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Die Welt · 1903-02-06 · 6 (6.2.1903) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
6 (6.2.1903)
Article
Riga [Kommentar]
Date
1903-02-06
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 6 „Die $ Welt" Seite 9 Frage der Einreihung der Stadt Riga in das jüdische Niederlassungsgebiet in Erwägung. Die interessierten Faktoren in Riga wurden um ihre Ansichten in dieser Angelegenheit befragt. Wie die „Nowoje Wremja" nunmehr meldet, sprachen sich diese Faktoren gegen die Einverleibung der Stadt Riga in das jüdische Niederlassungsgebiet aus. * Andischan (Zentral-Asien). Die Erdbebenkatastrophe von Andischan, der viele Tausende von Menschen zum Opfer fielen, hat, wie es erst jetzt bekannt wird, auch viele Juden und deren Hab und Gut vernichtet. In Andischan lebten nämlich bokhanische Juden, die sartisch sprachen und hauptsächlich die Färberei betrieben. Auch die Vertreter vieler Fabriken aus Lodz, sogenannte europäische Juden, hatten ihren Wohnsitz in Andischan, der reichsten Handelsstadt im Ferghassagebiete. ♦ Warschau. Wie die Zeitschrift „Pribaltijskij Kraj" meldet, hat der Oberpolizeimeister von Warschau dieser Tage 45 Juden wegen Tragens jüdischer Tracht (langer Kaftan, lange Peas, Streimel, weisse Strümpfe und Halbschuhe) zu einer Geldstrafe von fünf Rubeln oder Arreststrafe in der Dauer eines Tages verurteilt . . . * Stawropol am Kaukasus. Die zionistische Jugend von Stawropol hat vor wenigen Tagen einen Zionisten-Abend veranstaltet, der einen glänzenden Verlauf nahm. Der Saal war mit national-jüdischen Emblemen und dem Mogen- Dowid geschmückt. Dr. H e r z 1 s Bild, von lebenden Blumen umrahmt, prangte auf einer erhöhten Estrade. Es wurden viele schöne Lieder gesungen und interessante Vorträge gehalten. Auch ein Lustspiel gelangte zur Aufführung. Der Abend warf ein Reinerträgnis von ungefähr 600 Kronen ab. gt. England. London. Am 27. Jänner brach in der Irrenanstalt Colney Hatch, die sich im Norden Londons befindet, gegen 5 Uhr früh ein grosser Brand aus. Die Anstalt bildet einen mächtigen Gebäudekomplex. Etwas abgesondert, durch einen langen Korridor mit der Hauptanstaltin Verbindung, befindet sich der Teil der Anstalt, der für jüdische Kranke bestimmt ist. Er war einstöckig, mit 3 Fuss hohen Mauern. Die Wände der Abteilung bestanden aus Eisenkonstruktion mit Holzfüllung. Die Zahl der Insassen der jüdischen Abteilung betrug zur Zeit der Katastrophe 244, zumeist sehr schwer kranke polnische und russische Jüdinnen. Durch den heftigen Wind, der am Morgen des 27. Jänner herrschte, wurde das Feuer rasch verbreitet. Die Kranken, durch den Feuerschein, den dichten Qualm und den Lärm der Rettungsarbeiten erschreckt, rannten meist tobend durch die Korridore und widersetzten sich oft aus Leibeskräften ihrer Rettung. Die Feuerwehrleute konnten sich oft nur mit der grössten Anstrengung und eigener Lebensgefahr der tobenden Irren bemächtigen. Viele der armen Kranken entsprangen den Rettern und warfen sich förmlich in die Flammen. Andere Kranke kamen dadurch um, dass sie, durch den'Rauch betäubt, in irgend einem Winkel, wo sie sich verkrochen hatten, niederfielen und durch herabstürzende Trümmer erschlagen wurden. Es gelang allerdings, die Hauptanstalt zu retten, das Nebengebäude mit seinen Holzwänden brannte wie mürber Zunder. Als das Feuer gelöscht war, bot sich den Hilfeleistenden ein schrecklicher Anblick. Halb verbrannte oder ganz verkohlte Leichname zog man unter den Trümmern hervor. 