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Die Welt · 1903-02-13 · 7 (13.2.1903) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
7 (13.2.1903)
Article
Mazedonien
Date
1903-02-13
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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*Bie $ Welt" Seite 3 zu vergleichen — und ihre Stellungnahme ist von selbst gegeben. Vielleicht wird die gegenwärtige Lage dazu beitragen, die Türkei über zweierlei endgiltig aufzuklären: einmal«, welchen Wert die Einwanderung einer starken jüdischen Bevölkerung für sie haben würde, da dann in zahlreichen Landesteilen Türken und Juden vereint das ausschlaggebende Element bilden würden. Dann wird man vielleicht einsehen, dass die andauernden Geldverlegenheiten der Türkeit auch politisch ihren Ruin herbeiführen. Eine Erhöhung der Steuerkraft der Bevölkerung und die Zunahme von Industrie und Handel, wie wir sie der Türkei sicherstellen, darf ihr deshalb nicht gleiehgiltig sein. Hoffentlich erkennt man an massgebender Stelle rechtzeitig das eigene Interesse. Dr. Friedemann. Oer letzte Akt. Wenn nach ein paar Dezennien ein Fabrikant von blutrünstigen Kolportageromanen — gewöhnlich führen solche Leute Adelstitel als nom de plume — also sagen wir etwa einGraf vonStarkenfels, von seinem Verleger aufgefordert werden sollte, etwas recht Interessantes, Packende^ zu schreiben, mit etlichen Morden, einem Dutzend Meineiden und dem sonstigen Requisit von dergleichen literarischen „Werken", so wird er, ist er nur ein halbwegs findiger Kopf, sicher nicht an einem nach einer derartigen Bearbeitung förmlich schreienden Stoff aus unserer Zeit vorübergehen können. Und seine sensationslüsterne Leserschar wird einen Roman von mindestens achtzig Heften in die Hände bekommen. Auf jedem Titelblatte selbstverständlich irgendeine Strassenecke. Die Lampen brennen. Es ist also Naeht. Die Strassenecke auf einer Seite von einer Kirche flankiert, deren hohe Mauern tiefe Schatten werfen. Vor der Kirche ein Mann in Offiziersuniform. Sein Gesicht deckt eine Maske. In der Faust blitzt der blankgezogene Degen. Ihm vis-a-vis eine tief verschleierte Dame, die ihm ein Paket Schriften entgegenhält. Doch wozu die Sache ausmalen! Sie wird gewiss noch gruseliger aussehen. Aus dem Roman wird dann von irgend einem anderen oder eventuell auch von demselben Autor ein sensationelles Schauspiel gemacht werden. Titel: „Der verräterische Jude". Ein Schauspiel in fünf Akten. Das alles können wir heute schon mit ziemlicher Sicherheit voraussagen. Wie wird aber das Stück enden? Für den Juden jedenfalls schlecht. Schon, um dem liebeln Publikum nicht unnötigerweise Unbehagen zu bereiten. Für den Autor des Dramas wahrscheinlich gut; denn das Stück wird, nur ein bischen geschickt in Szene gesetzt; sicherlich ziehen. Wie gesagt, das wird vielleicht einmal in Dezennien sein. Den Stoff aber liefert unsere Zeit. Wir sehen eben den letzten Akt anfangen. Der Dreyfus-Prozess soll wieder beginnen. Jaures, jetzt Vizepräsident der Kammer, Francis de Pressense, der bekannte Redakteur der „A u r o r e" und Gerault-Richard, J aures5 Gesinnungsgenosse, Redakteur der „Petite Republique", haben bereits den Feldzug eröffnet. Gezwungen nur, wie sie sagen, durch die Provokationen der Gegner. „II le f a u t" heisst der Artikel, in dem Pressense die neue Kampagne ankündigt. Die Dreyf us-Affäre ist bekanntlich durch den Spruch zu Rennes und die nachherige Begnadigung nur vorläufig beendet gewesen. Gleich nachher erklärte Zola, dass damit die Sache nicht ihr Ende erreicht haben könne. Und wie er in-dieser Sache von allem Anfang an mit einer förmlichen Divination das Kommende ahnte