Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 5 (30.1.1903)
- Article
- Mein Standpunkt
- Date
- 1903-01-30
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 5 *Die # Welt" Seite 3 an die Vorteile einer Ausnahmsgesetzgebung wenden. Wenn ein für jedermann in gleicher Weise obligatorisches Gesetz geschaffen wird, dessen Strenge, aber auch verfassungsmässige Garantien ebenfalls in gleicher Weise auf alle übergehen, dann kann und darf der Jude niefit aufschreien, wenn auch er von diesem Gesetze in gewissen gegebenen Fällen getroffen wird. Dies sind die aligemeinen Gesichtspunkte, die mich geleitet haben,, als ich das Wort ergriff. Es ist wohl wahr, dass das Einwanderuiigsgesetz auch (Tie Einwanderung der Juden berührt. Jawohl, es berührt sie. Aber es stellt nirgends ein Verbot auf. Der christliche und jüdische Fremde muss in gleicher Weie den gesetzlichen Bedingungen entsprechen, so er das tut, wird er in Ungarn aufgenommen. Tut ei" es nicht, dann ist es klar, dass er sich vom Standpunkte des allgemeinen Gesetzes bei uns nicht niederlassen kann. Wenn dem nun so ist und man auf die wirtschaftlichen Nachteile der Einwanderungen und auf die durch die bisherige übermässige £uströmüng hervorgerufenen abnormen Situationen hinweist, kann da etwas anderes unsere Pflicht sein, als die missliche Lage anzuerkennen, jedoch nur zu dem Zwecke, damit wir uns dann, unter Zurückweisung der Gehässigkeit, im Zeidien der Humanität zur Abhilfe vereinigen. Vier Momente gibt es in meiner Rede, die ich der Aufmerksamkeit der Verleumder und namentlich der Kurzsichtigen und von bösem. Willen durchdrungenen Berichterstattern des „Pester Lloyd" und des „Neuen Pester Journal" empfehle. Ist doch infolge ihrer Berichte die Verleumdung in der konfessionellen Presse entstanden. Folgende sind aie vier Momente: 1. Ich habe in meiner Rede die Generalisierung der oberungarländischen Zustände auf die gesamte Judenschaft zurückgewiesen. 2. JcE habe darauf hingewiesen, dass eine der Hauptursachen der Entstehung gewisser Uebelstände nur die Staatsverwaltung ist und dass es die Judenschaft selbst ist, die sich aus zahlreichen Anlässen an die* Regierung um Abhilfe gewendet hat. 3. Ich wies darauf hin, dass auch die in den oberen Gegenden wohnenden Juden auf die staatliche Subventionierung angewiesen isind und dass man diese Unterstützungsbedürftigen in tLie agrarischen Beschäftigungen einbeziehen muss, wie dies der „Isr. Ackerbauvereinr< selbst verlangt. Dieser Verein hat sich selbst an den Regierungskommissär Egan behuf Ausarbeitung eines einschlägigen Elaborats gewendet und Egan begann seine Arbeit < mit der bewundernswertesten Objektivität; er zergliederte die Frage, ob die jüdische Rasse gegenwärtig der Bodenkultur zugezogen werden kann. Diese Antwort hat Egan zuletzt dem Oberliausmitgliede Herrn Sigmund Kornfeld übergeben, der mit einer bekannten tiefen und weisen Einsicht mit Egan selbst über diese Frage verhandelte. Welche Unvernunft und Tölpelhaftigkeit gehört dazu, mir vorzuwerfen, warum ich vor dem Parlamente diese , edlere Tätigkeit Egans hervorgehoben habe! 4. Ich habe die Lage der rumänischen Juden vor dem Parlamente ausführlich geschildert. Ich wies das vertragswidrige Verhalten Rumäniens vom Standpunkte des Berliner Vertrages nach und verlangte Aufklärung darüber, ob die ungarische Regierung hinsichtlich der amerikanischen Zirkularnote in gehöriger Weise ihren verfassungsmässigen und gesetzlichen Einflnss Bei dem betreffenden Entschlüsse des Ministeriums des Aeussern geltend machen wird. Freilich gegen die gesetzwidrige Interpretation Koloman Szells hatten die Lloyds und Journals nichts einzuwenden. Sie lärmten nur so lange, als nicht von Machthabern die Rede ist. Mich können sie leicht angreifen, aber ihr Mut und ihr prahlerisches, jedoch unaufrichtiges jüdisches Gefühl fällt ihnen in die Hosen, wenn sie sich einem Minister gegenüber befinden. Dies die kurze Skizze meiner Reklamation. Ich kann auch noch hinzufügen, dass ich ebenso, wie ich jetzt meine Stimme im Interesse meiner aus Rumänien vertriebenen unglücklichen Glaubensgenossen erhoben, dies auch stets anderwärts getan habe, wo es sieh darum handelte, für unsere bedrängten Glaubensgenossen, für unsere im Auslande verfolgten Brüder ein Asyl zu schaffen. Jedoch hat sowohl Ungarn