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Die Welt · 1903-01-30 · 5 (30.1.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
5 (30.1.1903)
Article
Die Notlage im "Niederlassungsgebiete"
Date
1903-01-30
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 ,Die & Welt" Nr. 5 stehende Komitee zur Hilfeleistung an die Notleidenden ist nicht mehr in der Lage, die unter den Notleidenden herrschende er s c hr e ck e n d e A r mu t zu lindern» Das Komitee appelliert deshalb an alle Einwohner von Kowno< Geld und warme Kleider zu spenden, weil die täglich immer zunehmende Notlage das Leben der Notleidenden unmöglich macht. Und was der offizielle Aufruf verschweigt, das berichten andere russische Blätter. In einem Briefe des in Wiina erscheinenden rein russischen Blattes „Sjevero- Sapadnoje-Kraj* („Nordwest-Gebiet") lesen wir über di& Lage der Juden im Niederlassungsgebiete folgendes: »Im ganzen Niederlassungsgebiete ertönt jetzt der verzweifelte Ruf: „Brot, Brot!" Tausende und tausende jüdischer Familien sind dem Hunger preisgegeben, weil die industrielle Krise in den letzten Jahren alle Erwerbsquelieii vernichtet hat, welche den Hunger der Unglücklichen einigeren assen stillten.* Diese Hungersnot der Juden im Niederlassungsgebiete hat sich mit der grimmigen Kälte des jetzigen Winters vereint, um die trostlose Lage unserer Volksgenossen im Niederlassungsgebiete noch trostloser zu gestalten. Das halbamtliche Blatt „Sjewero-Sapadnoje-Slowo" meldet aus Kowno, dass dort dieser Tage eine alte Jüdin und ihre Tochter in ihrer Wohnung erfroren aufgefunden wurden ...... Ein Stückchen Brot und ein bisschen Holz hätten diese zwei Menschenleben retten können, aber auch dieses Minimum hatten die Unglücklichen nicht zu erlangen vermocht. Das deutet darauf bin, dass im „Niederlassungsgebiete" die Lebensbedingungen längst aufgehört haben, erträglich zu sein . . ♦ Und derselbe russische satyrische Publizist hat vollkommen Recht, wenn er erklärt: „Im. Niederlassungsgebiete sind keine „Lebensbedingungen", sondern „Aussterbebedingungen* vorhanden. Innerhalb der städtischen Mauern hermetisch eingeschlossen, sind die Juden von dem riesigen Gebiete der Landwirtschaft völlig abgeschnitten, während im „Niederlassungsgebiete" selbst ihnen der Zutritt zu irgend welchen staatlichen, städtischen und ständischen Erwerbsquellen völlig unterbunden ist. Unter solchen Umständen ist es begreiflich, warum die Kräfte der Juden im Niederlassungsgebiete zu erlahmen beginnen. Das Uebel ist zu gross, um dass man es im „Niederlassungsgebiete" selbst mit einigem Erfolge bekämpfen könnte ... Gt' „Erschiesst euch!" Dieser Rat kommt aus Bukarest und ist den rumänischen Juden vom Bukarester Polizeipräfekten, Herrn Sin- Mariu, erteilt worden. j Man wird somit nicht sagen können, dass die rumänischen Würdenträger nicht an eine Lösung der Judenfrage denken. Wie schon verschiedene optimistische Juden, mit einem lobenswerten politischen Scharfblick ausgestattet, mit sehr viel Genugtuung konstatiert haben, bereiten sich in Rumänien ausserordentliche, der Judennot ein Ende machende Ereignisse vor. „Die rumänischen politischen Persönlichkeiten scheinen einzusehen, dass es mit der bisher befolgten Politik in der Judenfrage nicht geht," bemerkte vor einigen Tagen eine rosasehende jüdische Zeitung. In der Tat! Die rumänischen Politiker scheinen das einzusehen. Allem voran der Polizeipräfekt von Bukarest, Herr Sin-Mariu. Diesem Herrn verdanken wir die neueste Lösung der rumänischen Judenfrage. Der Anstoss zu diesem