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Die Welt · 1903-01-16 · 3 (16.1.1903) · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
3 (16.1.1903)
Article
Zur jüdischen Kinderfürsorge
Date
1903-01-16
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 „Die x£ Welt45 Nr. 3 verwenden. So lange hier nicht gründlich geholfen wird, werden sich die Fälle wiederholen und häufen, dass ein Geschwisterpaar jüdischen Ursprunges, für das gerade der Referent in diesen Sachen sich sehr einsetzte, der Gemeinde mehrere tausend Kronen kostete, und kaum aus dem schulpflichtigen Alter getreten, im Schosse des Christentums Aufnahme fand. Es freut mich, dass mein in derselben Sitzung der Schulkommission gestellter Antrag, einen Privat-Kindergarten in der Brigittenau mit zumindest 50 armen jüdischen Kindern zu dotieren und dementsprechend zu subventionieren, dass eine teilweise Verköstigung und wöchentlich zweimalige sanitätsärztliche Inspektion damit verbunden sei, in amendierter Form vom Vorsitzenden aufgenommen und in der nächsten Plenarsitzung, der ich leider nicht beiwohnen konnte, glatt durchgebracht wurde, dass damit zwei, wenn auch sehr bescheidene Anregungen von mir in letzter Zeit zur Durchführung kamen oder in diesem Sinne von Vorstandsmitgliedern warm vertreten wurden. In dem Augenblicke, wo die „Welt" eine für Oesterreich, resp. auch für Wien berechnete Beilage erhalten wird, werde ich mir gestatten, da. der Raum unseres für die ganze Welt bestimmten Blattes ohnehin schon ungebührlich von mir in Anspruch genommen erscheint, über „Kul tUsangelegenheiten" mich etwas weiter zu verbreiten. Isidor Gewitsch. Das Prager Ghetto. In einem kürzlich erschienenen Werke*) ist das Prager Ghetto verherrlicht worden. Der Begriff „verherrlicht" möge hier nicht einseitig aufgefasst werden! Die Herren nämlich, welche das Buch ediert haben, sind, wie ersichtlich ist, von dem Standpunkte ausgegangen, sowohl die Lichtals auch die Schattenseiten der Prager Ghettogesehichte, deren Ursprung in das X. Jahrhundert fallen soll, und des Prager Ghettolebens darzustellen. Sie schildern die Märtyrer der dortigen Judenschaft ebenso objektiv wie deren Schädlinge. Es herrscht also eine gewisse Ruhe in dieser Charakteristik: Kein „Für", kein „Gegen". Und gerade darum wirkt das Werk ungemein anziehend und verdient das weitgehendste Interesse. Der Stoff an und für sich aber fesselt nicht nur den gebürtigen Präger, sondern auch alle jene, welche für Kunst, Kultur und Geschichte, die ja das Prager Ghetto in reichem Masse darbietet, einige Begeisterung hegen. Den kulturhistorischen Teil des Werkes hat Dr. Zikmund Winter besorgt, während Ignät Ii ermann das Leben des „fünften Viertels" und Dr. Josef Teige einen Rundgang um die Judenstadt beschreiben. Die Zeichnungen, welche das Buch schmücken — und deren enthält es weit mehr als zwei Dutzend — stammen von A. Kaschpar. Ausserdem sind dem Texte zahlreiche Photoillustrationen beigegeben. Dieselben ergänzen gleichsam den Text und üben auf den Uneingeweihten, auf den Nichtkenner derUebereste der alten Präger Judenstadt einen unauslöschlichen Eindruck aus. Wer aber einmal den berühmten Judenfriedhof gesehen hat oder die Alt-Neusynagoge und alle die seltsamen schmalen Gassen und Gässchen des Prager Ghetto, in diesem wird das vorliegende Werk Volkserinnerungen wachrufen, die in den Augenblicken des Geniessens jener denkwürdigen Stätten kaleidoskopisch an ihm vorübergezogen sind. Das herrlichste Stück der Prager Ghetto-Poesie birgt der Friedhof in sich mit seinen ungezählten grossen und kleinen Grabsteinen, die bald einzeln stehend, bald eng aneinander gedrückt, von weitästigen Bäumen beschattet sind. „Hier ruhen," sagt Dr. Zikmund Winter, „Menschen, die nicht immer menschlich behandelt worden sind, Menschen, deren ganzes Leben gar zu oft gefährdeter war als das eines gehetzten Wildes. Auf die hier Ruhenden passen die Dichterworte, dass eine Wildtaube für ihr Nest ein schützendes Dach, der Fuchs seine Hohle, der Jude nur sein Grab findet." Bloss auf dem Friedhofe hatten die Juden Sicherheit, obwohl auch dort manchmal räuberische Banden ihr *) Verlag der böhm. graphischen