selbst, als auch seine Judensehaft ihre eigenen wirtschaftlichen Uebel. Wier würde es wagen, auf das Forum hinauszutreten, um zu verkünden, dass wir unter den gegebenen Verhältnissen nur für die jüdischen Einwanderer Ausnahmsbegünstigungen verlangen sollen? Das Gesetz wurde für jedermann gleich geschaffen. Ich musste gelegentlich meiner Ausführungen gleichmässig als Ungar wie als Jude meine Pflicht erfüllen. Mit diesen Ausführungen wurde ich von der Unabliängigkeitspartei betraut. Möglich, dass mein Können nicht im Verhältnisse zu meinem Wollen stand, aber dass mein Wille gut war und dass mich auch diesmal die warme Empfindung für meine Glaubensgenossen leitete, bezeuge ich vor Gott und der Welt. Weidas Gegenteil verkündet, ist ein Verleumder. Auf meiner politischen Karriere traten mir schon viele solcher Verleumder entgegen. Ich schob sie beiseite oder ich wich ihnen aus. Dies ist auch jetzt mein Prinzip. Budapest, 20. Jänner 1903. Dr. Visontai Sorna * Reich stagsabgeordneter. Wir behalten uns vor, auf die Ausführungen des Herrn Einsenders zurückzukommen. D. Red. Die Notlage im „Niederlassungsgebiete". Im jüdischen Ghetto in Russland, das unter dem Namen „Niederlassungsgebiet* bekannt ist, hat die ökonomische Notlage unserer Volksgenossen erschreckende Dimensionen angenommen. Diese Tatsache wird bereits von den offiziellen Pressorganen der russischen Regierung rückhaltslos bestätigt. Zusammengepfercht in den Städten des Niederlassungsgebietes, von jedweder Teilnahme an den öffentlichen Arbeiten ausgeschlossen, von allen Erwerbsquellen ferngehalten, von einem Netz von Beschränkungen und Verboten umgarnt, beginnen die jüdischen Volksmassen im Niederlassungsgebiete den Boden unter den Füssen zu verlieren. Und nicht einmal die bewährte jüdische Wohltätigkeit vermag trotz der äussersten Anspannung allerihrer Kräfte die immer wachsende Notlage der Juden im Niederlassungsgebiete im geringsten zu lindern* War die ökonomische Lage der Juden im Niederlassungsgebiete bis jetzt unhaltbar und verzweifelt, so hat sie sich in der letzten Zeit derart verschlechtert, dass ihr bereits Menschenleben zum Opfer zu fallen beginnen... Und ein russischer Publizist charakterisiert die gegenwärtige Notlage der Juden im Niederlassungsgebiete mit folgenden satirischen, aber unendlich wehmütigen Worten: »Die Juden im Niederlassungsgebiete, denen man die Fähigkeit zuschreibt, die speziell für sie geschaffenen Gesetze nicht einhalten um sie umgehen zu können, haben nunmehr auch aus der scheinbar völlig aussichtslosen Lage im Niederlassungsgebiete einen Ausweg gefunden : Die grimmige Kälte benützend, entziehen sich einige Juden samt ihren Kindern dieser Lage durch den Tod des Erfrierens, andere wieder benützen die herrschende Arbeitslosigkeit, um den Hungertod zu sterben . . .B Aus diesen satirischen Worten, die ein russischer satirischer Publizist beim Anblick des im Niederlassungsgebiete herrschenden Jammers und Elends niedergeschrieben hatte, erfuhr man aber, dass im Niederlassungsgebiete erschreckende ökonomische Zustände eingerissen sind. Bald ist es der Mangel an Nahrung, bald der Mangel an Heizmaterial, welcher jüdische Menschenleben im Niederlassungsgebiete vernichtet . . . Und eine richtige Vorstellung von dem Umfange der im jüdischen Niederlassungsgebiete herrschenden Notlage haben aber erst die Berichte der offiziellen Pressorgane der russischen Regierung geweckt. Man weiss, wie ungern die offiziellen Blätter in Russland über abnormaleErscheinungen im sozialen Leben des Zarenreichs berichten. Auf die grosse Hungersnot in Samara hatte seinerzeit erst Graf Leo Tolstoi die russische Gesellschaft aufmerksam gemacht und dadurch die offiziellen Kreise genötigt, Mittel zur Linderung der Not zu ergreifen. Welche Zustände also müssen im jüdischen Niederlassungsgebiete gegenwärtig herrschen, wenn offizielle russische Pressorgane ohne Zwang von aussen diesen Zuständen Artikel widmen, Hilfe-Aufrufe erlassen und den Untergang von Menschen infolge von Hunger und Kälte konstatieren? Im Gouvernement Kowno zum Beispiel hat sich die Not der Juden derart verschärft, dass die offiziellen „Kowenskija Gubernskija Wjedomosti" sich genötigt sahen, in einer Extra-Ausgabe folgenden Aufruf zu erlassen : „Das unter dem Ehrenvorsitze des Gouverneurs von Kowno