und das Vergangene enthüllte, so hat er auch mit dieser seiner Behauptung recht behalten. Zola hat nicht mehr erlebt, was er sicher vorausgesehen und wofür er sich so ganz eingesetzt, so aufopferungsvoll betätigt hat. Ein anderer hat jetzt die Führung — Jaure s. Derselbe Jaures, der schon vor Jahren in der Kammer mit der Dreyfus-Sache nicht die besten Erfahrungen gemacht hat. Das war nicht lange nach dos Kapitäns Verurteilung. Da beantragte Jaures die Aufhebung der auf militärischen Ungehorsam gesetzten Todesstrafe, wenn ein solcher Verräter mit dem Leben davonkommen konnte. Z w a r h ä 11 e m a n D r e y f u s z u m T o d e verurteilen können, aber man wollte nicht.... Bei diesen ATorten schäumte, wie Theodor H e r z 1 im „P a 1 a i s B o u r b o n" erzählt, die Mehrheit in ungeheurer Wut gegen den Redner auf. Es kam zu einem grossen Skandal, der mit der Ausschliessung Jaures' von den fünfzehn nächsten Sitzungen der Kammer endete. Und heute, da er die Dreyfus-Sache wieder in die Hand nimmt, ist er der Vizepräsident der Kammer. Wie merkwürdig sich die Zeiten geändert haben! Der damalige Oppositionsmann hat erst jüngst dem Ministerpräsidenten Combes einen grossen Dienst geleistet, als die Parteien der Linken über die etwas zahme Erklärung desselben in Angelegenheit der Kongregationen in Aufregung geraten waren. Jaures votierte für ihn und setzte sich auch ausserhalb der Kammer für ihn ein. Und der Kapitän Dreyfus, an dessen Schuld damals ausser seinen intimsten Freunden und Verwandten niemand zu zweifeln wagte, ist heute ein freier, wenn auch noch immer nicht gesetzlich rehabilitierter Mann. Und die jetzige Kampagne fällt in eine Zeit, da der Vatikan seinen Einflnss in Frankreich durch die Ausweisung der nicht autorisierten Kongregationen stark gefährdet sieht. Derselbe Vatikan, dessen Organ, der „0 s s e r v a t o r e B o - in a n o", beiWiederauf nähme des Dreyfus-Prozesses schrieb: der Judaismus habe auch in Frankreich alles Maas des Zulässigen überschritten. Derselbe Vatikan, dessen Anhänger in Frankreich am hartnäckigsten an der Schuld des Kapitäns festhielten und noch im letzten Momente durch ihre militärischen Freunde die gesetzliche Eehabilitation verhinderten. So kurze Zeit und solche Aenderung! AVird sie ausreichen, um dem unglücklichen Offizier seine Ehre wiederzugeben? Ist das Drama, dessen Held er so unvermutet wurde, seinem Ende nahe? Es ist kaum anzunehmen, dass ein Mann, wie Jaures, bei einem Schritte von solcher Tragweite, wie es die Ankündigung einer neuen Dreyfus-Kampagne ist, nicht mit peinlicher Sorgfalt vorgegangen sei. Bald werden wir hören, wodurch er die endgiltige Beseitigung der traurigen Affäre herbeizuführen hofft. Jedenfalls hat jetzt ein neuer Akt des Dramas begonnen. Ist es der letzte Akt? „II le faut," schreibt Pressense..... W. Das Wesen der jüdischen Nationalität.*) Von Dr. phil. Isaak Mirkin (Wilna). III. Wir gehen aus methodischen Rücksichten zunächst wiederum vom Gefühle als Definition des Nationaljudentums aus. Derjenige ist Jude, der sich als Jude fühlt und eben, weil er sich als solcher fühlt, es auch sein und bleiben will. Nun erhebt sich die Frage, warum fühlt sich der eine als Jude, der andere nicht, obwohl er ebenso gut vom „auserwählten« Volke abstammt und ihm vielleicht noch mehr äussere Merkmale dieser Abstammung zuteil wurden, als dem andern. Aliein diese Frage ist schon eine allgemeine, denn sie betrifft nicht nur uns Juden, sondern alle Völker« Man kann ebenso gut fragen, was erzeugt in dem Deutschen, in dem Franzosen das Gefühl seines deutschen, seines fran* *) Siehe Nr. 4 „Die Welt".

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