Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-01-23 · 4 (23.1.1903) · p. 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
4 (23.1.1903)
Article
Wenn wir Toten erwachen
Date
1903-01-23
Page
20 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316021-3328084--37097-3328161
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 20 „Die # Welt" Nr. 4 eben wie Shakespeare und Goethe Gemeingut aller Nationen geworden. Aber in erster Linie ist es doch unsere Literatur« das wollen wir niefit vergessen. Mögen jene „aufgeklärten Juden", denen es in erster Linie daran liegt, zu beweisen, dass es keine national-jüdische Kultur gäbe und dass das Judentum ,nur eine religiöse Gemeinschaft sei, sich immerhin ihres kostbarsten Schatzes selber berauben, mögen sie mit grösserem Stolze auf Kotzebue als,auf Salomo blicken •— ich spreche hier zu Zionisten und diese wenigstens sollten mir bedingungslos beistimmen. Diejenigen unter uns, denen die jüdische Religion nur ein in der Zeit entstandenes Produkt des, (jüdischen Geistes ist, werden das Haupt stolzer erheben, wenn sie erkennen, da3s der jüdische Geist auch noch anderer Produkte fähig war., Aber auch für unsere Frommen kann diese Anschauung nichts Verletzendes haben. Im Gegenteil, durch sie erst .wird es möglich sein, die schon zu einem Gemeinplatz gewordene Anschauung von dem jüdischen „Gott der Rache" .im Gegensatze zu dem christlichen „Liebesgotte" wirksam zu bekämpfen. Man erinnere sieh nur der Worte eines christlich-deutschen Dichters, der In allen Schulen auswendig gelernt wird, ich meine Theodor Körner. In dem Gedichte, in dem der Gott bittet, Deutschland den Sieg zu verleihen, heisst es unter anderem: „Du sollst den Stahl in Feindesherzen tauchen." — 3,Das höchste Heil, das letzte liegt im Schwerte." — „Die Schande deiner Töchter schreit um Rache, der Meuchelmord der Söhne schreit nach Bhyt." — „Vor dessen Antlitz deine Fahnen fwallen, er will sein Volk in Waffenrüstvmg selrn." Findet sich hier auch nur eine Zeile von Liebe und Versöhnung?.— Und woher kommt das? — Weil die religiöse Idee eng verbunden erscheint mit der nationalen. Ein Volk, das um Sieg über den Feind bittet, kann nieht zu gleicher Zeit diesen Feind lieben. , Das neue Testament ist ein rein religiöses Buch; daher findet in ihm die Kampfnatur des Menschen keinen Platz. 'Es verliert sofort von .seinem spezifischen Gehalt, sobald ein einzelnes Volk die Ideen der christlichen Religion mit seinen nationalen Interessen verknüpft. Das neue. Testament ist ein rein religiöses Buch; das alte ist es nicht. Die Vereinigung religiösen und nationalen Lebens, die der Christ alle Tage willkürlich vollzieht, finden wir in ihm bereits vor. Aber umso nötiger ist es, diese beiden Seiten unserer Ueberlieferungen auseinanderzuhalten, so dass rieht der verderbliche Irrtum entstehen kann, als handle es sich in dem Ausspruche: „Aug* um Aug', Zahn um Zahn", der nichts anderes ist, als eine auf einer bestimmten Rechtsstufe ausgebildete Form der Strafe, um eine Aufforderung zu persönlicher Rache. — „Wenn wir Toten erwachen —?" — Irene Tiieseh hat es versucht, eine Antwort auf diese Frage zu geben. — Wenn wir Toten erwachen — wenn wir uns wieder auf die .Schöpfungen unseres eigenen Geistes, auf unsere Geschichte und auf unsere Literatur besinnen —: dann werden wir uns die fast abhanden gekommene Selbstachtung zurückerobern — und dann werden uns aucli mit der Zeit andere Völker achten lernen. K. Fr. Eine amerikanische Schule.*) Von Rose Julien. Mitten im pennsylvanischen hardcoal-Revier, wo der Erzreiehtum der Täler den Urwald vergangener Zeit zum Schlotenwald umgewandelt, der von rastlosem Gewerbefleiss Zeugnis gibt, liegt die rührige Stadt Scranton. Electric City nennt sie sich stolz, war sie doch die erste unter den Städten der Vereinigten Staaten, die elektrische Kraftanlagen aufzuweisen hatte. Aber auch sonst noch hat sie es Verstanden, den Bedürfnissen der Zeit Rechnung zu tragen und hat durch den grandiosen Aufschwung eines Unternehmens echt amerikanischer Art selbst im „smarten" Yankeelande die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken: durch die ^Entwicklung, welche die Internationale Korrfcspöndenzschule hier genommen. Es ist eine Schule, die sich die Aufgabe stellt, strebsamen Leuten, weichen Zeit und Gelegenheit fehlt, Schulen zu besuchen, auf dem Wege brieflichen Verkehres die Möglichkeit einet Weiterbildung auf technischen Gebieten zu vermitteln. — t)le Prospekte besagen ausdrücklieh, dass sie nicht den Zweck hat, reguläre technische Schulen zu ersetzen, und dass jeder, der in der Lage ist, eine solche besuchen zu können, dies nicht unterlassen