Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-01-09 · 2 (9.1.1903) · p. 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
2 (9.1.1903)
Article
Die Ausbeuter der Judenstadt New-Yorks
Date
1903-01-09
Page
13 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316017-3327674--36808-3327769
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

#M Me'&t-WdV Seite 13 lieh höhere Stufe, um nicht zu sagen, die höchste Stufe, dar, die der eingewanderte Jude in Jewtown erreichen kann. Und es ist von Interesse, zu zeigen, wie dieses höchste Ziel einer selbständigen Existenz aussieht, um dessentwillen die zahllosen Auswanderer aus Europa hinüberwallen. Die Sweaters sind vornehmlich die Fabrikanten billiger Kleidungsstucke. Diese werden teils in grösseren, teils in kleineren Betrieben gearbeitet, oft in der Weise, dass die Fabrik, welche die Lieferung bekommt, nur das Zuschneiden und die Vorarbeiten besorgt, während die weiteren Arbeiten bis zur Vollendung den kleineren Sweater-Betrieben übergeben werden. Die Arbeit wird nach Stücken gezählt, was die Fabriksarbeiter häufig veranlasst, Waren zum Ausfertigen nach Hause zu nehmen, um ihr Einkommen zu erhöhen, unbeschadet dessen, dass sie vielleicht schon 14 Stuuden ohne Unterbrechung tätig waren. Die Gesetze bestimmen zwar eine zehnstündige Arbeitszeit für die Fabriken und 9 Uhr als die Stunde, wo spätestens geschlossen werden darf, sie setzen mindestens 45 Minuten für die Mittagszeit fest und verbieten, dass Kinder unter 14 Jahren zur betriebsmässigen Arbeit verwendet werden* Die eherne Not aber macht das Gesetz zum toten Buchstaben. Jedes Kind, das einen Faden ziehen kann, arbeitet, es gibt keine Mittagsstunde, alle essen, während sie arbeiten, und der Tag wird an beiden Enden in die Nacht verlängert. Man hat dem Sweater, dem Ausbeuter, der sich von dem Schweisse seiner Brüder nährt, viel Hartes nachgesagt, weil er die Arbeit dem Hungernden vorenthält, um sie ihm später gegen einen noch geringeren Lohn doch zu geben, weil er Unmenschliches fordert. Das kann aber nur das System treffen, das ihn aus nacktem Selbsterhaltungstrieb zwingt, so unglaublich auszubeuten. Der Sweater ist nur ein Arbeiter — nicht schlechter als die Verhältnisse, die ihn schufen — der sich von anderen Kameraden dadurch unterscheidet, dass er etwas Englisch kann, genug, um mit dem Grossunternehmer wegen Uebernahme der Arbeit verhandeln zu können — oft fehlt ihm aber auch diese Voraussetzung — und der im glücklichen Besitze von zwei oder drei Maschinen ist oder genügenden Kredit hat, sie zu mieten. Arbeiter, die er mit seinem Hungerlohne noch beglückt, bekommt er im Ueberflusse, Jedes Schiff bringt ihm vom alten, noterfüllten leichtgläubigen Europa solche herüber. Und sie strömen zu den Sweaters, bieten ihre Arbeit zu jedem Preise an, was die Arbeitgeber — namentlich so lange die Neuangekommenen noch »Lehrlinge" sind, weidlich ausnützen. Verdienen diese aber einmal 5 oder 6 Gents bei einem Dutzend Hosen, so erwacht auch schon der brennende Trieb, Penny um Penny wegzulegen, damit dieses Ausgesaugt- und Getreten werden, diese blutige Abhängigkeit aufhöre; der Arbeiter stöhnt, dass ein anderer von seinem Schweisse lebt, und bei* nächster Gelegenheit wird er selbst ein Sweater, der seine Vergangenheit rächt, indem er noch schlechtere Löhne zahlt, noch mehr ausbeutet. Diese „Unternehmer" arbeiten natürlich jetzt womöglich noch mehr als früher, aber — sie sind selbständig geworden! In einem Zimmer, das mit Kleidern angefüllt ist, nähen fünf Männer, eine Frau, zwei Mädchen, die noch nicht fünf zehn Jahre alt sind, und ein kleiner Knabe. Sie bringen 120 paar