51 Kranke sind bei dem Brande umgekommen. Eine Anzahl Irrer entsprang während des Brandes aus der Anstalt. Man weiss nicht, ob diese nicht doch zurückgekehrt sind und ebenfalls ihren Tod in den Flammen fanden. Amtliche Daten werden erst später den ganzen Umfang des Unglückes feststellen. O. Frankreich. Paris. Wenn die Deputierten Jaures und Pressense ihre bereits öffentlich ausgesprochene Absicht durchführen, so wird sich die französische Kammer und mit ihr wieder die ganze Welt neuerlich mit der Dreyfus-Affäre zu beschäftigen haben. Die beiden genannten Deputierten legten nämlich den Führern der gegenwärtigen Kammermajorität das Material vor, durch w elches sie sich veranlasst fühlen, die Dreyfus-Sache wieder?or der Kammer zu behandeln. Sind ihre Informationen sichtig — und die Namen der beiden Männer bürgen dafür, dass es sich um wirklich ernste Beweise handelt — so hat es sich vor dem Kriegsgerichte in R e n n e s um ein en ganz ähnlichen ungesetzlichen Willkürakt des französischen Generalstabes gehandelt, wie seinerzeit, als den ersten Bichtern ohne Wissen des Angeklagten und seines Verteidigers das belastendste Beweisstück heimlich im Beratungszimmer gegeben wurde. In Rennes sollen ebenfalls gefälschte Dokumente den Richtern übergeben worden sein, ohne dass Dreyfus und seine Anwälte von ihrer Ueb&rreichung etwas erfuhren. Und wieder soll es der berüchtigte General M e r c i e r gewesen sein, der das veranlasste, Als erschwerend kommt noch dazu, dass ein Brief des iatmaligen Kriegsmitiisters General Gallifet an den damaligen Ministerpräsidenten Waldeck-Roussean veröffentlicht werden soll. In diesem Briefe soll Gallifet mit einer Art Prätorianeraufstand gedroht haben, wenn das Ministerium sich dem Urteilsspruche des Kriegsgerichtes in Rennes nicht fügen sollte. Jedenfalls wird daiarch die Dreyfus-Affäre wieder aufgerollt und sicherlich, wieder die Leidenschaft aller Parteien auf das heftigste erregt werden. —p.— Deutschland. Berlin. Das Proviimal-Schulkollegium hat in einem Schreiben an den Vojstand der Berliner jüdischen Gemeinde die Ablehnung der Aufnahme des Hebräischen in den Lehrplan für den jüdischen Religionsunterricht in der Volkssehule verfügt. Jüdische Hochschule. Li einer Versammlung der russischen Studenten in München wurde folgende Resolution gefasst: „Die allgemeine Versammlung der Studenten der russisohen Kolonie in München vom 17. Jänner 1903 hält die Gründung einer Jüiisehen Hochschule für dringend notwendig, um der jüdisdien Jugend Gelegenheit zur Hochschulausbildung zu geben. Sie spricht der Idee dieser Gründung ihre vollste Sympathie aus und fordert alle jüdischen Studenten auf, sich ihr anzuschliessen." Oesterreich-Ungarn. Wien«. (Probeprecäigten imLeop oldstädter- und Stadttempel.) Herr Rabbiner Dr. M. Lewiii aus Malaczka hält Freitag dem 6. Februar d. J. bei dem Abendgottesdienste, der um yf6 Uhr beginnt, im Leopoldstädter Tempel, Tempelgasse, die Predigt und am Samstag den 7. d. M. bei dem um 3 Uhr nachmittags stattfindenden Jugendgottesdienste im Stadttempel, L, Seitenstettengasse, die Exhorte vor den Mittelschülern. — Nächste Woche hält Herr Rabbiner Dr. M. E. Prossnitz aus Mährisch-Aussee im Leopoldstädter TempeL am Freitag den 13. Februar d. J. beim Abendgottesdienste, der um 5 Uhr 30 Minuten beginnt, die Predigt und am Samstag den 14. d. M. im Stadttempel bei dem um 3 Uhr nachmittags stattfindenden Gottesdienste für Mittelschulschüler die Exhorte. Stimmungsbild aus Ungarn. Staatliche Begünstigung (unbeschränkte Gewährung yon Tabak- und Traflkiizenzen, Gewährung der Steuerfreiheit) der unter klerikaler Assistenz gegründeten ländlichen Konsumvereine, die den offen eingestandenen Zweck verfolgen, den jüdischen Dorfkrämern das Brot wegzureissen. Eiwanderungsverbot für galizische, russische und rumänische Juden. Abgeordneter B uz äth beantragt unter stillschweigender Zustimmung des liberalen Präsidenten des liberalen ungarischen Abgeordnetenhauses, man möge die Einwanderung der „galzischen Rabbiner" mit Kerker und Galgen bestrafen. Das Finanzministerium ordnet an, dass die Trafikanten (grösstenteils jüdische Spezereihämdler etc., die nebstbei auch die Trafiklizenz haben) an Sa-mstagen und jüdischen Feiertagen nicht mehr, wie bisher, len Tabak in der Wohnung (durch einen christlichen Argestellen) verschleissen dürfen, sondern das Gesehäftslolcal offen behalten müssen. Der Versuch einiger Trafikliaenzbesitzer im Eingange des

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