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Die Welt · 1903-01-23 · 4 (23.1.1903) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
4 (23.1.1903)
Article
Nikolaj Chazkelewitsch
Date
1903-01-23
Page
11 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 4 „Die £ Welt« Seite 11 Feuilleton. (Nachdruck verboten.) Nikolaj Chazkelewitsch. Aus dem Leben der Juden in Petersburg. Von K. Pruschanskij. Frei nach dem Russischen von N. Golant. (Schluas.) Er wohnte nicht mehr im 'Keller, sondern im Stockwerke desselben Hauses. Seine Wohnung bestand aus zwei Zimmern und Küche, welche ganz hübsch möbliert waren. Man hatte mich bereits erwartet. Alle Familienmitglieder trugen ihr feieriägiges Gewand und sahen selbst sehr feierlich aus. Nur die Kinder schienen damit sehr unzufrieden zu sein, dass man sie nicht in das zweite Zimmer einlassen wollte. Im Flüstertone erklärte mir Schlemka: „ Die Kinder können ausplauschen, die Nachbarn würden die „Entdeckung" weitertragen, und es würden daraus Unannehmlichkeiten erwachsen. Und deshalb habe ich beschlossen,. die Kinder nicht einzulassen/ Wenige Minuten nach meiner Ankunft und nachdem Schlemka mit seiner Gattin leise eine Angelegenheit besprochen hatte, öffnete Schlemka feierlich die Tür des zweiten Zimmers und lud mich ein, einzutreten. Ich trat ein. In der Mitte des Zimmers stand ein hell beleuchteter Tisch, auf dem der »Seder" allen Vorschriften gemäss hergerichtet war. Auf diesem traditionellen Tische vermisste ich den Krenn und die „Charesseth", jene Mischung aus Nüssen, Aepfeln und Wein, welche an den egyptischen Lehm erinnern soll, welcher das Leben unserer Vorfahren so erschwert hat und der so gut zubereitet ward> dass die mit diesem Lehm errichteten Pyramiden noch jetzt bestehen. Das dürfte übrigens ein besonderes Merkmal jüdischer Arbeit sein. In der Geschichte der Menschheit sind nicht die Pyramiden allein als Werk jüdischer Hände erhalten geblieben. „An diesem Abende*, sagte Schlemka lächelnd, mir auf einen Stuhl, auf welchem ein Polster lag, hindeutend, „muss j«>der von uns gewissermassen die ganze Geschichte des jüdischen Lebens personifizieren. Und diese Stühle sollen jetzt Thronsessel darstellen. Freilich, die Throne sind nicht besonders fest, weil die Stühle wacklig sind, aber dennoch sind es Throne und jeder Thron, sogar der unsicherste, ist besser als die Sklaverei." „Du, Schlemka, kannst, wie ich sehe, manchmal scharfsinnig sein," sagte ich und liess mich auf meinen Thron nieder. „Scharfsinnig," wiederholte Schlemka mit einer Grimasse. „Alle Judcjn sind scharfsinnig. Und wissen Sie, warum? Weil die Juden auf Schritt und Tritt geschnitten werden. Kaum kommt ein Jude auf die Welt, da fängt man schon an, ihn zu schneiden und so geht es bis zu seinem Tode fort, bei jedem Schritt, überall und in allem, wird er beschnitten und geschnitten. Da muss man unwillkürlich scharfsinnig werden. Hier auf unserem Tische vermissen wir zwei Gegenstände: Krenn, der an die Bitternisse erinnern soll, welche unsere Vorfahren in Egypten gekostet haben, und „Charesseth", welche den von ihnen gekosteten Lehm darstellt. Aber ich glaube, dass wir auch ohne Krenn und „Charesseth" ganz gut auskommen können. Denn Krenn benötigen wir nicht, weil uns auch jetzt bitter genug ist; ohne „Charesseth" können wir deshalb auskommen, weil man jetzt uns selbst mit Kot und Schmutz besudelt.. ,Ä In diesem Augenblicke trat Natalja Petrowna, die ehern dige Beile, ein, sperrte die Zimmertür hinter sich ab und Liess sich an der Seite von Nikolaj Chazkelewisch nieder. j,Setze dich, meine Königin,* sagte ihr Schlemka lächelnd, „regiere eine oder zwei Stunden. Dein Reich ist zwai nicht gross, es beschränkt sich nur auf dieses Zimmer, aber umso besser. Je weniger Geschäftigkeit, desto weniger Ungerechtigkeiten werden in diesem Reich geschehen." Wenige Augenblicke nach dem Eintritte Natalja Petrownas in das Zimmer erhob sich Schlemka von seinem Sitze und sagte: „Es hätte zwar hier ein Kind anwesend sein sollen, um ^Mä Nischtanoh" zu sagen, aber erstens sind keine Kinde* vorhanden, zweitens sind viel wichtigere Fragen da, we3cln=8 unsere Kinder an uns zu richten berechtigt wären. Fangen wir also mit „Sklaven waren wir in Egypten" an, dazu sind wir jetzt noch lange keine Herren ..." „Das ist auch gar nicht notwendig," sagte ich. „Was ist nicht notwendig?" „Herren zu sein. Man muss Mensch sein." Eine Zeitlang sass Schlemka schweigend da, er schien über etwas nachzudenken. Endlich sagte er: „Sie meinen, man müsse Mensch sein, aber die Menschen sind derart, dass sie entweder Herren oder Sklaven sein können." „Das ist nur, solange die Menschen dumm sind.Später weriesn sie begreifen, dass es kein grösseres Vergnügen geben kann, als sich von gleichgestellten Menschen, nicht aber von Sklaven umgeben zu sehen." „Und glauben Sie, dass eine solche Zeit jemals kominen werde?Ä „Wir hoffen, dass sie kommen wird." „Und wird es bald eintreffen?" »Wenn Messias kommen wird,* entgegnete ich lächeln d« „Messias," wiederholte Schlemka tief aufseufzend, „ja, wenn Messias kommen wird, dann ist alles möglich." Das Gespräch wurde durch die Bemerkung Natalja Petrcwnas abgebrochen, welche meinte, es sei schon Zeit, die Speisen aufzutragen. Schlemka verrichtete die Gebete, wusch sich die Hand« und sagte den traditionellen Segensspruch über die Mazaoth. Nach Beendigung des Mahles schenkte Nikolaj Chaakelewitsch die Weingläser ein und rief mit lauter Stimme die Schlussworte der am Seder-Abende traditionellen Gebete: „L'schono habo bijeruscholaim!" Und gleich darauf sagte er : „Aulrichtig gestanden, hoffe ich nicht, im nächsten Jahr e in Jerusalem zu sein, aber gut wäre es, dort sein zu könaen. Sagen sie mir, ist es wahr, dass der türkische Sultan in Bälde den Juden Palästina zurückgeben wird?" Die legendären Gerüchte von der zionistischen Bewegung drangen offenbar auch zu Schlemka. Soweit es möglich war, bemühte ich mich, ihm in allgaoieinen Strichen Wesen und Bedeutung dieser Bewegung zu schildern. Schlemka ward von alldem, was er vernahm, mäcMg ergriffen und verblüfft. Schweigend, regungslos, mit konvulsivischen Zuckungen und fieberhaft funkelnden Aug^n lauschte er meinen Worten. Als ich zu Ende war, sprang er vom Sitze auf und rief begeistert, ja in einer hysUrischen Begeisterung dreimal laut: „Lesehono habo bijuirascholaim!* Hierauf umhalste er seine Ehegattin und fügte mit besonderer Betonung hinzu: „Beile, wir müssen im nächsten Jahre in Jerusalem sein . . ♦ wir müssen . .

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