Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 3 (16.1.1903)
- Article
- Aus Petersburg
- Date
- 1903-01-16
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 5 }Bm WeW:*0 Seite 5 up,<l der "jjQ7n0 G>Pie eine zweimal wöchentlich erscheinende Zeitschrift mit einer literarischen Beilage, versanden soeben ihre Prospekte* Wie bekannt sein dürfte, hat die russische Regierung der Verbreitung der jüdischen Presse bis jetzt Hindernisse in den Weg gelegt. Die Konzession zu einer jüdischen Zeitung konnte man bis jetzt nicht erlangen, jüdische Theater durften keine Vorstellungen geben.Man weiss, wieviel dem Jargon - Sprechenden und auch der jüdischen Intelligenz dadurch geraubt wurde, wieviel Talante zugrunde gingen. Seinerzeit wurde sogar ein Projekt ausgearbeitet, wonach die Drucklegung jüdisch - deutscher Bücher überhaupt untersagt werden sollte. Jetzt aber scheiat die Regierung zu dieser Frage eine andere Stellung eingenommen zu haben. Durch eine jüngst ergangene Verfügung des Ministers an die Ober - Pressverwaltung wurde zum nicht geringen Erstaunen derer, die im Verlaufe von vielen, vielen Jahren immer wieder um die Erlaubnis zur Gründang einer ähnlichen Zeitung vergebens nachgesucht hatten, obgenanntes Pressorgan gestattet. Der Herausgeber, J. Rapp oport, als auch der Redakteur, Saul Ginsburg, sind in hiesigen Kreisen als ausgesprochene Zionisten bekannt. Das neue hebräische Blatt «jötrr« nat gleichfalls seine Geschichte. Die Freunde der hebräischen Literatur in Russland machten den Versuch, die Erlaubnis zur Herausgabe eines ernsten, soliden hebräischen Organs zu erwirken. Unter dem früheren Minister war dies aber unmöglich. Unter dem jetzigen Minister jedoch gelang es dem in der Hauptstadt bestehenden Kreise von Freunden der jüdischen Literatur, die Erlaubnis zur Gründung des neuen Journal «pn« zu erwirken. Als Redakteur figuriert hier der in hiesigen Kreisen bekannte hebräische Schriftsteller Ben- Zion Katz. An der Redaktion nehmen ausserdem die besten Kräfte der Hauptstadt, der Provinz und des Auslandes teil. Die Leitung des literarischen Teiles liegt in den Händen des verdienstvollen Gelehrten und Schriftstellers Dr. L. S. K a t z e n e 11 e n s o h n (Buki-ben-Jogli). Das Ausland leitet der bekannte H. Prilutzky (v^). Den zionistischen Teil leitet der ausgezeichnete Gesinnungsgenosse Hof- .rat Dr. Isaak Tuwim. Den allgemein - wissenschaftlichen Teil redigiert Dr. Jechi'el Margolin. In den Sammelwerken, die als Beilagen erscheinen, ist ein besonderer Teil für die Wissenschaft des Judentums eingeführt worden, für den die Orientalisten Baron David G in s b ur g, Doctor A. Harkavy und Dr. Pereferko witsch gewonn en wurden. In materieller Hinsicht hat, die Zeitschrift eine solide Basis. In letzter Zeit hatten wir öfters Gelegenheit, das stete Wachstum des jüdischen Selbstbewusstseins zu beobachten. Vor einigen Tagen arrangierte die „Gesellschaft zur Verbreitung von Aufklärung unter den Juden Russlands" ihren alljährlichen Ball zugunsten der akademischen Jugend, auf dem die hiesige jüdische Gesellschaft so zahlreich, wie noch nie zuvor, vertreten war. Die Vorlesungen, die der hiesige jüdische historischetrtographische Verein veranstaltet, ziehen immer mehr Hörer heran. Und die letzte Vorlesung des Dr. Katzenellensöhn, die er als dritte Fortsetzung zu seinen bekannten Stadien über „Die Religion und Politik bei den alten Hebräern" hielt, lockte ein so grosses Publikum heran, dass der grosse Saal es nicht fassen konnte. Die Tätigkeit des „Vereines zur Pflege und Verbreitung der neuhebräischen Umgangssprache" gewinnt immer mehr an Umfang. In letzter Zeit beschloss der Verein, Spiele für Kinder zu veranstalten, wobei mit den Kindern hebräische Konversation geführt, ihnen also das Hebräisch „spielend" beigebracht werden