Hosen in der Woche zustande, für welche der Fabrikant 70 Cents per Dutzend bezahlt. Sie arbeiten vom Morgengrauen bis nach 9 Uhr abends. Die Familie lebt — wie die meisten in Jewtown — hauptsächlich von Brot und rohem Gemüse, 4oeh sie erspart im Monate 25—30 Dollars, Manche gedeihen bei solchem Leben, sehr viele aber gehen augrunde und sterben bald. Das sind die „glücklicherenK Existenzen. Andere Sweaters aber, die dem Ausfertiger, dem Bügler, dem Knopflochmacher etc. zahlen müssen, fcei denen die halbe oder ganze Familie schon krank ist, die hören auf, zu den beneideten Individuen zu zählen. Aus dieser Gruppe gehen die Anarchisten, die Aufwiegler hervor, die die Schuld der Gesellschaft, der Gesamtheit zuschieben, die alles zu zerstören bereit sind, weil sie zu physischen und seelischen Bankerotteren geworden sind, trotz ehrlichster angestrengtester Arbeit, trotz des übermenschlichsten Ringens um eine bürgerliche Existenz in dieser Gesellschaft. Die einzige Möglichkeit einer Besserung dieser Zustände wäre Bildung, vor allem das Erlernen der fremden Landessprache. Das würde bald zur Korpolationsbildung der Unterdrückten — wie in allen Ländern — führen. Ansätze hierzu sind wohl auch in Jewtown vorhanden, so lange aber Bigotterie und Unwissenheit die Geister der East-Side beherrschen, so lange wird auch der eiserne Griff der Sweaters nicht abgeschüttelt werden. Dieser weiss, dass sein grösster Feind die erwachende Intelligenz ist und er unterdrückt jedes Symptom derselben, er verhindert jede Bildungsmöglichkeit, vor allen durch die immense Arbeitszeit und durch das Aussaugen der letzten freien Kräfte. Das aber wird und kann er uns so lange tun, jlIs der Osten Europas ihm stets neue Scharen von Menschen bringt, die glücklich sind, ausgebeutet zu -werden. Darum ist es die Pflicht derer, die jüdisch iühlen, die Unglücklichen und Gedrückten unseres Ostens aufzuklären, was drüben ihrer wartet und -welch traurige Folgen jeder neue Zuzug aus Galizien, Eussland und Rumänien für die bereits Ansässigen, -wie für die Ankömmlinge selbst hat. Auswandern sollen nur diejenigen, welche für den Existenzkampf gewappnet sind, die ein Handwerk kennen und irgendwelche Sprachenkenntnisse besitzen, Haben wir einmal ein Emigrationsamt, wie Davis T r i e t s c h*) es vorschlägt, wird es auch möglich sein, dem Auswanderer mit Rat und Tat an die Hand zu gehen, ihn zu orientieren und so vor vielem Elend zu he wahren, das nur durch das planlose, unvorbereitete, »überstürzte Auswandern entsteht. Noch ist der Zionismus nicht in der Lage, der Emigration ein bestimmtes Ziel zu weisen. Wer aber das Schicksal derer kennt, die wandern müssen, die dem Untergange geweiht sind, weil sie in der Fremde wie daheim die Ueberschüssigen sind, der wird die gewaltige ökonomische Mission des Zionismus verstehen; die nationalen und ethischen Ideale sollen uns auch die wirtschaftliche Befreiung unseres Volkes bringen! Mitteilungen des österreichischen Landes-Komitees. Die Sitzungen des Landes-Komitees finden jeden Montag im Kongressbureau statt. Zur selben Zeit sind fiiie Mitglieder ebendort zu sprechen. — Briefe an das ZLandes-Komitee sind an den Sekretär Adolf Po Hak, IX-, Türkenstrasse 9, Geldsendungen an den Kassier Dr. Hugo Benedikt, L, Tiefer Graben 33, zu richten. Die Herren Dr. Egon Zweig und Egon Lederer sind für längere Zeit beurlaubt. Gegenstände der letzten Verhandlung waren: Agitation, Kolportage und Propaganda. Darüber wurden Beschlüsse gefasst, deren Ausführung dem Distrikts-Komitee iibertragen wurde. H *) S. Art. Emigrationsfrage in Nr. 1 der „Welt*4.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.