Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 6 (6.2.1903)
- Article
- Ein Beitrag zur galizischen Judenfrage
- Date
- 1903-02-06
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 6 „Die # Welt" Seite 7 müssen doch in erster Linie dem Bezirkshauptmaime dienen, von dessen Gutdünken ihre Ernennung oder Absetzung abhängt; dann bleibt ihnen alier für etwa« anderes keine Zeit mehr. Doch! Es ist ja möglich, dass sich die beiden Arten, von Dienstleistungen decken .... w. f. e. Lemberger Toynbee-Halle. Der „Verein zur Verbreitung von Bildung unter den Juden, Toynbee-Halle" in Lemberg versendet seinen ersten Rechenschaftsbericht. Gegründet im grössten Judenzentrum Galiziens, war die Toynbee-Halle dazu bestimmt, ein seit langem tiefempfundenes Bedürfnis zu befriedigen. In hellen Scharen strömten sie herbei, die doppelt Elenden, die jüdischen Proletarier, Männer und Frauen, um sich an Samstag- und Sonntag-Abenden (den einzigen freien in der Woche) geistig zu zerstreuen. Hier konnten sie sich Belehrung holen in den verschiedensten Zweigen des menschlichen Wissens; hier konnten sie ihr Ohr an musikalischen, gesanglichen und deklamatorischen Produktionen ergötzen und zur Abwechslung bei humoristischen Vorträgen einmal lachen. In der Zeit vom November 1901 bis inklusive März 1902 wurden (zweimal in der Woche) 42 Vorträge gehalten, die von 6687 Hörern frequentiert waren. Der grössten Frequenz erfreuten sich die in deutscher Sprache gehaltenen populärmedizinischen Vorträge, an zweiter Stelle stehen die geschichtlichen und literarhistorischen, zuletzt die juridischen, ökonomischen und naturwissenschaftlichen Vorträge. — Eine Schwierigkeit bildete die Sprachenfrage: der Verein hatte nicht die entsprechende Anzahl jargonsprechender Vorleser zu seiner Verfügung — ein Mangel, dem hoffentlich mit dem steten Wachsen der Institution abgeholfen werden wird. Auch in finanzieller Beziehung war die Entwicklung eine sehr erfreuliche. Die Einnahmen beliefen sich auf über 1000 Kronen, das Vereins vermögen beträgt zirka 600 Kronen. Und dies alles —■ die Gründung wie das Gedeihen, der moralische wie der finanzielle Erfolg — ist der unermüdlichen Tätigkeit und der gewinnenden Persönlichkeit des für das laufende Vereinsjahr wiedergewählten Präsidenten, des jungen, aber vielversprechenden Rechtshörers, unseres eifrigen Gesinnungsgenossen Heinrich Löwenherz zu verdanken. E. F. Wz, Ein anderer Standpunkt. Herr Dr. Sorna Visontai hat bekanntlich im ungarischen Abgeordnetenhause 'vor kurzem eine aufsehenerregende Rede gehalten. Ungarische deutsch geschriebene Blätter brachten den Inhalt dieser Rede derart, dass viele jüdische Blätter zu einer rücksichtslosen Missbilligung gezwungen waren. Nun stellt Herr Dr. Visontai in seiner letzten Zuschrift an uns*) die Wahrheit und Unparteilichkeit dieser Berichte über seine Worte in Abrede. Der Herr Abgeordnete ist darüber entrüstet, dass man in seine Worte einen feindlichen Sinn gegen die ausländischen Juden hineinberichtete. Diese Entrüstung ist einer Erklärung gleich. Ein scharfer Protest gegen eine Meinung ist eine starke Betonung des Gegenteils. Wir entsprechen diesem neugeklärten Tatbestand loyal durch das Bedauern, dass fremde Schuld ein unangenehmes Missverständnis herbeiführte. Die Erbärmlichkeit irreführender Berichterstattung ist auch uns schon aufgestossen; wir können begreifen, dass ihre Vertreter einem anständigen Manne zur Berichtigung oder zur Klage zu niedrig sind. Aber die unwidersprochene Behauptung führt leicht eine Entgleisung des öffentlichen Urteils