Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 6 (6.2.1903)
- Article
- Marokko
- Date
- 1903-02-06
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die & Weit*? Niv# Abkömmlinge der stolzen spanischen Juden, der Blüte Castilicns, wclclie von der Hydra der Inquisition von dem schönen Boden Spaniens verjagt wurde, haben sie die Sitten und Bräuche sowie die Sprache der spanischen Juden beibehalten. Aber welche Lage, welche Misere, welche Erniedrigung wurde ihnen zu teil! Eine kurzeSchilderung wird geniigen, um das ungeheure Elend sich zu vergegenwärtigen. Die M'dina, das arabische Viertel einer beliebigen marokkanischen Stadt und die Mellah, das Judenviertel, sind die Synonyme von Paradies und Hölle. Während die erstere rein, schön, hygienisch ist, ist die letztere ungemein schmutzig, eng, und infolge der verpesteten Luft geradezu gesundheitsschädlich'. Und es kann uns nicht wundernehmen. Die Juden von M a r a k k e s c h z. B. sind in der Zahl von 15 000 in einem engen Ghetto eingesperrt und von der übrigen Stadt, von dem. freien Lande durch eine Maner getrennt. Es ist selbstverständlich, dass die unglückliehen Juden wie Häringe im Fasse eingepfercht sind. Eine Familie von 10 Personen wohnt in einem Zimmer und zahlt Mietlohn 5 Francs monatlich, was für einen Familienvater, dessen täglicher Verdienst 75 Centimes ist, wohl eine erhebliche Summe ist. Im Sommer ist die Mellah bei eineT Hitze von 35 Grad in einer fürchterlichen Lage. Die Luft wird unerträglich schwül, in den Häusern hausen Skorpione und Schlangen, deren Bisse tödlich sind, Epidemien des Typhus und anderer verheerender Krankheiten wüten unter den Juden. Zur Wahrung dienen den Juden gewöhnlich Brot und Oliven und auch diese Wahrung wird int Schwei sse des Angesichtes mit Mühe und Not erworben. "Alle arbeiten — Männer und Frauen. Die Männer sind meistens Händler, Lastträger, die Frauen Näherinnen. Die Kinder wachsen in schrecklichem Schmutz und arger Verwahrlosung auf, von Bildung, sogar in den jüdischen Wissenschaften, ist gar keine Eede. Die physische Dccadence der marokkanischen Juden ist die möglichst denkbare . . . Die Juden von Marokko befinden sich jetzt in 'demselben rcchtlichenZustande, in welchem wir westeuropäischen Juden im Mittelalter uns befanden. Das Ghetto, das gelbe Rädlein (ruella) am Kleide, als Abzeichen der Niedrigkeit, das Verbot die von Arabern bewohnten Stadtteile zu betreten, die ungemein hohen. Judenzölle, die schändlichen, entwürdigenden Judengesetze — alles bis auf die traditionelle Ohrfeige, die der Rabbiner, während er ihm den Judenzoll überreicht], vom Pascha alljährlich bekommt', alles, was das Judenleben im Exil Schreckliches, Furchtbares aufzuweisen hat, finden wir in. Marokko wieder. Unsere 150 000 unglückliehen Brüder können leider ein Stück jüdischer Geschichte exemplifizieren, uns vergegenwärtigen. Und nicht nur die vergangene Geschichte, sondern auch die moderne gibt das Geschick des Juden Maghrebs wieder, selbstverständlich in verzerrter, wider, barbarischer Form. Aber die Form ändert sieh, das Wesen bleibt dasselbe. Und wenn wir das Leben der modernen Juden in Europa betrachten, müssen wir auch wehmutsvoll dem jüdischen Philister das marokkanische Beispiel vorhalten und ihm zurufen: de te fabula narratur. Und wer kann jetzt für die Juden in Marokko etwas tun, sich für sie verwenden? Wer wird den Juden helfen? Die Antwort lautet klipp und klar: sie selbst, als Bestandteil des jüdischen Volkes mit Hilfe der Gesamtheit des jüdischen Volkes. Wir haben gehört, dass die Mellahbewohner schliesslich die Geduld verloren haben und Gewalt der Gewalt entgegensetzten. Ob es wahr ist oder nicht, weiss ich nicht, nur das weiss