Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-01-16 · 3 (16.1.1903) · p. 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
3 (16.1.1903)
Article
Aluschta (Krim) [Kommentar]
Date
1903-01-16
Page
7 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
table
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316020--36868-3327963
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 3 „Die & Welt" Seite 7 Aluschta, den Hang eines im jüdischen Niederlassungsgebiete liegenden Ortes anzunehmen, wo den Juden der Aufenthalt ohne jede Einschränkung gestattet wird, ist nunmehr vollzogen. Leider aber werden die Juden in allen ihren Rechten als Bürger der neugeschaffenen Stadt verkürzt und beengt. Wie der „Krymsskij Wjestnik" meldet, verweigert der Notar von Aluschta permanent die Legalisierung des Kaufes von Grund und Boden, welchen Juden abgeschlossen haben. Diese Verweigerung motiviert er damit, dass er von Petersburg aus dazu autorisiert werden mtisste. Aber diese Äutorisation bleibt immer aus, die Käufe von Juden werden nicht legalisiert, so dass die Ansiedlung selbst vorderhand einen problematischen Charakter trägt. # Kiew. Ein merkwürdiges Gefühl beschleiclit den Leser russischer Tagesblätter: er muss anfangen zu glauben, dass die russischen "Behörden nichts anderes zu tun haben, als sich mit der Vergällung des Lebens der Juden zu beschäftigen. Es ist bekannt, dass in Kiew nur solche Juden wohnen dürfen, welche ein besonderes Recht dazu durch höhere Bildung, durch Ausübung eines Handwerkes etc. erworben haben. Nunmehr aber hat der Polizeimeister von Kiew, wie die „Kiewskoje Howo" meldet, ein neues Mittel zur Verminderung der Zahl der Juden in Kiew erfunden. Er hat nämlich verfügt, dass Juden, welche das Wohnrecht in Kiew besitzen, dieses Rechtes in dem Augenblicke verlustig werden, in welchem sie gerichtlich bestraft werden, sogar wenn diese Bestrafung den Verlust der Bürgerrechte nicht nach sich zieht. Und" man kann sich leicht vorstellen, welche Folgen diese Verfügung nach sich ziehen wird. Die Verhängung einer Geldstrafe über einen Juden wird von der weisen Kiewer Polizei als eine gerichtliche Bestrafung betrachtet werden .... * C z e n s t o c h a u. Der Prozess gegen die Anstifter der bekannten Unruhen gegen Juden wurde dieser Tage durchgeführt. Einige Angeklagte wurden zu Kerker strafen, einige zu Arreststrafen verurteilt. Für uns bietet der Bericht über die Gerichtssaal- Verhandlung grosses Interesse, die der „Warschawskif Dnewnik" publizierte. Aus diesem Berichte geht hervor, dass Vertreter der Intelligenz, der russischen sowohl als auch der polnischen, die Unruhen gegen die Juden leiteten und mit besonderer Bestialität die wilde Menge anspornten, die Juden zu misshandeln und deren Hab und Gut zu vernichten. „Tötet die Juden; nichts wird uns dafür geschehen!" Dieser Ruf war in den Gassen von Czenstoehau zur Zeit der Juden-Krawalle zu hören. Der Staatsanwalt wies in seiner Anklagerede auf die grosse Gefährlichkeit dieses Rufes hin. Auch wir empfehlen diesen Ruf den Herren Assimilanteri zur tiefen Analyse .... * Mo sk au. Das neue Werk,, welches Maxim Gorki über die Juden in Russland zu schreiben versprach, ist ein Theaterstück, das demnächst beendigt werden soll. Ueber dieses neue Theaterstück, welches den Titel „Der Jude" führen wird, verlautet, dass dieses Stück, an welchem Gorki bereits drei Jahre arbeitet, ausschliesslich dem Leben der Juden in Russland gewidmet ist, das Gorki so genau kennt. Auf seinen Wanderungen cTurch Südrussland hatte Gorki nämlich Gelegenheit, die Juden allseitig kennen zu lernen. In seiner bekannten Erzählung „Kain und Artein" entrollte Gorki bereits ein Bild aus dem Leben der Juden in Russland, das an Realismus und poetischem Zauber unübertrefflich sein dürfte. Ueber den Charakter seines neuen Stückes äusserte sich Gorki unlängst, dass er seine Wahrnehmungen, welche nur der reinsten Wahrheit dienen sollen, über die Juden bekanntgeben wolle. Die ersten Seiten seines neuen Stückes las Gorki im Freundeskreise bereits vor; sie weckten laute Begeisterung durch ihre unmittelbare Wahrheit und tiefe Kenntnis der Charaktere. Das neue Theaterstück wird zur Erstaufführung im künstlerischen Theater zu Moskau gelangen. gt. Rumänien. Vor einigen Tagen brachten die Zeitungen die Nachricht von einem „interessanten Ereignis" im rumänischen Herrenliause. Ein rumänisches Herrenhausmitglied, das den Vorsehlag gemacht hatte, das Haus möge beschliessen, dass die Judeneinbürgerungsversuche als Strafe für die Verleumdungen, die die Juden gegen Rumänien im Auslande verbreiten, eine Zeitlang nicht berücksichtigt werden sollen, wurde von dem Unterrichtsminister Herrn Sp. C. Haret selbst bekämpft. Die Zeitungen wussten auch das zu berichten, dass der Jude, an dessen Einbürgerungsgesuch sich die Debatte angeknüpft hatte, naturalisiert wurde. Was dieses „interessante Ereignis" zu bedeuten hat, kann man aus der Rede des Herrn Sp. Haret ersehen. Der Herr Minister meinte: „Wir (das Herrenhaus) können diesen Vorschlag nicht annehmen, weil