Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 3 (16.1.1903)
- Article
- Der Zionismus als soziale Erscheinung
- Date
- 1903-01-16
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die # Weltt6» N.. 3 Jedenfalls berührt die Antwort zu sehr die Oberfläche der Frage und dringt nicht in ihr Wesen ein und deshalb wäre es statthaft, die Frage über das Verhältnis des Zionismus zu dem Marxismus von neuem aufzurollen und ihr tiefer Ins Äuge zu schauen. 'Vor allem müssen wir die Grundlagen, die soziologischen Voraussetzungen beider Richtungen vergleichen und prüfen. Die Lehre der Sozialdemokratie beruht auf der Voraussetzung, dass es in jeder Gesellschaft Klassen gibt, die in bestimmten wirtschaftlichen Verhältnissen und ökonomischem Gegensatze zueinander stehen, sich untereinander in einem offenen oder latenten Antagonismus befinden. „Die ganze bisherige Geschichte ist die Geschichte der Klassenkämpfe," so lauten die berühmten, grundlegende Bedeutung besitzenden Worte von Karl M a r x in seinem „Kommunistischen Manifest". Wenn wir von Klassen im Sinne der sozialdemokratischen Theorie sprechen, so müssen wir den Begriff der Klasse genau definieren, trotzdem oder vielleicht eben weil er ein Gemeinplatz und im Munde aller geläufig wurde. Der Begriff der Klasse, wie ihn Marx gegeben hat, lässt zwei Erklärungen zu. Nach der einen, und zwar der einfachen, vulgären, heisst Klasse eine gewisse Zahl von Menschen, die auf gleichem ökonomischem und kulturellem Niveau stehen, dieselben politischen Rechte geniessen und gleiche Stellung im Staate einnehmen. In diesem Sinne redeten von Klassen die älteren französischen Sozialisten, ein Louis B 1 a n c, Fourier, Prou rill on (der zwar ein Individualist, in seiner Auffassung nach jedoch Sozialist war). Diese Definition, die eigentlich ein idem per idem ist, ist eine blosse Konstatierung von Tatsachen, von gegebenen Sachverhältnissen. Es ist ein empirischer, fluktuierender Begriff, der nichts voraussetzt, der auch keine theoretischen, soziologischen Resultate nach sich ziehen kann und deshalb hat auch die ganze Gesellschaftslehre der französischen Sozialisten zu keiner durchgehenden Erklärung der Geschichte, zu keiner Konstruktion einer einheitlichen Weltanschauung geführt. Eine andere Bedeutung hat das Wort Klasse bei den deutschen Geschichtsphilosophen und am ausgeprägtesten bei M a r x erlangt. Schon Hegel sagte in seiner „Philosophie der Geschichte": „Die allgemeine Verschiedenheit der Besonderung der bürgerlichen Gesellschaft ist ein Notwendiges. Wenn die erste Basis des Staates die Familie ist, so sind die Stände die zweite.'c Marx erbte den Gedanken des Meisters und entwickelte ihn weiter. Nach M a r x ist die Klasse eine historische Kategorie. Nicht ein Aggregat von Menschen mit gleichen Lebensbedingungen, sondern eine geschichtlich entwickelte, notwendige, in einem gewissen Stadium des Geschichtslebens aufgetretene soziale Erscheinung ist für M a r x die Klasse, welche, selbst ein historisches Produkt, dann zur motorischen, erzeugenden Geschichte machenden Kraft wird. Diesem Begriffe der Klasse, den M a r x nicht immer festhält und ihn gar häufig mit dem unwissenschaftlichen, empirischen aus der seligen Zeit der utopistischen Sozialisten stammenden verwechselte wie es Sorel (vgl. „Revue internationale de Soeiologie": 1901: „Les interprets du marxisme: passim") nachgewiesen hat, begegnen wir auch bei einigen Soziologen, die zwar nicht in marxistischem Geiste denken, aber doch die Grundhypothese des historischen Materialismus annehmen. So z. B. beim berühmten italienischen Soziologen Prof. Achille Loria (vgl. .,Le basi economiche della costit soc", 1002; L'analisi della propr. capit." usw.). Oi> wir die Entstehung und Aufeinanderfolge der Klassen mit Marx von der Akkumulation, Anhäufung des Kapitals in Händen Weniger und der durch sie ermöglichten Ausbeutung und Expropriierung der ärmeren und schwächeren Volksmassen, oder mit Loria und teilweise auch George und den deutschen Bodenreformern (Flürscheim, Damaschke etc.) von der Aneignung des Bodens, der urbaren Erdflächen durch wenige starke und der daraus folgenden Abhängigkeit der übrigen, früher selbstständigen Arbeiter, ableiten, immerhin gründet sich jede soziale Reformlehre notwendigerweise auf den Begriff