epochemachenden Gedanken gab eine unbedeutende Schwäche des Herrn Polizeipräfekten. Der Herr Präfekt kann die illustrierten Postkarten nicht leiden. Eine Idiosynkrasie Seiner Hochwohlgeboren gegen illustrierte Postkarten. Vom Herzen eines rumänischen Polizeipräfekten bis zum Munde ist nicht weit, und so gab er den Befehl, dass die genannten Karten in Kaffeehäusern etc. nicht mehr verkauft werden dürfen. Motiviert wurde der Befehl durch das Verbot des Hausierens in Rumänien. Es ereignete sich aber zufällig, dass der „Adeverul" dem Herrn Präfekten nachwies, dass die illustrierten Karten Drucksachen sind und als solche kolportiert werden können. Mein Gott! Auch ein gewesener Staatsanwalt, der dieser Polizeipräfekt ist, kann sich in den Paragraphen des rumänischen Kodex verirren. . Der streitbare Herr sah das zwar ein, aber die gesetzliche Begründung zur Seite lassend, bekannte er offen, dass nicht der rumänische Kodex, sondern er es sei, der die illustrierten Karten nicht leiden könne. Also etwa: Sic volo, sie jubeo — was ein gewesener Gerechtigkeitsverteiler zwar nicht sagen darf, was aber ein Polizeipräfekt tun kann. Die armen Kolporteure waren, was die langjährige rumänische Gesetzgebung schon zustande gebracht hat, Juden. Verhaftet und vor den Präfekten gebracht, erklärten sie, dass sie infolge der gesetzlichen Verdrängung aus allen Berufen auf das Kolportieren angewiesen seien und dass das noch erlaubt sei. Darauf erwiderte, wie oben mitgeteilt, Herr Sin-Mariu, dass es wahr ist, dass das Gesetz das Kolportieren noch nicht verbietet, aber er, der Präfekt, verbiete es. „Ja, was sollen wir denn tun?" bemerkte schüchtern einer der Verhafteten. „Wass Sie tun sollen?* meinte Herr Siu-Mariu und sann ein wenig nach . . . „ Wisst was? Erschiesst euch!" Und damit war das erlösende Wort gefallen. Daran haben die rumänischen Juden noch nicht gedacht. Und wie einfach und naheliegend doch das ist! Die rumänische Judenfrage kann als gelöst betrachtet werden. Nämlich: 30.000 rumänische Juden hungern jetzt jenseits des Ozeans, bleiben in Rumänien 220.000 Juden. Wie die „Epoca", das Parteiblatt des Herrn P. P. Carp, versichert hat, sind die Rumänen bereit, an eine Aenderung der Judengesetze zu „denken," sobald diese 220.000 Juden auf 125 000 zusammengeschmolzen sein werden. Einen Best von 95.000 Juden muss man also zu allererst loswerden, damit Herr Carp zu „denken" anfängt. Was dieses Denken für die Juden ergeben wird, weiss ich nicht und die „Epocau auch nicht, aber die Rumänen fangen nur bei netto 125.000 Juden über die Judenfrage nachzudenken an, früher nicht und da muss man diesen Rest loswerden. Aber wie? Und jetzt kann man die ganze Tragweite des Sin-Mariuschen Gedankens ermessen. 95.000 Juden können unsere philanthropischen Vereine in einer kurzen Zeit nicht wegbringen. Wie anders Sin- Mariu! Statt der Auswanderungskomitees sollen Erschiessungskomitees gebildet werden. Den Leuten, die sich zum Erschiessen nicht entschliessen könnten, sollte man klarmachen, dass es doch besser ist, zwischen Frau und Kind daheim zu sterben, als im fremden Amerika, wie die früheren Auswanderer. Dann vielleicht noch einige volkstümliche physiologische Kurse über die Vorteile des Todes durch Erschiessen im Vergleich mit dem Tode durch Verhungern. Und wenn das nicht hilft, so soll man für die dem Tode vorhergehenden zwei Tage Fleischkost versprechen. In zwei Monaten werden, hoffe ich, 95.000 Juden auf diese Weise aus Rumänien verschwinden.

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