herbei. Damit glauben wir die integre Person des Herrn Dr. Visontai über die Polemik herausgestellt zu *) Siehe die letzte Nummer der „Welt". haben, die sich Uns gegen seine in gutem Willen vorgebrachten Aeusserungen aufzwingt Er behauptet nämlich, das ungarische Einwanderungsgesetz sei nicht konfessionell (soll wohl heissen: antisemitisch) und er habe es angenommen, weil es sich gleichmässig gegen alje Fremden richte. Zugleich nennt er aber die flagrant antisemitische Interpretation des Ministerpräsidenten gesetzwidrig. Können Sie nachweisen, Herr Dr. Visontai, dass der Wortlaut der rumänischen Fremdengesetze gegen die Juden gerichtet ist? Ist er es bei den österreichischen Gesetzen gegen den Zwischenhandel, in den reichsdeutschen Vorschriften gegen die Ausländer? Nirgendwo ist das Wort Jude auch nur erwähnt, Aber man versteht sich. Erst der sogenannte „Geist des Gesetzes" macht seine Bedeutung aus. Die Erklärungen der führenden Kreise sind der massgebende „Raschi" zum Gesetzkodex. — y. ffrib&oe. (Für diese Rubrik überlässt die Redaktion die Verantwortung den Einsendern.) Von den rumänischen Emigranten. Das Sekretariat unserer Zentrale in Galatz stellt uns folgenden Brief eines Emigranten, der sich schon in Kanada befindet, zur Verfügung: Kin Apele, 7. Jänner 1903. Was unsere hiesige Lage anbetrifft, sind wir sehr schlecht daran. Man hat je zwei Familien ein paar Pferde gegeben, mit denen nicht einmal für den Bedarf einer Familie gepflügt werden kann, geschweige denn für zweie. Dieses Jahr haben wir mit Bauen der Häuser und Stallungen und mit Heugewinnung für das Vieh verloren und haben deshalb nicht mit dem Pflug gehen können. Hierzulande wird im Herbst und Frühling geerntet und im Frühling gesäet, Hafer für Vieh und Weizen; nun, da wir im Herbst nicht gepflügt haben, werden wir keinen Hafer fürs Vieh haben; und die Subvention wird uns schon vorenthalten, so dass wir sehr schlecht stehen. Viele Familien haben schon das Land verlassen und viele werden jetzt weggehen. Wir Juden haben es nirgends gut. Eine Sektion*) ist von der anderen über das Feld so weit entfernt, dass, wenn wir zueinander kommen wollen und es inzwischen Sturm oder Schnee gibt, wir zuhause bleiben müssen, bis sich das Wetter gebessert hat, sonst können wir den Weg nicht finden. Wir wissen überhaupt nicht, seit wir Rumänien verlassen haben, ob wir Juden sind; da man uns Fleisch gibt, das nicht von rituell geschlachteten Tieren stammt. Manche haben schon Gewehre, mit denen sie wilde Hühner und Enten jagen, von denen es hier sehr viele gibt und die sie essen. Viele Leute hauen schon dem Geflügel selbst den Kopf ab und verzehren es dann. Jetzt seht, wie weit wir mit dem jüdischen Glauben gekommen sind. Es scheint, dass es nicht genug ist, dass wir nicht rituell geschlachtetes Fleisch essen müssen, wenn wir bei den Engländern arbeiten. Urteilt, in welche Lage wir gekommen sind! „Wenn Sie mir antworten, werde ich Ihnen dann mitteilen, was mit unserer Kolonie geschehen ist, wer inzwischen abgereist ist und wer hier bleiben wird; ich werde bleiben bis zu Ende. Aron Bercovici mit seinem Partner Mendel Swartz sind bereits entschlossen abzureisen, der Schwager des Gogo Smiel Marcovici und viele Bakauer reisen ebenfalls ab." J. K. Hierzu bemerkt der Einsender: So lautet ein Brief, der dieser Tage eingelangt ist. Aus ihm ist ersichtlich, wie erbittert die Leute dort sind, und dass sie gezwungen werden, das Judentum, respektive seine Gebräuche zu vergessen. *) Sektion heisst der Platz, welchen man vier Familien zugeteilt hat.