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Die Welt · 1903-01-16 · 3 (16.1.1903) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
3 (16.1.1903)
Article
Nikolaj Chazkelewitsch
Date
1903-01-16
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 3 „Die # Welt'* Seite 11 „Und Sie fragen noch? Den alten Stuhl hatten mir die Juden entzogen, welche in mir mit Recht einen Verräter erblickten. Den neuen Stuhl aber nehmen mir die Christen, welche sagen: „Wohin, du jüdische Fratze? Ist denn dein Platz unter uns?" Und es ergibt sich also, dass ich zwischen Himmel und Erde hänge, weder hin noch her gehöre, weder das noch jenes, sondern etwas bin, was ich selbst zu bezeichnen nicht vermag: Und nun will ich wenigstens einen Tag in Gemeinschaft mit den Meinen verbringen. In der Synagoge werde ich nicht mehr Nikolaj Chazkeiewitsch, Bondern Schlemka sedn, gleich »allen anderen Schlemka und Chaim. Niemand wird mich dort als einen Fremdling, als einen Eindringling betrachten. Da man mich aber hier in Petersburg kennt, das Gesetz eine derartige „Rückkehr" schwer bestraft, so werde ich nach Pskow gehen, um den Jörn Kippur dort zu verbringen." Und gesenkten Hauptes stand er vor mir da, als wollte er noch etwas sagen. Doch er sagte nichts, sondern blickte mich wehmütig an und verliess eilends das Gemach . . . III. Und wiederum vergingen mehrere Jahre. Die materielle Lage Schlemkas hatte sich inzwischen merklich gebessert. Er besass "bereits auf dem Alexander-Markte ein kleines Schuhgeschäft, in welchem seine Gattin Natalja Petrowna, die frühere Beile, als Verkäuferin figurierte. Merkwürdigerweise aber hatte Schlemka seine Anschauungen über die Nüchternheit unmittelbar nach der Taufe geändert. Als ich ihn einmal fragte, warum eiserne frühere Nüchternheit aufgegeben habe, wollte er anfangs keine Antwort geben, sagte jedoch nach wenigen Augenblicken, auf seine Herzgegend zeigend: „Hier empfinde ich einen unerklärlichen, nagenden Schmerz; mir kommt es vor, der Genuss des Brantweins stille den Schmerz . . . Aber das kam ihm nur so vor .... Eines Tages erschien Schlemka bei mir, aber besonders geheimnisvoll und rätselhaft. „Ich habe eine grosse Bitte an Sie. Ich fürchte nur, Sie würden die Erfüllung derselben verweigern," sagte er ganz leise. „Spreche, um was handelt es sich?" fragte ich ihn. „Ich wollte Sie bitten, mich heute abends freundlichst besuchen zu wollen." „Was ist denn geschehen?" fragte ich, durch die Einladung erstaunt, „Ich weiss nicht, ob es Ihnen bekannt sei, dass heute der erste Abend des jüdischen Passahfestes ist," sagte Schlemka schüchtern. „Beabsichtigst du etwa, den „Seder" zu veranstalten?" fragte ich lächelnd, Schlemka nickte bejahend. „Nun, ich werde kommen. Aber sage mir, was ist dir plötzlich eingefallen?" „So .... so.....ich möchte .... ich will das alte Fest feiern," sprach Schlemka verlegen. „Wozu aber brauchst du mich?" „Stellen Sie sich vor, Sie wären auf einer wüsten Insel. Hätten Sie nicht den Wunsch, einen Menschen zu sehen?" „Ereilich, ich hätte den Wunsch, aber du bist doch nicht auf einer wüsten Insel, du siehst doch täglich hunderte, ja tausendc von Menschen." „O, o, gesund sollen Sie sein, wie schön Sie sprechen können. Gewiss, ich sehe täglich viele Menschen, stehe sogar mit ihnen in geschäftlicher Verbindung, trinke sogar gemeinsam mit ihnen Brantwein, aber versteht denn jemand von ihnen, was in meinem Innern vorgeht? Kann ich denn jemandem von ihnen sagen, was ich denke, was ich empfinde? Für mich sind es keine Menschen: für mich sind es nur Bäume, welche mich umgeben, ich bin also immer im Walde .... Und jeder Mensch will doch in seiner Nähe einen Menschen haben . . Je „Welcher ihn verstünde," beendigte ich Schlemkas Satz."