Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 6 (6.2.1903)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1903-02-06
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 6. Wien, 6. Februar 1903 — 9. Scliebat 5663. 7U Jahrgang Wir ersuchen unsere geehrten Leser und Abonnenten, welche mit der Einzahlung der PränumeratioiLsgebühr noch im Rückstände sind, um möglichst umgehende Einsendung derselben, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Marokko. Ex Oriente lux! — Im Morgenlande leuclitefs und blitzt's. Schwere Wolken zielin sich dort zusammen und ein Sturm der Leidensehaften der lange gelaiebelten und geknechteten Volksmassen erhebt sich gegen die Bedrücker. In Marokko, dem Lande, das eine der besten und günstigsten Positionen an der Küste des mittelländischen Meeres einnimmt und doch in tiefer Barbarei steckt und es nicht versteht aus der günstigen Lage Profit xit ziehen, in Marokko, dem Barbarenlande, ist eine offene Revolution, ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Und wie es immer in barbarischen Staaten zugeht, nahm die Volksempörung die Form eines Parteikampfes zwischen den Anhängern des anglophilen jetzt regierenden Sultans Muley-Abd-el-Aziz und dem Throirprätendenten Bu-Hamara, der von den Horden der Berber und Kabylen unterstützt wird, an, wurde zu einer „guerillaa. Wenn nun ganz Europa seine Augen in gespannter Erwartung auf die Vorgänge in Fez und Taiger gerichtet hält, wenn die marokkanische Frage alle Diplomaten Europas beschäftigt, wenn England, Frankreich, Italien und Spanien mit bangem Herzen den Ereignissen folgen, da es sich doch um ihre eigene Suprematie am. Mittelmeere handelt, so haben wir Juden, und besonders vir Zionisten. vielleicht noch mehr Grund, uns für die Frage zu interessieren. Denn wir haben auch Interessen in Marolko, die uns näher am Herzen liegen, als die diplomatischen Künste, als der politische Wetteifer, der eigentlich für das "Völkerleben von keiner Bedeutung ist — wir haben in Marokko h u n - dertf ünf zigtausend Brüder. Die Juden von Marokko! Es gab eine Zeib, und das ist nicht so lange her, wo sie im Munde aller warai, Damals verbreitete sieh über Europa das Gerücht, dass in Marokko die Juden sich in einer Lage befänden, die alle Schrecknisse des Mittelalters übertreffe* dass sie erbarmungslos massenhaft als Opfer der blinden Wut der fanatischen Bevölkerung massakriert werden. Und die Herzen der jjidisehen Philanthropen rührten sich und Sir Moses Montefiore begab sieh selbst im Jahre 1880 dahin und verwendete sein ganzes Ansehen, schonte keine Mühe und sicherte den unglücklichen Juden eine momentane, scheinbare Erleichterung — es wurde ihnen das Leben, w7enn nicht erträglich, so doch möglich gemacht. Aber indessen suchten das jüdische Volk andere und grössere Unglücksfälle heim, andere, mächtigere Fluten von Juden tränen und Judenschmerz ergossen sich über die Lande und übertönten mit ihrem Getöse das Jammern und Wimmern der fernen Juden von Maghreb. Aber wieder erhob sich ein heftiger Sturm in Marokko, der Schrei der Todesangst dringt wieder zu uns und zwingt uns, ihnen, den gemarterten Brüdern, unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es hat übrigens für uns noch eine Bedeutung auf die marokkanische Frage näher einzugehen. Menschen können unmittelbar ihre eigenen Züge nicht sehen, sie müssen zu diesem Behufe eine Widerspiegelung, einen Reflex haben. Wenn wir Zionisten dein westeuropäischen Juden mit haarscharfer Genauigkeit, mit unerbittlicher Konsequenz alle Mängel seiner gesellschaftlichen Stellung blosslegen, wenn wir ihn auf die Gefahren, die ihm drohen, aufmerksam mächen, zuckt er misstrauisch die Achseln — er glaubt's nicht, er kann's und will's nicht glauben. Und es ist natürlich, denn nichts ist in der Natur des Menschen so tief eingewurzelt als der Wunsch nach Glück und Wohlfahrt, nichts ist so mächtig, wie die Selbsttäuschung. Und diese Selbsttäuschung des westeuropäischen Juden, die seine Tatkraft lähmt, seinem Geiste Bande auflegt und ihn am Fluge hemmt, können wir nur dann überwinden, wenn wir ihm seine eigene Lage in einer Widerspiegelung, in einer Vergrösscrung vor Augen halten, ad oculos demonstrieren. 150 000 Juden wohnen in Marokko, sie sind über das ganze Land zerstreut, aber die grössten Gemeinden sind in den Städten Fez, Marakkesch, Mequinez, die zu den „Kronländern", zum Bilad-el-Maghsen gehören, cl. h. zum Gebiete, wo die regierungstreuen Araber hausen. Ata auch im übrigen Lande, unter den Berbern (im K Amazirghen, im S. Schillukhs genannt) halten sich Juden auf.