der historisch entstandenen, allmählich sich herausbildenden Klassen. Sehen wir nun, um auf unser Problem zurückzukommen, ob in der Mitte unseres Volkes ein Klassenkampf vor sieh gehe, ob wir. dieselben Entwicklungsstufen in der sozialen Evolution durchgemacht haben, ob wir die nötigen Voraussetzungen haben, um zu dem Punkte zu gelangen, auf welchem die Sozialdemokratie nun steht. Es wird wohl vielen wie ein Nachklang des alten, antiquierten Glaubens an die „bevorzugte Stellung" des auserwählten Volkes in der Weltgeschichte, an die famose „Mission" der Juden, die sie hienieden zu erfüllen hätten, zu sein scheinen, wenn wir, anstatt das für alle Kulturvölker giltige Gesetz der geschichtlichen Entwicklung auch für die Juden (schlechthin a priori anzuerkennen, ein Fragezeichen stellen und somit das jüdische Volk hervorheben und es sondern. Aber indem wir so verfahren, handeln wir eben im Sinne des wissenschaftlichen Marxismus. Nach M a r x gibt es keine abstrakten — apriorischen, ökonomischen Gesetze, die auf alle Formen der Zivilisation ohneweiters anwendbar wären. Verschiedene Gesetze walten in verschiedenen Zeiten unter verschiedenen Völkern, denn nicht die Gesetze rufen das Leben hervor, wie Hegel lehrte, sondern umgekehrt. (Vgl. G u i 11 a u m e de G r ee f : „Progres et regres social") Und man muss doch zugestehen, dass kein einziges Volk der zivilisierten Welt eine so eigentümliche, wundersame Geschichte hinter sich hat wie das jüdische. Alle übrigen Kulturvölker der Erde haben ungefähr die gleiche geschichtliche Laufbahn zurückgelegt, die man schematisch so darstellen könnte: Im grauen Altertum, noch vor dem Eintritte in die Geschichte, besiedelten die Nomaden die urbaren Landflächen und wurden ansässig; dann zog über die friedliche Ackerbauerinasse ein Strom von fremden, gewaltigen Kriegern, welche sieh die Insassen unterwarfen. Und dann fand eines von beiden statt: entweder amalgamierten sich die Fremden mit den Insassen und setzten die alte Lebensart fort oder* sie bildeten einen Militärstaat, wo Wenige Herrseher, Herren und Besitzende waren, die Volksmasse dagegen geknechtet, enterbt war. Aber diese Verhältnisse, einmal festgesetzt, verharrten lange, gingen in Fleisch und Blut des Volkes über und führten zur allmählichen, langsamen, aber sicheren Umwandlung, zur Negation ihrer selbst, zi? neuen Formen. Auf diese Weise war auch eine historische Bildung von Klassen möglich. Wie anders bei dem jüdischen Volke! Wenn wir in das graue Altertum zurückschauen, von welcher Zeit uns über die sozialen Verhältnisse der Juden zwar sehr wenig bekannt ist, treffen wir zuerst die Juden in der Dämmerung ihrer Geschichte auf der Wanderung aus einem Lande, wo sie als Knechte lebten, nach einem Lande, wohin sie als Eroberer zogen. Das Nomadenvolk wird zum Ackerbautreibenden: aber schon der Umstand, dass sie infolge ihrer religiösen oder vielleicht rassigen Isoliertheit mit den anderen Nachbarvölkern in keine engere Berührung traten, dass sie nicht die Erde sich aneignete«, ohne zuerst die alten Insassen vertrieben zu haben, sondern nach orientalischer Kriegssitte die Eingeborenen entweder mit Stumpf und Stiel ausrotteten oder sie verjagten, genügte, um die Entstehung eines Gegensatzes einer herrschenden und einer beherrschten, einer besitzenden und einer besitzlosen Klasse zu verhindern. Die Gesetzgebung Mosis, die. eine der humansten und vollkommensten in sozialer Hinsicht ist, war nur bei einem solchen Volke möglich, das eine einheitliche, patriarchalische stammverwandte Masse darbot. Denn in jeder patriarchalischen Gesellschaft, sei es in der Klasse der Bergschotten, den schweizerischen Allmenden, den russischen „Obschtschina" usw., in einer Gesellschaft, wo fremde Eroberer noch keine Knechtschaft mit sich brachten, ist der Grundton, der erste Faden der Gesetzgebung und Gesellschaftsordnung ein stark kommunistischer. Weder in der Bibel noch in den Propheten merken wir eine Sonderung in Klassen, wie sie z. B. in Rom oder in Sparta vorhanden war. Ja, die Grundlage der ganzen Staatsordnung blieb „der alte vorstaatliche Zustand aggregierter Kommunen, die nur durch das religiöse Nationalgefühl zusammengehalten wurden". (Wellhausen: „Israelitische und jüdische Geschichte". 1895.) (Fortsetzung folgt.) A. Coralnik.