Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 4 (23.1.1903)
- Article
- Mandatniederlegung des Abgeordneten Auspitz [Nachricht] / Judaicus
- Date
- 1903-01-23
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 y9l©ü<b Nr- * A u s p i t z wurde bisher allen auf die Zuckerfrage bezüglichen parlamentarischen Aktionen beigezogen und gilt als hervorragender Fachmann auf diesem Spezialgebiete." Dieser Herr geht uns Juden eigentlich wenig an — trotzdem er Vorsteher der Judengemeinde von Wien ist. Wie er dazu gekommen ist, weiss er wohl am allerwenigsten. Er hat für jüdische Angelegenheiten niemals das geringste Interesse empfunden — er hielt und hält sich noch immer für einen Deutschen und das Judentum ist für ihn nur Glaubens- oder richtiger Unglaubenssache; wohl noch nie hat ihn ein Jude in einem Tempel gesehen; seine Familie ist christlich . . . Aber alles umsonst — er findet bei der „Gegenseite" keine Gegenliebe. Nur nach schon an und für sich beleidigender Debatte wurde Abg. A u s p i t z mit seinem gleichgesinnten Genossen Leon Rosenzweig aus Czernowitz in die „Deutsche Fortschrittspartei" und nur gegen eine starke Minorität aufgenommen. Und die erste sich darbietende Gelegenheit bringt Herrn A u s p i t z von seinen deutschen Mitbrüdern einen Fusstritt: In den Zuckersteuer - Ausschuss wird er, der notorisch eine Autorität in dieser Frage ist, nicht entsendet weil er eben der Jude Auspitz ist. Wird ihm endlich ein Licht aufgehen? Wir bezweifeln es. An diesen Assimilanten ist Hopfen und Malz verloren, Judaicus. Deutschland. Breslau. Bei den hier in voriger Woche stattgefundenen Repräsentanten - Ergänzungswahlen wurden die beiden zionistisch gesinnten Konservativen, die Ende des Jahres aus dem hiesigen Repräsentanten-Kollegium ausschieden, wiedergewählt. Dies ist umso bemerkenswerter, als diese beiden Herren wegen ihrer Gesinnung den in einem Verein organisierten Liberalen schon längst nicht mehr genehm sind. Die Konservativen haben sich in den letzten Jahren jeder Organisation enthalten und sich mit den ihnen von den Liberalen zugestandenen Kandidaten zufrieden gegeben. Auch diesmal erfolgte keine Agitation, obwohl man voraussah, dass ein grosser Teil der Liberalen den beiden Konservativen ihre Stimme nicht geben würde, wie es auch in der Tat geschehen ist. Nichtsdestoweniger verstanden es eine Anzahl Zionisten und Konservativer die Wiederwahl der beiden Herren zu sichern und den Wortführer der Liberalen aus dem Repräsentantenkollegium zu entfernen. K. Türkei. Salontchi. (T o d e s f al 1.) Am 7. Jänner um 6 Uhr morgens hat Herr Saadi L e v y im Alter von 85 Jahren seine Seele ausgehaucht. In einer Zeit, wo tiefeNacht die jüdische Bevölkerung von Salonichi umhüllte und der losgelassene Fanatismus eine vernichtende Wirkung ausübte, erhob er laut seine glaubensstarke Stimme, um das nationale Gefühl für die jüdische Nationalität zu Ehren zu bringen. Aus einer edlen Familie aus Amsterdam stammend, erkannte er von der zartesten Jugend an die Notwendigkeit der Zivilisierung! Er opferte sein ganzes Vermögen, setzte sich gern den grössten Gefahren aus, um den Nebel aufzulösen, der über seinen Brüdern schwebte. Er rang ratlos und unverdrossen! Vor dreissig Jahren, wo die Unwissenheit waltete und schaltete und von einer Zeitung gar keineRede war, gründete er die „L aEp oca", in welcher er seine Ideen verteidigte. Saadi Levy zeichnete sich durch seine spaniolischen und hebräischen Gedichte aus, die von einem talentvollen Poeten Zeugnis ablegen und die heute noch im Volksmunde fortleben. Sadi Levy hat sein Ziel, die Lichtseiten des jüdischen Volkes und der jüdischen Nationalität hervorzuheben, erreicht. Er hinterlässt eine zahlreiche Nachkommenschaft, die seiner würdig ist und welche seine letzten Lebensjahre hell umstrahlte. Ehre sei diesem Kämpen des Judentums! Ovadia E. Haim. Dänemark. Kopenhagen. Nach mehrmonatlicher privater Agitation wurde Montag den 12. d. M. unter dem Namen „Dansk zionistisk Forening" die erste zionistische Vereinigung Dänemarks in Kopenhagen ins Leben gerufen. Dieselbe zählt 16 Mitglieder. Zum Vorsitzenden wurde gewählt Dr. Louis F r a e n k e 1, Nörrebrogade 34, zu Schriftführern für die dänische Korrespondenz Kaufmann Liebmann, Klosterstrasse 24-, für die auswärtige Korrespondenz Redakteur