soll. Ebenso vermehrt sich hier die Zahl der zionistischen Vereine. Neulich sind zwei Jugendvereine ins Leben gerufen worden, einer zur Erlernung der jüdischen Geschichte, der andere zur Förderung der jüdischen »Studenten aus Russland im Auslande. P. B. Zur jüdischen Kinderfürsorge. In der öffentlichen Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes vom 6. Jänner 1903 wurde durch Herrn kais. Rat Willi. P o 11 a k der Gedanke vertreten, dass in der Beaufsichtigung sogenannter „verlassener Kinder" sich für die Bezirkskommissionen sofort ein Arbeitsgebiet eröffne. Ich kann als nun Aussenstehender diesem Gedanken nur aufs wärmste beipflichten, umsomehr, als mir in dieser Frage die Priorität gebührt (Herr kais. Rat Pollak hatte mir, wäre er bei der betreffenden Sitzung der Schulkonimission vom 29. September anwesend gewesen, gewiss sekundiert), denn ich habe in der am 29. September v. J. stattgehabten Sitzung der Kommission II (Schulkommission) einerseits hervorgehoben, dass den nach wirklicher Arbeit verlangenden Bezirkskommissionen sich hier ein dankbares Feld, insbesondere den in denselben inkorporierten Aerzten und Schulmännern, eröffne und andererseits ein nicht unwesentlicher Betrag der Gemeinde erspart würde. Ich motivierte meine dahingehenden Anträge, die aber abgelehnt wurden, noch damit, dass ein Bezirkskomniissionsmitglied in etwa ihm sich bietenden Fällen auch kurzerhand in die eigene Tasche greifen wird, wo ein amtlicher Weg meist zu umständlich und oft rasche Aushilfe, wie bei Krankheiten oder sehlechter Ernährung, am Platze ist. Das Kapitel der „verlassenen Kinder" ist überhaupt ein sehr trauriges, und wiederholt wies ich im Vorstande darauf hin, dass noch viel Unheil für das Judentum aus diesem Kapitel erwachsen könne. Hier wäre sofort ein kaum beachtetes, aber sozialpolitisch in j ü d i s c h e r Hinsicht sehr zu beachtendes Gebiet, das leider durch die fortschreitende Entjudung auch der unteren Schichten und der mit der Assimilation unleugbar in Zusammenhang stehenden sehr bedeutenden Zunahme unehelicher jüdischer Kinder (vor der Emanzipation waren solche Fälle selten, trotzdem eine Familiantennummer lange auf sich warten Hess und vorhandene Fälle oft erst spät, aber fast immer, legitimiert wurden) alljährlich an Ausdehnung zunimmt. Es ist naheliegend, dass, so lange nicht jede soziale Frage, bei der es sich um Juden oder, wie in diesem Falle, auch oft nur um Judenstänmilinge handelt, von. den Juden selbst gelöst werden kann, dem Judentum zahllose Schäden erwachsen müssen. Jedes der Abstammung nach jüdische Kind, das zu christlichen Pflegeeltern gegeben wird, wird, seiner Erziehung nach (daran ändert auch ein im schulpflichtigen Alter erteilter Religionsunterricht nichts), seinem Denken nach — Christ, oft auch Antisemit. Ist dann der junge Mann, der ja im Leben wenig Fürsorge und keine Elternliebe genossen, ein Vagabund und kommt mit dem Strafgesetze in Konflikt, so wird sein Judentum der Geburt nach uns zur Last gelegt, und de facto verbindet derartige Individuen ein papierenes Band mit uns ohne sonstigen Zusammenhang. Sowohl in den Grossstädten als auf dem Lande häuft sich dieses Uebel, das ein Seitenstück werden kann zu der in fürchterlichster Not ihre Ursache findenden — galizischen Mädcilieii^demoralisation, Sozialpolitische Forderungen für jüdische Zwecke sind unabweisbar und hier würde sich neben Kinderspitälern, dem Zwecke dienenden Ausgestaltungen jüdischer Spitäler, weiters die Schaffung jüdischer Pflegeheime für Säuglinge und anschliessend ein Erziehungsinstitut für derartige Halb-Waisen, als im Interesse des Judentums gelegen, empfehlen und unseren reichen Volksgenossen oder auch, um ihrem Wunsche zu entsprechen, „Glaubens- und Stammesgenossen" Gelegenheit bieten, einen Teil ihrer Mittel zu