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Die Welt · 1903-02-06 · 6 (6.2.1903) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
6 (6.2.1903)
Article
Stimmungsbild aus Ungarn
Date
1903-02-06
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die # Weit" Nr. 6 Geschäftslokales eine reservierte, von dem übrigen Lokale abgesperrte Abteilung zu machen, und an Samstagen durch christliche Angestellte den Tabak dort verschleissen zu lassen, wurde von dan Finanzdirektionen dahin beantwortet, dass dies ungenügend sei. Der Zweck der Verordnung ist, dass durch den Verkauf von Spezerei-, Kurz- und Galanteriewaren der Tabakverschleiss gehoben werde. Dieser Zweck kann nur so erreicht werden, wenn die obgenannten Artikel auch an Samstagen verkauft werden* In einem „vertraulichen" Erlasse erhalten die Finanzdirektionen die Weisung, bei der Erteilung der Trafiklizenzen auf die „konfessionellen Proportionen" der Einwohnerschaft Rücksicht zu nehmen. Die Zugehörigkeit eines ungarischen Juden zur zionistischen Partei ist, wie die jüdischen Zeitungsredakteure Veszi und Szabolcsi behaupten, Vaterlandsverrat. Dänemark. Kopenhagen» Der Oberrabbiner Dr. Loewenstein in Haag ist von der Kopenhagener jüdischen Gemeinde einstimmig zum Nachfolger des Oberrabbiners Simonsen ernannt worden. Bücksichtlich der eben jetzt in Wien stattfindenden Vorführung von diversen Aspiranten auf einen Wiener Rabbinatsposten, müssen wir hervorheben, dass die Berufung ohne vorhergehende Probepredigt erfolgte. Unser verehrter Gesinnungsgenosse Dr. G o i t e in, der bereits an der Seite "Simonsens als Rabbiner Kopenhagens wirkte, wurde im wesentlichen dem neuen Oberrabbiner vollkommen gleichgestellt. Vereinigte Staaten. New-York. Als Nachfolger für den verstorbenen Oberrabbiner der hiesigen orthodoxen jüdischen Gemeinde Jakob Joseph ist, wie seinerzeit erwartet, Rabbiner Bernhard Levinthal aus Philadelphia gewählt worden. Rabbiner Bernhard Levinthal war vor 11 Jahren aus Kowno (Russland) nach Amerika gekommen, um eine durch den Tod seines Schwiegervaters Lasar Kleineberg vakante Rabbinerstelle in Philadelphia einzunehmen. Er hat sich an der zionistischen Bewegung stark beteiligt und ist Vizepräsident der amerikanischen ZionistenVereinigung. Die (Jeber wachung der Grossschlächtereien, welche „Koseher*-Fieisch verkaufen, geschah auf seine Anregung hin. Er ist Vizepräsident der orthodoxen Rabbinervereinigung in den Vereinigten Staaten. Personalnachrichten. Todesfall. Ein verdienter Gesinnungsgenosse, Herr Israel Josefovici aus Pitesti in Rumänien, ist am 17, Jänner 1903 gestorben. Welt-iSbi'ODik. Opfer des französischen Antisemitismus. Der Moloch des Antisemitismus fordert immer neue Opfer und immer wieder findet er sie. Welche Wirkung der Antisemitismus auf das individuelle Leben der Juden hat, zeigt uns der folgende Fall: Es lebte in Algier ein junger Mann aus einer guten Familie, glänzend begabt und vielversprechend, namens Nissim Ben Haixn. Wrährend der antisemitischen Unruhen wurde er, noch Student, infolge einer angeblichen Beleidigung unschuldigerweise verhaftet. Er wurde dann zu Kerkerstrafe und zwar auf eine lange Zeit verurteilt, dann aber begnadigt. Als seine Militärzeit angerückt war, liess er sich in das Algerische Zouaven-Regiment einschreiben. Da aber nach den französischen Gesetzen Begnadigung noch nicht Wiedereinsetzung in die bürgerlichen Rechte bedeutet, so musste er seine Dienstzeit in dem Regiment der öffentlichen Arbeiten (Travaux publiques), wo lauter Verbrecher sich befinden, ablegen. Da er dies nicht über sich bringen konnte, verliess er Frankreich, Als im Jahre 1900 Waldeck- Rousseau die Amnestie erlassen hatte, wonach Ben Haim die Bürgerrechte wieder erlangen konnte, meldete er sich wieder beim Zouaven-Regiment, wo er nun mit grosser Mühe wieder aufgenommen wurde. Aber seine Gesundheit war einstweilen untergraben und er unterlag der Krankheit im Alter von 24 Jahren als Opfer des Antisemitismus, Als der Rabbiner Netter an seinem Grabe die Ursachen des Todes aufgedeck* hat, wurde er der Beleidigung der Regierung beschuldigt und eine gerichtliche Untersuchung ist eingeleitet worden. Ein jüdisches Emigrationsbureau. Auf dem Meeting des jüdischen „Board of Deputies" erzählte Mr. L. Cohen von der bevorstehenden Gründung eines spezieilen jüdischen Auswanderungsbureaus mit