wir dadurch neue Motive zu Anklagen gegen Rumänien geben werden/' — Nach dieser nüchternen, taktischen Motivierung ging er ins Pathetische über und deklamierte vom „toleranten Rumänien, das immer tolerant war, auch gegen seine Feind e". Nach dieser Rede des Herrn Ministers wurde der Jude naturalisiert. Die Juden sind also Rumäniens Feinde, der Minister wie das genannte Herrenhaus sind, wie man sieht, darin einig. Man darf aber jetzt keine Verfolglingsgesetze gegen die Juden beschliessen, weil Kuropa Rumäniens Spiel zuschaut. Aber wenn das die Gefühle der rumänischen Abgeordneten, des Herrn Ministers wie auch der „entrüsteten'*' Herrenhausmitglieder sind, wie kommt es denn, dass der Jude naturalisiert worden ist? Seit 25 Jahren wurden 78 Juden in Rumänien naturalisiert (die meisten davon nach dem 78cr Kriege), das heisst., drei Juden jährlieh. Wie konnten nun die HeiTenhausmitglieder, die doch der Meinung sind, dass die Juden die Feinde Rumäniens sind, plötzlich die Einbürgerung dieses einen Juden votieren? Aus Rechtsgefühi schwerlich, denn was für Anrecht mehr als die meisten anderen rumänischen Juden hatte der betreffende, um, auch er ein Feind Rumäniens, unbedingt eingebürgert zu werden? War er ein grosser Gelehrter, ein grosser Wohltäter Rumäniens? O nein: ein ganz Unbekannter, vielleicht der Schützling eines rumänischen Abgeordneten oder der Hauptlieferant eines Städtchenspopen. Wie die Rumänen mit den Gelehrten jüdischer Abstammung, die die Einbürgerung verlangen, umgehen, das sah man voriges Jahr im Falle Seinoan u, eines der tüchtigsten rumänischen Sprachgelehrten nach der Aussage des grössten rumänischen Philologen H a s d e u. Der Mann fiel zweimal durch, trotzdem er sich inzwischen taufen liess, und musste aus Rumänien auswandern. Die „Entrüstung" des Herrenhausmitglied es wie die Antwort des Ministers, alles zusammen ist ein gewöhnlicher rumänischer Kniff. Man suchte die billige Gelegenheit, eine Rede über rumänische Toleranz zu halten, aber die Geschichte ging nicht so glatt von statten. Es sollte eine Rede für das angepumpte Ausland werden, der Minister vergass das aber einen Moment und fügte eine Drohung für die inländischen jüdischen Bankiers hinzu. So entstand der Passus von den „Feinden", mit welchem aber das von vornherein ausgemachte „Faitpreuve" der rumänischen Toleranz, die Naturalisierung des unbedeutenden Juden nicht recht zusammenpasst. Dem vortrefliebsten Lügner passiert einmal ein Malheur. Umso feiner wird dafür das nächste rumänische „interessante Ereignis" ausgearbeitet sein. P 1 e b e. Marokko und die Juden. Es gibt ein Land auf der Erde, wo die Juden unter so unerträglichen Bedingungen leben, dass dagegen sogar Rumänien beinahe als Paradies erscheint. Dieses Land heisst Marokko. Die 1,500.000 Juden, die daselbst wohnen, sind aller politischen Rechte, wenn man in diesem despotischen Staate von Rechten sprechen kann, beraubt, leben unter schrecklichen materiellen Bedingungen, werden misshandelt, ohne Grund und ohne dass sich jemand ihrer annimmt, gemordet. Die Aussage eines Arabers, dass ein Jude den Propheten des Islams geschimpft habe, genügt, um den Unglücklichen gerichtlich zu morden. Schon zu wiederholtenmalen haben es jüdische Philanthropen versucht, sich ins Mittel zu legen und die Lage der marokkanischen Juden zu erleichtern; aber weder das Auftreten Sir Moses Montefiores, noch der Protest, welchen im Jahre 1880 die „Alliance Israelite* an die Konferenz der Mächte, welche in der marokkanischen Angelegenheit in Madrid tagte, hat den marokkanischen Juden eine Erleichterung und Hebung ihrer Lage gebracht. Fortwährend vernehmen wir aus Marokko Klagen der misshandelten, gemarterten und gemordeten Juden. Die ökonomische Lage ist schauerlich, wie zuvor. Und unterdessen wogt es und stürmt es in Marokko. Rebellion folgt auf Rebellion, die arabischen Stämme erheben sich und Marokko wird Europa wieder Anlass geben, sich in seine Angelegenheiten hineinzumischen. Und merkwürdigerweise schiebt man die Schuld der Revolte in Marokko diesen armen Parias, den Juden in die Schuhe, man betrachtet sie als die Urheber der Unruhen und dies ist neuer Zunder für die Flamme des Judenhasses. Die Massnahmen, welche die jüdischen Philanthropen ergreifen wollen, werden schwerlich zu einem Resultate führen. Die Zeitung „Archives Israelites" macht sich viel Hoffnung auf die Intervention derAlliance; aber hat deren Intervention im Jahre 1880 viel gefruchtet? Man ist dieser ewigen fruchtlosen Proteste schon müde, man will, dass man einmal etwas für die Unglücklichen tue; und was kann die Alliance mit ihrem gegenwärtigen Programme leisten? Almogy. » Wie jede grössere marokkanische Stadt, hat auch Fez sein eigenes Juden-Quartier, „Mella" genannt. In der Mella von Fez sollen dreitausend Juden hausen, ein geschäftiges; fieissiges, armes Völkehen, aber gründlich verachtet von seinen moslemitischen Mitbewohnern. Wenn schon die Sultansresidenz ein abschreckender, verwahrloster, ruinenhafter Kehrichthaufen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.