, dass die Juden wegen des Sabbats dem neuen Gesetze gemäss zwei Tage nacheinander ruhen müssten, was für sie sehr nachteilig wäre. Deshalb verlangten sie im Namen der Freiheit der Pers'on und des Handels, dass das obligate GesStz der Sonntagsruhe sich auf die Juden nicht erstrecke. Die Bittschrift wurde vom Oberrabiner von Florenz, Dr. S. Margulies, und dem Advokaten M. F i n z i verfasst. Eis wird von Interesse sein, die Stellung der jüdischen Abgeordneten in der italienischen Kammer zu beobachten* Russland. Petersburg. Baron Günsburg feiert in diesem Monat seinen 70. Geburtstag. Er ist 1833 in Svenigorodsk geboren und erhielt eine gut jüdische Erziehung. Als Grossindustrielier und Financier erfahr Gunst) u r g manche Ehrung. Für die Juden bedeutungsvoller sind seine Bemühungen, den russischen Juden zu bilden u«.(L ihm neue Erwerbszweige zu eröffnen. Bekannt ist seine AnteilLahme an der „Gesellschaft zur Bildung und Aufklärung unter den Juden Russlands". Auch um die Zuführung der Juden zum Ackerbau hat er sich sehr bemüht. Seine Philanthropie wird allgemein anerkannt. Ob trotz alledem seine Bemühungen den Ju ien Kusslands nicht mehr genützt hätten, wenn er sich in anderer Richtung betätigt hätfc<f, ist wohl jetzt müssig zu diskutieren. Uebrigens — dieser jeiche Lebensabend ist noch nicht vorüber, Noch katn manches geschehen, was ihm gerade von den tüchtigsten russischen Juden hoch angerechnet werden würde. Noch kann er mithelfen, seinen verfolgten Brüdern eine Heimstätte sn schaffen. Er ist einer der wenigen, die viel,sehr viel tun konnten. — p. — Petersburg, Die Frage der Erweiterung des Wohnrechtes der Juden in Russland scheint das Ministerium des Iunern wirklich zu beschäftigen. Wie der national-russische, in Charkow erscheinende „Jushiij Krajtt aus zuverlässiger Quelle meldet, hat das Ministerium des Innern beschlossen, Beratungen über diese Frage zu eröffnen. Das Ministerium soll die Absicht haben, das Wohnrecht der Juden auf Städtchen auszudehnen, welche eine gewisse Handelsbedeutjng haben. Von den Gouverneuren werden eingehende Berichte über diese Frage abverlangt. Diese Meldung des sonst gut unterrichteten Blattes wird aber von den anderen russischen Blättern als unglaublich bezeichnet. „Nowoje Wremja" und das neue antisemitische Blatt „Snamja" (Fahrer) sind schon durch die Lanzierucg dieser Nachricht selbst in grosse Aufregung geraten, während der in deutscher Sprache erscheinende, im antisemitischen Fahrwasser befindliche „Petersburger Herold" k a t e g o ri s c h e r klä r t, dass es kaum glaublich sei, dass im Ministerium des Innern derartige Absichten auftauchen könrcu. Und dennoch sind die Gerüchte und Nachrichten äusserst charakteristisch für die gegenwärtige grenzenlos schwere ökonomische Lage der Juden in Russland, welche durch die Zusammenpferchung unserer Brüder im Nifciierlassungsgebiete in erster Linie bedingt wird. Dies erfäLrt man sogar aus den Berichten über die Lage der Juden im Kaukasus, wo sich ebenfalls infolge der schweren ökonomischen Krise eine Bewegung zugunsten der Erweiterung des Wohnrechtes der Juden bemerkbar macht. Tiflis. Wie die „Nowoje Wremjsa" ausTiflis meldet, hat sich eine jüdische Deputation, bestehend aus dem Rabbiner Lewin und den Industriellen Portugolow und Krassnj anskij nach Petersburg begeben, um für die Einverleibung des Kaukasus in das jüdische Niederlassungsgebiet an massgebender Stelle zu pladdieren. Kischinew. Während die Jude» in Russland die Erweiterung ihrer Wohnrechte im Zarenreiche als ein Mittel zur teilweisen Linderung ihrer ökonomischen Notlage betrachten, sind die Gegner unserer Brüder in Russland an der Arbeit, um ihnen ihir Leben noch mehr zu erschweren. In Bessarabien zum Beispiel hat sich ein starkes antijüdisches Komitee gebildat, das sich zur Aufgabe gemacht hat, die Juden aus allem, ehrlichen Erwerbsquellen zu verdrängen. So hat das Mitglied dieses Komitees Scherban dem Gouverneur von Bessarabien eine Denkschrift über die angebliche schädlich« Tätigkeit der Juden als Pächter von Grund und Boden