Gesellschaft 5>Unie", Prag. Unwesen trieben. Und da die böhmischen Könige und Kaiser die Juden betreffs Wahrung der Friedhofsruhe in Schutz nahmen, flüchtete das Volk in den Zeiten der Bedrängnis auf den Friedhof und durchwachte dort betend die Nächte, während man die HHuser im Ghetto plünderte . . . Die Entstehung des Friedhofes ist nicht genau bestimmbar. Der Prager Historiker Tomek setzt sie ungefähr für das Jalir 1440 fest. Von besonderem Interesse sind die Inschriften der Leichensteine, von denen Dr. Winter viel zu erzählen weiss, So schreibt er unter anderem über das Grab des berühmten Kabbi Low, der so oft schon von ersten Meistern der Poesie, wie z. R. von Jaroslav V r c h 1 i c k y, dem grössten tschechischen Dichter, und kürzlich erst von Detlev v. Liliencron, dem grössten modernen Lyriker Deutsehlands, besungen wurde: „Das Grab dieses erhabenen Rabbi Juda Low oder Leb, des Sohnes Bezalels, in welchem er im Jahre 1609 bestattet wurde, bezeichnet ein höheres, meisterhaft gearbeitetes Grabmal, das durch eine kleine Säule in zwei Felder geteilt ist, die mit Lobreden über den Verstorbenen beschrieben sind. Das Grabmal ist oben ganz mit Steinchen belegt, die zum Zeichen der Verehrung auf die Grabsteine der Toten gelegt werden. Die meisten Steinchen hat das Grabmal des Rabbi Low aufzuweisen, welches alle fremden in Prag ankommenden Juden zu besuchen pflegen und an dem fremde Rabbiner jeden Augenblick laut klagend fromme Gebete verrichten." Es würde natürlich zu weit führen, wollten wir in diesem knappen Raum die bemerkenswertesten Daten der Prager Ghetto- Geschichte, die in dem Werke genau verzeichnet sind, ausführlieh besprechen. Wir beschränken uns nur darauf, festzustellen, dass das von der Gesellschaft „Unie" herausgegebene Werk „Das Prager Ghetto" für die Geschichte der Juden überhaupt von hohem Werte ist und selbst für den jüdischen Historiker eine unschätzbare Fundgrube bildet. Dth. Korrespondenzen und Telegramme. Russland. Petersburg. Die im fernen Osten lebenden Juden haben während der Anwesenheit des Finanzministers Witte in Ostasien dem Chef des russischen Finanzressorts eine Bittschrift unterbreitet, in welcher sie unter Anführung vieler wichtiger Gründe an den Finanzminister das Ersuchen stellten, ihnen die Pachtung kleiner Landteile zu gestatten, tun Ackerbau, Gärtnerei und Weinbau betreiben zu können. In Würdigung der angeführten Gründe und nach Anhörung von Sachverständigen gab Finanzminister Witte der Bitte der Juden statt und räumte ihnen das Recht auf Pachtung von Landparzellen im fernen Osten ein. Dieses Recht erwies sich aber in der Praxis als illusorisch. Wie der offizielle „Wostotschny Wjestnik" („Oestlicher Bote") meldet, wurden alle Juden, welche im fernen Osten kleine Landteile pachten wollten, von den Behörden, welche den Pacht zu legalisieren hatten, ohne Angabe von Gründen abgewiesen . . . * Baku. Infolge einer neuen Verordnung des Polizeimeisters von Baku sind nunmehr alle nach Baku zugereisten Juden verpflichtet, ihre Pässe gleich nach ihrer Ankunft persönlich dem Polizeimeister zu übergeben, um von ihm selbst über die Ziele ihres Aufenthaltes in Baku befragt zu werden. Der wirkliehe Zweck dieser Verordnung ist, den zugereisten Juden auch den temporären Aufenthalt in dieser Stadt nicht zu gestatten. * Warscha u. Eine vielsagende Verordnung des Ministeriums des Innern publiziert der halbamtliche ,,Warschawskij Dnewnik". Durch diese Verordnung wurde der in Warschau seit 1804 bestehenden Filiale der Londoner Missionäre-Gesellschaft untersagt, künftighin die Taufe von Juden ohne jeweilige Erlaubnis des Ministeriums vornehmen zu dürfen. Gefördert wird also vom Ministerium des Innern nur der Uebertritt von Juden zum russischen orthodoxen Glauben, alle anderen christlichen Bekenntnisse aber seheinen ungeeignet, um Juden,, welche Anhänger eines dieser Bekentnisse wurden, als vollberechtigt mit den Orthodoxen zu betrachten. * Aluschta (Krim). Die Verwandlung der Ortschaft Aluschta in eine Stadt wird, wie wir bereits gemeldet haben, in allen Details durchgeführt. Auch die Verleihung an die Stadt

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