Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-02-06 · 6 (6.2.1903) · p. 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
6 (6.2.1903)
Article
Zuviel / -y.
Date
1903-02-06
Page
6 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316025--37402-3328741
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 „Dte j> Weltf Nr. 6 Gerade weil diese Dinge im Kreise eines berühmten Rechtsgefüliles geschehen, geben sie unserer oft wiederholten Lehre mathematische Sicherheit: dass nämlich eine Ueberlastung durch das jüdische Element Judenfeindschaft hervorruft. Man kann sich noch der Ausschliessung russisch-jüdischer Studenten von den meisten Polytechniken Deutschlands entsinnen, und auch die Wiener Technik hat eine ganz neue Massregel dieser Art. Wenn noch die Lausanner Forderungen schweizerisches Gesetz werden, so ist dem russischen Bildungsdrange Tür und Tor verschlossen und ein unheilbarer Schlag hat die Hauptstärke, die geistige Stärke des Judentums getroffen. Dem westlichen Juden, den seine Zeitung genau über Schneiderstreiks und gar nicht über das Drama „Der russische Jude" aufklärt, muss gesagt werden, welcher Zwang seinen wissensclurstigen Bruder aus Russland vertreibt. In der russischen Volksschule schon werden nur 10 Perzent luden in die Schülerzahl aufgenommen und der Rest der Macht der Finsternis überlassen. In die Gymnasien wieder 10 Perzent. In die Universitäten und Polytechniken aber nur 2—5 Perzent. Es ist ein heldenhafter Kampf vom mittellosen rusisch-jüdischen Studenten bis zum Graduierten einer Universität. Für den Willen, wissen zu wollen, müssen sie die Sehmach der Ausschliessung und der Beschimpfung durch ihre Rollegen hinnehmen. Wie im Mittelalter müssen sie es als Gnade ansehen, im Kreise des Geistes einen Platz einnehmen Vax wollen. Ueberflüssig! Zuviel! Das ist der Ruf an die jüdischen Studenten an den Universitäten, an die Juden selbst am Tische Europas. —y. Ein Beitrag zur galizischen Judenfrage. In jüngster Zeit fiel wieder ein grelles Streiflicht auf die eigentümlichen Lebensverhältnisse der galizischen Juden. Am 4. Jänner d. J. fand der erste galiziseh-jüdische - Matrikenführertag statt.Jüdischer Matrikenführer! DieseFigur ist typisch fiirGalizien und findet ihresgleichen vielleicht nur in der russischen Institution des „Raw niitaam", des „Rabbiners von staatswegen". Während in den anderen Kronländern Oesterreichs die Matrikenführung eine Obliegenheit der Kultusgemeinde resp. des Rabbinats bildet, ist dies in Galizien anders. Hier ist das Matrikenamt von der Kultusgemeinde und vom Rabbinate vollständig losgelöst, es bildet ein selbständiges, von einem Juden geleitetes Amt. Der jüdische Matrikenführer ist aber das Zerrbild eines Beamten, er hat zwar Titel und Pflichten eines solchen, nicht aber die für gewöhnlich mit dem Begriffe eines Amtes verbundenen Rechte. Zunächst bezieht er gar keinen Gehalt. Er ist vielmehr auf die gesetzliche, den Betrag einer Krone selten übersteigende, von den Parteien zu entrichtende Gebühr angewiesen. \Ter die galizischen Verhältnisse auch nur halbwegs kennt, der weiss, Avas das bedeutet. Der Matrikenführer ist der Gnade oder Ungnade der Parteien ausgeliefert, und diese betrachten die Matrikengebühren als die überflüssigste Ausgabe in der Welt. Wird einem ein Kind geboren, so rechnet er mit allen bei diesem Anlasse notwendigen und üblichen Ausgaben, nur auf die Eintragungsgebühr vergisst er. Wenn er dann, gedrängt durch die fortwährenden Mahnungen des Matrikenführers, bei ihm erscheint und die zur Eintragung notwendigen Angaben macht, so fügt er unaufgefordert eine Rechnung hinzu, „was ihn die Geschichte kostet", und bereitet so darauf vor, dass er etwas abhandeln oder sich mit einem halblauten „Guten Tag" entfernen will. Und diesen überaus praktischen Vorgang beobachten nicht nur ganz Mittellose, sondern auch halbwegs Bemittelte. Es ist selbstverständlich, dass die paar grösseren Städte mit ihrer Intelligenz und ihrem reichen Mittelstande eine Ausnahme bilden. Die „gesetzlichen" Heiraten in Galizien sind auch heute noch sehr selten; man begnügt sich mit der rituellen Trauung, die, als vor dem Gesetze ungiltig, keinen Gegenstand der Eintragung