überreicht, in welcher die strenge Handhabung der bestehenden Gesetze gegen die Juden gefordert wird. Und obwohl die Adelsmarschälie S i z i n s k i j und K r u p e n s k i j dh in der Denkschrift angefühlten Daten als Fälschung bez&i«chnet und die Vernichtung derselben verlangt hatten, beschloss der Gouverneur dennoch, die Denkschrift dem Gouvernement-Komitee zur Beratung zu übergeben. In der Beratung wurde der auch vom Vize-Gouverneur unterstützte Beschluss gefasst, die antijüdischen AgrarbestLmmungen vom 5. M a i 1882 in voller Kraft zia erhalten und Personen, welche Juden Grund und Boden in Pacht geben, wegen Betruges dem Strafgerichte anzuzeigen . . . Kiew. Wie der „Kiewljanin" meldet, hat die unlängst erfolgte Verfügung des Gouverneurs betreffend die Ausweisung sämtlicher in Kiew lebender jüdischer Pflasterarbeiter, Stuckateure, Fleischhauer etc., melir als 500 jüdische Familien betroffen. Viele Familien der Ausweisung unterliegender Juden der bezeichnete» Kategorie, welche infolge der schweren Winterzeit Kiew noch nicht verlassen konnten, erhielten nunmehr dm Befehl, der Ausweisungsordre bis zum 1. April unbedingt Folge zu leisten . . . Petersburg. Welches Interesse der Zionismus in den nichtjüdisehen Kreisen Russlands weett, kann man aus der folgender, in den „Petersburgskija Wjedlomosti" publizierten Mitteilung entnehmen, welche lautet: „Sonntag den 16. Februar hält der ausserordentliche Professor der Petersburger theologischen Akademie, Iwan Troi'zkij, den bereits angekündigten Vortrag „Der Zionismnsimmodernen Judentum" in den Räumen der kaiserlich russischen Rettungsgesellschaft zur See ab". Professor Tr o i z k ij ist einer der hervorragendsten Theologe Russlands und geniesst den Rufeines grossen Kenners des alten Judentums und Palästinas. Wir werden auf diesem interessanten Vortrag zurückkommen. Gt. Palästina. Jaffa. Das verstrichene Jahr wai für die Kolonisten ein sehr günstiges, da infolge des guten und regelmässigen Wetters die Weinernte sehr gut ausgefallen ist. Der ganze Wein wurde diesmal verkauft und zwar fand er seinen Absatz nicht nur in Europa und Amerika, wie früher, sondern auch in Palästina selbst. Das Einvernehmen der Kolonisten mit der Administration der DIca* war ein ziemlich gutes, dank der guten Ernte und der besseren Behandlung der Kolonisten. Es wurden in diesem Jahre auch viele neue Grundstücke erworben, So zum Beispiel kaufte die „Gesellschaft zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer in Syrien und Palästina" in Odessa ein Stück Land für die jüdischen Arbeiter. Auch Rothschild erwarb in der Umgegend von Tibeiia folgende Plätze: Dulajica, Jama, Mascha und Abadja. Die der „Ica" gehörenden, aber bisher brachliegenden Landesgebiete Sedziera, Adlitund Burdzi wurden von jüdischen Kolonisten besetzt. Das Kulturniveau steigt auch immerfort. Eine weittragende Bedeutung hat auch der Eclass der türkischen Regierung, wonach die Kolonien, die zfrüher als Vororte der nächsten Städte (Jaffa, Ramla, Gaza u. s. w.) betrachtet wurden, jetzt „Dörfer" werden mit Selbstverwaltung (Mostar) und selbstgewählten Räten, die zwischen der Regierung und den Kolonien zu vermitteln haben. Saffed. (Eine jüdische Volksküche.) Hier ist namentlich durch die Bemühungen des Herrn M. T a u b e nhaus, eine jüdisch e Volksküche gegründet worden, die auch unter der Verwaltung des genanntem Herrn steht. Vorläufig ist die Einrichtung so getroffen, <iass 20 der ältesten erwerbsunfähigen Männer und Frauen täglich dort gespeist werden. Es ist unnötig zu bemerken, dass nur streng rituelle Kost verabreicht wird. Es war tdie Eröffnung der Volksküche eine Art Makkabäerfeier fir Saffed; denn am Chanukafeste fand die Einweihung statt, welcher der Ober- Rabbiner und die angesehendsten Männer der Stadt beiwohnten. Besonders erfreulich ist es, da.ss Sephardim und Asehkenasim ohne Unterschied an der Wohltat der Volksküche teilhaben. Leider ist der Fonds noch viel zu klein, um auch nur einen Bruchteil der Aller bedürftigsten speisen zu können. Hoffentlich werden sich edle Menschen finden,