besonderer Rücksicht auf die .britischen Kolonien und die von England abhängigen Länder." Dieses Bureau, dessen Eröffnung ungefähr im März stattfinden wird, wird keine Unterstützungsanstalt für die Auswanderer sein, sondern ein Informationsbureau,,das mit allen Ländern in Verbindung stehen wird und somit den Emigranten den richtigen Rat zu erteilen wissen wird, Jubiläum eines Jargonschriftstellers. Herr Jakob D in es oh n in Warschau, einer der besten und bekanntesten Schriftsteller der Jargonliteratur, feiert jetzt das fünfundzwanzigjährige Jubiläum seiner literarischen Tätigkeit. Wenn ein Schriftsteller, der 25 Jahre lang das Volk belehrt und unterhält, schon ein Anrecht auf unsere Anerkennung hat, um desto mehr einer, der Jargon schreibt — dieser vollbringt wahrlich eine mutige, selbstaufopfernde Tat. Wer kennt die Schwierigkeiten, mit denen Herr Dinesohn zu kämpfen hatte, die Not. die Verkennung, die Missachtung, und doch hat er mit seinem Herzblut für sein Volk die besten Jahre seines Lebens trotz alldem geschrieben und hat nicht wenig zur Hebung der Jargonliteratur beigetragen. J. L. Per ez veranstaltet eine Prachtausgabe der Werke des Jubilars. Wir drücken ihm unsere volle, innige Sympathie aus und wünschen ihm ein langes, fruchtbares Leben. Mit der Auswanderung der Juden aus Galizien beschäftigte sich vor kurzer Zeit das Prager Tschechenorgan „Närodni Listy" und brachte dabei sehr interessante Daten über die jüdische Bevölkerung Gäliziens. Wir geben die Darlegungen des genannten Blattes wörtlich wieder: Aus jüngst veröffentlichten Berichten über die Volkszählung des Jahres 1900 geht hervor, dass im Dezennium 1890 bis 1900 aus Galizien nicht weniger als 100.000 Juden ausgewandert sind. Im Jahre 1890 gab es in Galizien 772.213 Juden, im Jahre 1900 wurden 811.371 gezählt. Es ist weiter festgestellt, dass in diesem Zeiträume in Galizien 315.073 jüdische Kinder zur Welt kamen und 166.966 Juden starben, so dass der natürliche Zuwachs 148.107 beträgt und im Jahre 1900 demnach 920.320 Juden gezählt werden sollten. Das Resuliat der Volkszählung des Jahres 1900 ergibt aber ein Minus von 108.940. Diese Abnahme der jüdischen Bevölkerung findet in der zahlreichen Auswanderung der Juden aus Galizien ihre Begründung* Jüdisches Emigrantenhaus in Bremen. Da in der durch Rabbiner Dr. R o s e n a k gegründeten jüdischen Auswanderungsküche wöchentlich 1200 Personen gespeist werden müssen, hat Dr. Rosenak jetzt die Gründung eines jüdischen Emigrantenhauses in Angriff genommen. Rumänische Auswanderer in Bulgarien. Die bulgarische Regierung hat das Ansuchen einer grösseren Anzahl rumänischer Juden, sich in Bulgarien ansässig machen zu dürfen, abschlägig beschieden. Von der Einwanderung in Amerika. Der Einwanderungskommissär am Hafen von New-York nimmt eine Statistik der Einwanderer nach „Nationalitäten" auf. Dabei hat er eine Rubrik für die jüdische Nation angelegt, in welche er alle Juden, woher sie auch kommen, einträgt. Darob herrscht grosse Entrüstung(I) unter den Juden Amerikas, welche verlangen, dass die aus Russland kommenden Juden als Russen, die deutschen Juden als Deutsche bezeichnet werden sollen. Entweihung einer Synagoge in Amerika. In Watertown wurde die Synagoge in brutalster Weise entweiht. Man fand die ausserordentlich wertvolle Bundeslade erbrochen und mit Asche und Wasser gefüllt. Die Schriftrollen lagen zerschnitten und mit Schmutz bedeckt auf dem Boden umher. Der seidene Vorhang war in Fetzen zerrissen und alle Gegenstände mit Kalkkreuzen versehen. Ankauf der Jca" in Entre Rios. (Argentinien.) Die „Jewish Colonisation Association a (nIcatt) hat hier für 50.000 Pesetas (rund 250.000 Mark) Land angekauft. Die luden in Paris. Die uralte Strasse „Rue des Ju ifs" (Judenstrasse) unweit des Rathauses ist in „Ru e Ferdinand Duval4 umgetauft worden. Der bisherige Name der Strasse datiert noch von der ersten Niederlassung der Juden in Paris. Bekanntlich war es schon im fünften Jahrhundert in Paris den Geistlichen verboten, bei Juden zu speisen, ein Beweis dafür, dass in Paris zu dieser Zeit schon Juden sesshaft waren. Obgleich die Juden mehreremale aus den französischen Provinzen vertrieben wurden, hat es in Paris doch immer Juden gegeben. Das Zentrum dieser Juden* ansiedlung bildete die Rue des Juifs.

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