bildet. Die Folge: der Matriken führet* hat das Nachsehen. Hat aber einer gar einen lieben Toten begraben, so scheint es ihm keineswegs plausibel, dass er sich zum Matrikenführer bemühen und zum wiedererwachten Sehmerze noch den Scliaden von einer Krone erleiden muss. Nur unausgesetzte Mahnungen und Drohungen vermögen seinen Starrsinn zu brechen. Drohungen! Wehe dem Matrikenführer, der diese Drohungen wirklich in Taten umsetzen will! Wehe ihm, wenn er es wagt, gegen eine mit der Amneldung oder G^bührenentiichtung säumige Partei die politische Behörde anzurufen! Dann wird er gut tun, sich lange, hübsch lange nicht auf der Strasse zu zeigen. Er wird nämlich verfemt und verketzert, ist in jedermanns Munde und gilt nun offen als das, wofür das Volk ihn insgeheim hält, nämlieh als Nachfolger der berüchtigten Fleisch- und Lichtpächter, jener jüdischen Vampyre aus der josephinisehen Zeit. Zu diesen nichtamtlichen gesellen sich in allzu grossem Masse ex-offo-Annehinlickkeiten: Ausweise der schulpflichtigen Kinder, Ausweise der Stelluugspfliehtigen, Ausweise der unehelichen Kinder, und schliesslich die grossen statistischen Ausweise. Von der Erledigung der behördlichen Aufträge, die Legion sind, schon gar nicht zu reden. Und um dieses Amtes, das offenbar eine grosse Bürde mit einer kleinen Würde verbindet, habhaft zu werden, muss man sich anlässlich einer öffentlichen Konkurrenz darum bewerben, dann eine schriftliche und eine mündliche Fachprüfung in der Bezirkshauptmannschaft bestehen, schliesslich muss man unbescholten, rechtschaffen und vertrauenswürdig sein und viel, sehr viel — Protektion haben, denn die Konkurrenz ist gross, und leider nur zu oft unlauter. Und doch hat die Sache auch ihre Poesie. Der jüdische Matrikenführer sieht den Strom des jüdischen Lebens vor sich dahinfHessen; Hebeamme, Trauzeuge und Totengräber — fast täglich suchen sie ihn auf und künden ihm Anfang, Höhepunkt und Ende eines jüdischen Lebenskampfes. Er schlägt seine Bücher auf, und siehe da! Die Blätter reden, sie erzählen von Vater- und Mutterfreuden, von jauchzendem, bräutlichem Glück, dann von lautem Weinkrampf oder still verhaltenem Schluchzen. Doch es ist nicht gut träumen, wenn der Magen knurrt. Dieses Memento rufen uns die Beschlüsse des Matrikenführertages zu. Sie verlangen im wesentlichen die Verdoppelung der Gebühren und Festsetzung einer halben Gebühr für Erteilung von Auskünften. Die Frage der illegitimen, rituellen Ehen berührt mittelbar, wie oben erwähnt, das materielle Interesse der Matrikenführer, da diese Ehen nicht eingetragen werden. Auch diese Frage wurde diskutiert. Wir möchten aber sehr bezweifeln, ob die daselbst vorgeschlagenen Mittel — worunter auch die Denunziation figuriert — zur Eindämmung der illegitimen Ehen beitragen werden. Zu bewundern ist nämlich die Zähigkeit, mit der das Volk an seinen Gebräuchen festhält, ohne sich um das staatliche Gesetz zu kümmern. Dem galizischen Juden genügt es, wenn die jüdische Öeffentlichkeit seine Ehe anerkennt; darum, dass der Staat seine Ehe als Konkubinat und seine Kinder als Bastarde betrachtet, schert er sich nicht. Ein Argument gegen die Leugner einer jüdischen Nation. Nur ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, das über den blossen Rahmen der Religion hinausgeht, vermag dem galizischen Juden dem Staate und dem Gesetze gegenüber ein Rückgrat zu geben. Eine interessante Debatte erregte die Frage der jüdischen Namen. Gegenüber der Anschauung des Referenten — des Sozialisten Frenkel (Lemberg) — man möge sich für slavische Vornamen entscheiden, trat der zionistische Redner Dr. Brau de (Stanislau) für die reinen, altbiblischen Namen ein. Man beschloß, den Vätern ihre Freiheit in puncto Namensgebung zu belassen. In später Abendstunde sehloss die Versammlung. Der Kultuspräses Dr. Byk hat sie mit einer Ansprache eröffnet; der Ivultusvorstand veranstaltete auch zum Schlüsse ein gemeinsames Abendmahl für die Teilnehmer. Woher die Aufmerksamkeit? Sollte da vielleicht die Absicht bestehen, die jüdischen Matrikenführer in den Dienst der Lemberger Klique „m o s a i s c h e r Konfessionslosigkeit" zu nehmen? Ach, die Leute

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.