^ „Ja, ja, das eben wollte ich sagen," sagte Schlemka hastig. „O, o, lieber Herr, welch eine Dummheit habe ich begangen, welch eine Dummheit!" „Was meinst du damit? Welch eine Dummheit?" „Schauen Sie, lieber Herr, Sie verstehen doch ganz gut, was ich damit sagen will. 0, wie beneide ich jetzt jeden Juden." „Sogar einen solchen den man aus Petersburg ausweist?" fragte ich lächelnd. „Sogar einen solchen. Ich versichere Sie, mit grossem Vergnügen würde ich alle meine Rechte,, meinen ganzen Wohlstand weggeben, um nur das zu werden, was ich früher war .... Aber . . . . Werden Sie also kommen?" „Ganz bestimmt." Und Schlemka ging davon. Ich hielt selbstverständlich mein Versprechen und begab mich abends zu Schlemka, (Fortsetzung folgt.) \Ml<s^i>tecbaftficbef ^feil. Der Zionismus als soziale Erscheinung. i. Der Klassenkampf im Judentum. Es wird vielleicht manchem unzeitgemäss und verfrüht seheinen, jetzt, wo eine intensive praktische Tätigkeit im Zionismus vonnöten ist, sich mit theoretischen Problemen zu befassen. Aber jede Bewegung, wenn sie nur eine ernste ist, hat auch eine theoretische Grundlage, einen gedanklichen Unterbau, der zwar aus der schon vorhandenen Bewegung hervorgewachsen, doch seinerseits eine mächtige Wirkung auf die Bewegung erlangen kann; den besten Beleg dafür liefert uns die mächtigste Bewegung der Neuzeit — die Sozialdemokratie. Die soziale Frage drängt sich uns unwillkürlich auf, steht vor uns wie eine Sphinx, die auf ihre Frage eine Antwort fordert oder uns zu verschlingen droht. Es wird auch in unserer Mitte der Wunsch wach, die soziologischen Grundlagen unserer Bewegung und ihre Stellung zu den anderen sozialen Strömungen, namentlich zur Sozialdemokratie, kennen zu lernen, sich selbst darüber klar zu werden. Seitens der Gegner, Juden wie Nichtjuden, die im Lager des Marxismus kämpfen, wurden zwar zu wiederholtenmalen entsprechende Versuche angestellt, so z. B. von Zetterbaura in der „Neuen «Zeit" 1900/01, Neupaur in den „Deutschen Worten", Njewsorow in den „Sozialistischen Monatsheften" usw. Unsererseits wurde es beinahe gänzlich unterlassen und damit auch die Möglichkeit benommen, unser Wesen als soziale Erscheinung, unsere Stellung und Richtung als geschichtliche Tatsache zu erkennen, da wir die Methode der Vergleichung nicht angewendet haben, denn nur von der Berührung und Vergleichung der Gegensätze stammt die Wahrheit. „Du choc des contrairs ient la verite", sagt der Franzose. Unter den wenigen neuesten Versuchen, die in dieser Erching gemacht wurden, ist ein Vortrag des Herrn Isidore H e n, der auf dem Zionistentage des „Niederländischen Zionistenbundes" in Amsterdam am 24. Dezember v. J. gehalten wurde und das Thema „Zionismus imd Sozialismus" behandelte, zu beachten. (Vergl. „Joodsche Courant" Nr. 18, 9. Jänner 1903.) Der Vortrag wie die Diskussion, die sich im Anschlüsse daran entspann, haben zwar kein grosses theoretisches Interesse, verdienen unsere Aufmerksamkeit aber schon aus dem Grunde, da sie die wunde Frage, die Achillesferse der jüdischen Bewegimg, berührt und sie objektiv, leidenschaftslos bespricht. Die Schlüsse und Ergebnisse, die aus den ausgetauschten Meinungen zu folgern sind, wären etwa die, dass der Zionismus und Marxismus einander nicht ausschliessen, dass unter den beiden Parteien nur ein Missverständnis walte. Diese zwar nicht neue, aber doch scharf formulierte Fassung des Problems ist zu einfach, zu klar, um auch ganz wahr zu sein, trotz des bekannten lateinischen Spruches „Quod simplex verum est" (Was einfach ist, ist wahr).

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