solle; Zweck der Korrespondenzschule sei es vor allem, denjenigen, die aus Zeitmangel auf regelrechtes Studium verzichten müssen, Gelegenheit zu geben, jede freie Minute zu ihrer Fortbildung auszunützen und solchen, die in einsamen Gegenden leben, Bildungsmittel zu bieten» Andererseits wird der grosse Vorteil * Die Idee dieser Schule verdiente bei uns Juden Nachahmung. hervorgehoben, den der Korrespondenzunterricht vor den Abendschulen besitzt, weil der Lehrer sich dort um den einzelnen nur wenig kümmern kann, während hier der „Instruktor" gewissermassen immer nur einen Schüler auf einmal belehrt; ausserdem prägt sich Geschriebenes besser ein als Gehörtes, und kurze, klare Ausdrucksweise entwickelt sich rascher beim schriftlichen Verkehre. Die „Colliery Engineer Company" — die Gesellschaft der Bergingenieure —• hat die Korrespondenzschule gewissermassen unter dem Zwange der! Notwendigkeit begründet. Man hatte stark unter dem Uebelstande mangelhaft oder gar nicht vorgebildeter Arbeiter gelitten, und um fleissigen Leuten Gelegenheit zu geben, ohne Zeitverlust Versäumte« nachzuholen, «richtete man einen technisch-wissenschaftlichen Kursus für Bergleute ein, der sogenannte instruetion papers (Unterrichtshefte) zur Verteilung brachte, welche, mit zahlreichen Illustrationen versehen, sich von anderen )fachwissenschaftlichen Werken dadurch unterscheiden, dass sie in möglichst knapper und klarer Form nur das Notwendige sagen und sich so frei als möglich von sogenannten technischen Ausdrücken halten, zu deren Verständnis Vorkenntnisse Voraussetzung sind. Es beteiligten sich bald viele strebsame Männer an dem Kursus und Nachfragen nach anderen wurden laut, so dass man daran denken konnte, den Wirkungskreis auszudehnen. Man begründete Kurse für den Bau und die Führung von Maschinen, solche für Elektrotechnik, Telegraphie und Telephonie, für Baukunst und architektonisches Zeichnen, Chemie, Handelswissenschaften, Stenographie etc. Auch werden Sprachen gelehrt und erhält jeder Sprachschüler zur Uebermittlung einer korrekten Aussprache einen Phonographen geliefert. Die Lehrmethode ist im allgemeinen folgende: Man sendet dem Schüler Instruktionshefte und vorgedruckte Fragebogen. Der erste Gegenstand ist gewöhnlich Rechnen oder Zeichnen und beginnt mit den untersten Anfängen, unter der Voraussetzung, dass keinerlei Vorkenntnisse vorhanden sind. Nachdem der Lernende sieh mit dem Inhalte des ersten Instruktionsheftes vertraut gemacht hat, füllt er den Fragebogen aus, der an die Schule zurückgeht, dort korrigiert, sowie mit solchen Bemerkungen und Erkliirungen versehen wird, die den Schüler zum besseren Verständnis helfen. Beim Zeichenunterricht versendet man die notwendigen Utensilien mit Gebrauchsanweisung und leichten Vorlagen, die allmählich zu schwereren übergehen. Wenn der Schüler irgend einer Schwierigkeit beim Verständnis der Instruktionsbücher begegnet, so hat er dies auf einem der ihm eigens zu diesem Zwecke gelieferten „tnformationsblanks" zu verzeichnen. Der Instruktor antwortet darauf postwendend und erklärt alles eingehend und ausführlich, und sollte es ihn zwanzig Seiten kosten. Der Schüler kann das Studium jederzeit unterbrechen und wieder aufnehmen, wie es seine Zeit erlaubt. Am Schlüsse folgt eine schriftliche Prüfung, auf Grund derer ein Zeugnis ausgestellt wird. Der Erfolg als Kritik ist günstig. Die Schülerzahl der seit ungefähr zehn Jahren bestehenden Korrespondenzschule geht in die Hunderttausende. Das Durchschnittsalter der Lernenden ist 25—30, doch haben auch einige Hundert das 40. Jahr übersehritten, und einige Schüler zählen sogar 60 Jahre. — Die Schule beschäftigt in Scranton und in ihren vierzehn Filialen in der Union zirka 500 Angestellte, ausserdem 500 Reisende. Wenn man die grossen freundlichen Räume der Schule zu Scranton durchwandert, empfängt man ganz den Eindruck, sich inmitten eines grossen Industrie- oder Geschäftsbetriehes zu befinden. In weiten Hallen, an langen Tischen sitzen die „correctors" über die Hefte geneigt, dazwischen wandern die „principals" umher, die Oberaufsicht führend. Wie es rasselt und klappert in den Sälen voller Schreibmaschinen! Dort wieder sind Packräume, in denen Lehrhücher, Lehrmittel für den Versandt zurechtgemacht, denn der tägliche Postverkehr wird auf 15 000 Stück, die tägliche Ausgabe für Porto auf 200—300 Dollars geschätzt. — Es ist eine Schule, die nie eines Schülers Fuss betritt, und die doch den geistigen Mittelpunkt bildet für tausende fleissiger, strebender Menschen, die über einen grossen Teil der bewohnten Erde verstreut sind. td^er Welt-Spiegel".)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.