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Die Welt · 1903-01-09 · 2 (9.1.1903) · p. 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
2 (9.1.1903)
Article
Ein Paria
Date
1903-01-09
Page
20 (sequence 2)
Language
German
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Seile 20 „Die s> Weit" Nr. 2 Zwüii', vierzehn Knaben hüpfen, tanzen* springen ins Freie, rasen wie besessen im Kreise umher, pfeifen, schreien und schwenken ihre Mützen. „Keine Religion heute!.,. Gott sei Dank! Ich konnte wahrhaftig kein Wort vom Kirchenlied L,. Lange lebe der todkranke Herr Petersen... Kein neues Lied zur nächsten Stunde, hurra!" Sie stehen mitten auf dem Schulhof, als ihre Augen auf den Jungen fallen, der auf der Bank sitzt und sein Frühstücksbrot verzehrt. Wie der Blitz schiesst der nämliche Gedanke durch alle Köpfe. Da... der Jud\.. der niemals zur Religionsstunde braucht... Er windet sich unter ihren Blicken, krümmt sich noch mehr zusammen und wird so klein, so klein . . . Seine Pupillen erweitern sich in panischem Schrecken, und er hält unwillkürlich mit Kauen inne. „Jud5!" schreit einer. Und gleich darauf ertönt ein vielstimmiges, höhnisches Gebrüll: „Judenjung'! Judenjung' lu Im nächsten Augenblick prasselt eine Salve von Schneebällen auf die Bank herab und klatscht gegen die Bretter dahinter, so dass der Zaun ächzt und zittert. Der Judenknabe hat sich erhoben, fällt aber sofort auf ein Knie... Die Mütze ist ihm vom Kopft das Butterbrot aus der Hand geschlagen .,. Er sucht sich mit den Armen zu schützen. „Judenjung*! Judenjung!" Die anderen lassen sich nicht einmal Zeit, die Wirkung ihrer Salve zu beobachten: heulend greifen sie nach neuem Schnee. Ihr Brüllen und Johlen übertönend, kommt ein verzweifelter, wahnsinniger Schrei aus der Ecke: „Meyer ist auch ein JudM" „Das ist gelogen! Wir sind getauft!" schreit Meyer. Und im nämlichen Augenblick legt er seine ganze Wut in einen Wurf, Und im nämlichen Augenblick springt der kleine Judenknabe wie eine Feder in die Höhe, steht kerzengerade auf seinen dünnen Beinen und stürzt sich dann mit geballten Fäusten auf den Haufen. Meyers Schneeball hat ihn mitten ins Gesicht getroffen. Seine Nase blutet, das eine Auge ist vollständig verklebt, aber das andere starrt für zwei — nur auf Meyer. Ein neuer Schneeball trifft seine Schläfe — er merkt es nicht. Er stösst einen Knaben zur Seite, packt einen anderen am Arm, stolpert, fällt, springt wieder auf und stürzt vorwärts, bis er dicht vor Meyer steht. Dann richtet er sich in die Höhe und speit ihm zweimal ins Gesicht. Es wird totenstill auf dem Platze. Die Knaben stehen unbeweglich, gleich Statuen... der eine gebückt, die Hände ausgestreckt, um einen neuen Schneeball zu formen, der andere — mit krummem Rücken, den Kopf zwischen den Schultern und beide Hände um einen Schneeball gepresst, ein dritter — nach hinten gebeugt, die Arme zum Wurf erhoben ... alle mit offenem Munde, angehaltenem Atem und starr auf den Judenknaben gerichteten Blicken. Dann fallen die Schneebälle lautlos zur Erde. Die Jungen stürzen sich, wie auf Kommando, auf Meyer. Ein halbes Dutzend geballter Fäuste fährt ihm ins Gesicht. »Du rührst ihn nicht an, Mever...!Ä In der Schule wird klirrend ein Fensier aufgestossen. „Plagt euch der Teufel?... Wollt ihr wohl gleich Ruhe halten?!" Zwei Minuten später spielen die Jungen, als wäre nichts vorgefallen. Auf der Bank sitzt der kleine Judenknabe. Er hat sein Butterbrot aufgehoben, isst gierig, wischt von Zeit zu Zeit mit dem Handrücken das Blut vom Gesicht und glotzt kauend zur Dachtraufe empor. „Jugend". Der schwimmende Ast. Nach M. J. Lebensohn. Es brauset das Meer Und rauscht ohne Rast, Auf seinen Gewässern, Da schwimmet ein Ast. * * * — „O, grünendes Aestlein, So wunderlich mild, Warum schwimmst du auf Wassern, Die brausen so wild? Macht Sturm und Wind, Mein grünendes Kind, Macht's dich nicht feig? Die rauschenden Wellen, Sieh', sie zerschellen Dein grünes Gezweig! O, nimm dich in Acht, Mein grünendes Kind, In finsterer Nacht, In Sturm und Wind!''1 * * * „Auf grünendem Baum, Dort war mein Raum, Wo einst ich gewohnt Und friedlich gethront. Da kam eine Nacht Mit furchtbarem Grauen, Da ward vor der Zeit Ich plötzlich gehauen. Und Winde, sie stürmen > Und Wogen sich türmen, Ein furchtbares Wetter Und brausende Wellen, Ach, grausam zerschellen Die grünenden Blätter!" — Samuel Meiscls* Heitere Ecke, Von Seren'ssimus, „Wie heisst denn dieser schöne Stern?" fragt Serenissimus abends seinen Adjutanten. „Das ist der Morgenstern." „Ah, ah, sehr hübsch, schade, dass er so einen jüdischen Namen hat." * Eine bibelfeste Jüdin. Bei einer Veranstaltung für die Armen verkauft eine junge, schöne Jüdin zu wohltätigem Zwecke Champagner. Sporenklirrend nähert sich ihr ein Lieutenant, betrachtet sie minutenlang durch sein Monocle und näselt endlich: „Aeh, mir auch ein Glas, schöne Sarah!" Darauf bekommt er die schlagende Antwort: „Sie irren, Herr Lieutenant; die die Kamele getränkt hat, hiess Rebekka."

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