ich, dass einstweilen mehrere Juden in Fez gemordet und alle Juden in das Ghetto eingesperrt wurden, „um-der. Sicherheit willen" Wenn es aber wahr wäre^ so wäre es eine interessante, bemerkenswerte Tatsache; Wir hätten, vielleicht zum erstenmal nach so vielen, vielen Jahren den jüdischen Mut, den unbeugsamen, hervorbrechen gesehen, wir würden sehen, dass dem Juden ein Freiheitsdrang, ein Wille zum Leben ä tout pfix innewohne, dass der Jude auch selbsttätig sein kann. Und wir könnten wieder die Marokkaner Jtiden den westeuropäischen als Muster und ■— Meister vorhalten. Wohlverstanden, der Vorsatz wäre gut, die Mittel wären schlecht. Was würde es denn den Juden von Marokko nützen, wenn anstatt des gegenwärtigen Sultans der Prätendent den Thron bestiege, wenn sogar die europäische Macht ihr Protektorat verhängen würde? Das Beispiel Algiers hat schon gezeigt, was europäisches Protektorat den Juden geben kann. Nur politische Kurzsichtigkeit, nur momentane Verzweiflung konnte ihnen die Watfen in die Hand drücken. Denn nicht von der jeweiligen Konstitution Marokkos hängt ihr Heil oder Unheil ab, tiefer ist das Uebel, „tiefer ist die Nacht, als je der Tag gedacht". Ihr Unglück ist das des gesammten jüdischen Volkes und mit dessen Auferstehung wird auch das Los des Marokkaner Judentums entschieden werden. — Ex Oriente lux! Cor. Die Juden in Jerusalem und die luden im Auslande. Von Elias Barg (Jerusalem). Die christlichen Völker knüpft an die heilige Stadt das Grab ihres Heilands. Muss man es erst sagen, welche Bande das jüdische Volk an diese Stadt knüpfen? Wir sehen in ihr nicht nur das Grab unserer ganzen Herrlichkeit, sondern auch die Wiege unserer Zukunft. Und doch müssen wir die betrübende Erscheinung beobachten, dass — während die christlichen Völker um die Wette zielbewusst und systematisch vorgehen, um in Jerusalem und dessen Umgebung immer mehr Boden zu fassen, unser Volk sich damit begnügt, in der Nähe seines Heiligtumes Almosen zu verteilen. Dabei spricht man von einem realistischen Sinn des jüdischen Volkes! Wahrlieh; so unpraktisch, planlos und bescheiden hat sich noch kein Volk gezeigt, als das unsrige. Aber wenn die Bescheidenheit am richtigen Platze eine Tugend ist, so ist sie am unrichtigen eine Lächerlichkeit. Und es ist auch nur darin der Grund zu suchen, warum man uns Juden, den Bescheidenen am unrichtigen Platze, in der heiligen Stadt nicht allzu respektvoll begegnet. Es treibt die Schamröte ins Gesicht, wenn man die klägliche Bolle sieht, welche die jüdische Bevölkerung in , Jerusalem sowohl ihren mohammedanischen, wie auch ihren christlichen Mitbürgern gegenüber spielt. Man soll für traurige Erscheinungen und Ereignisse nicht immer und zu sehr die daran beteiligten Personen verantwortlich machen; viel mehr sind oft die Umstände als die Menschen daran schuld — wenigstens sind sie aus den Umständen am besten zu erklären. Wenn man aber frägt, wer an den traurigen Erscheinungen in Jerusalem mehr Schuld trägt, die dortigen Juden oder die Juden im Auslande, so muss man entschieden den letzteren den Preis zuerkennen. Aber wir wollen diese Erscheinungen aus den Umständen erklären und nur das als Schuld anrechnen, was in den Umständen nicht begründet ist. Um am besten zu unserem Ziele zu gelangen, müssen wir zunächst darüber klar , werden, in welchem Verhältnisse die Jerusalemiter zu den ausländischen Juden stehen. Die Juden in der heiligen Stadt, die man mangels genauer Statistik schätzungsweise auf etwa seehzigtausend Seelen angibt, kann man in: zwei Kategorien einteilen: in Eingeborene und Eingewanderte. Die letzteren bilden die Mehrheit und stammen aus allen Ländern, zum grössten Tfeü aber aus Eussland und Rumänien. Per-