Stark, Fiol-Straede 14, zum Kassier Kaufmann Nachemsohn, Oestergade 31, zum Beisitzer Kaufmann Blau, Adolf Steens-Allee 5. Als Mitglied gehört der Vereinigung unter anderen auch der hiesige Rabbiner Doktor G o i t e i n an. Südafrika. Kimberley. Anfangs Dezember fand hier über Einladung des hiesigen Zions-Vereines eine öffentliche jüdische Volksversammlung statt. Rev. Dr. Hertz und Mr. S. Goldreich, Präsident der South African Zionist Federation kamen eigens zur Versammlung aus Johannesburg, da die zionistische Sache hier anfangs auf Opposition stiess. In der Versammlung wurden glänzende Reden gehalten von dem Vorsitzenden Oberstleutnant David Harris und den Johannesburger Gästen. Nun fand der Zionismus volles Verständnis und folgendermassen ist der Ausschuss des nun mächtig aufblühenden Zions-Verein es neu konstituiert worden : Ehrenpräsident Oberstleutnant D. Harris, C. M. G., M, L. A.; Präsident Mr. J. Lewis; Vizepräsidenten Messrs. W. Sagar und A. Hern; Schatzmeister Mr. A. Greenberg; Sekretär Mr. D. R i g a 1; Komitee: Messrs. P. Strawbaum, M.Horwitz, R. S e n d e r sw i t z, F. Davis, H. G o o d m a n n, M. Kaplan, M. J. Solomon, R. Schwartzschild, Josef Cohen, J, W. Sapiro, M. Levy und A. Weinreich. Personalnachrichten. Wien. (Vereinigung jüdischer Hochschüler aus Galizien „ßar Kochba".) Am 15. d. wurden die Kollegen : Ing. Fischel Beckmann, ing. Hermann B e r g e r und Ing. Heinrich Springaru zu alten Herren unserer Vereinigung ernannt. Weft«@bFODil*. Ein Freund unserer Sache. In der jüdischen Volksuniversität in Paris, der rühmlichen Gründung Dr. Alexander Marmoreks, hält am 6. Februar Dr. Jean C h a r c o t, Assistent am Institut P a s t e u r, einen Vortrag über seine Nordlandsfahrt. Der Vortragende, der Sohn des berühmten Nervenpathologen gleichen Namens, ist Christ, seine Schwester ist die Gattin des ehemaligen Ministerpräsidenten Waldec k-R o u s s e a u, er selbst ist mit der Enkelin Viktor Hugos vermählt. Dr. C h a r e o t sympathisiert lebhaft mit unserer Sache. Lord Pirbright. Vorige Woche starb in London der zum Lord Pirbrigh t erhobene Baron Henry deWorms, dessen Mutter eine Tochter Meyer Amschel von R o t hs Childs war. Baron de Worms war als Abgeordneter für das englische Unterhaus im Jahre 1885 Mitglied der konservativen Regierung geworden, zuerst als Parlamentssekretär für das Handelsamt, dann 1888 Unterstaatssekretär für die Kolonien. Im Jahre 1895 wurde er zum Peer kreiert. Er nahm in früheren Jahren einen intensiven Anteil an den jüdischen Angelegenheiten; er war Vizepräsident der „United Synagogue* und Präsident der Anglo-Jewish-Association. Die Resignation von diesen Stellen war keine freiwillige. Seine Tochter hatte einen christlichen Aristokraten geheiratet. Die englischen Juden missbilligten es auf das schärfste, dass Baron de Worms nicht den Takt hatte, der kirchlichen Zeremonie fernzubleiben. Aber es war nicht bekannt, dass Lord Pirbright den Glauben seiner Väter auch selbst verlassen hatte. Erst die Eröffnung des Testamentes brachte diese Tatsache ans Tageslicht. Die Familie de Worms war daraufhin durch kein einziges Mitglied beim Leichenbegängnisse vertreten. Ein zionistischer Vorschlag in den Zwanzigerjahren. In der Broschüre „Der Krieg im Osten, aus dem Gesichtspunkt des Rechts, der Zivilisation und der Politik betrachtet" von Dr. A. Lips, kurfürstl. hess. ord.Professor der Staatswissenschaft an der Universität zu Marburg (Nürnberg 1828), in der auf eine recht wunderliche Art (die schon eine spottende Abwehr bei Zeitgenossen, so in der „Minerva", l: Band, 437 ff., gefunden hat) zu einer Neugestaltung Europas ein genau ausgearbeiteter Plan entworfen wird, findet sich auch folgender interessante Vorschlag (S. 92): „Wäre es erlaubt, bei dieser Gelegenheit an alles zu erinnern, was als Ehrenpunkt Europa drückt — so wäre noch eines zu erwähnen: nämlich auch Palästina seinen ursprünglichen Bewohnern, dem israelitischen Volke wiederzugeben . und dies unter den gemeinschaftlichen Schutz aller europäischen Mächte zu stellen. Dieses Volk, überall auf europäische Art exerziert, von europäischen Truppen unterstützt und der reiche Mann, der jetzt aus ihm hervorragt, ihm zum König gegeben (sie!), würde die herrlichsten Träume desselben realisieren und so auch dies in Ordnung gebracht sein."