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Die Welt · 1903-01-09 · 2 (9.1.1903) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
2 (9.1.1903)
Article
Nikolaj Chazkelewitsch
Date
1903-01-09
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 „Die # Welt" ^■Nr.-2 heisse; zweitens, erlauben Sie die Frage, sind denn Ihrer j£ gefolgt wäre? Es gab auch anlässlich unserer Taufe eine A__-* .1,1___T_ ill. XT« lll» J_-_ ______l_J.>m '„______ TS_« „ TV-_ T"»__.1 _ —i.__! TA ____ J '____A „ 1 * _ - •__ Ansicht nach alle Nichtjuden verrückte* „Mit den Nichtjuden hast du dich gar nicht zu vergleichen." „Warum denn?" „Weil die Christen an das Kreuz glauben. Glaubst du etwa an die Religion der Christen?a „Ja, ich glaube, und warum sollte ich auch nicht glauben? Warum sollte ich nicht glauben, wenn ich einmal Christ geworden bin?" Und die kleinen Aeuglein von Schlemka lächelten rätselhaft und ironisch. „Schlemka, ich bin doch ein alter Spatz, mich wirst du nicht so leicht hintergehen," sagte ich. „Habe ich denn die Absicht, Sie irgendwie zu betrügen?* entgegnete Schlemka in demselben rätselhaften Tone. »Gott möge mich davor hüten. Sie fragen mich, ob ich aus Ueberzeugung meinen Glauben gewechselt habe, ich antwortete Ihnen, ja, aus Ueberzeugung. Und wahrlich, ich glaube. Ich bin aufrichtig davon überzeugt, dass nunmehr kein einziger Teufel es wagen würde, mich aus Petersburg zu verjagen, dass kein einziger Polizeiaufseher nunmehr das Recht besitze, seine Nase in meine Angelegenheiten zu stecken, mich zu verfolgen und Interesse dafür zu bekunden, wohin und weshalb ich gehe, was ich tue etc." „Das ist nicht gut, Schlemka." „Was ist nicht gut?" „In Glaubenssachen zu betrügen." „Nicht ich trage Schuld daran." „Wer denn also? „Die Umstände, welche dazu nötigen.44 „Wer nötigt dich denn? Niemand hat dich in die Kirche geschleppt." „In die Kirche hat mich wirklich niemand geschleppt, dafür aber nach dem Polizeiamte und sogar sehr häufig; und ich wusste, dass, falls ich in die Kirche gehen würde,-p nichts einwenden, ich vor dem Polizeiamte Ruhe haben würde. Und wenn die Menschen nicht betrogen sein wollen, so müssen sie es einrichten, dass es keinen Unterschied gebe zwischen dem, welcher in die Kirche geht und dem, der die Synagoge besucht, dann wird niemand jemanden betrügen.0 „Und der jüdische Gott? Du glaubst doch ati Gott?" „Freilich glaube ich, wer wird denn an Gott nicht glauben?* »Also, wie rechtfertigst du deinen Schritt?1* „Gott kennt die Gedanken und die Empfindungen eines jeden Menschen. Er weiss, dass'ich es tat, nicht deshalb, weil ich ihn beleidigen und seine Gebote verhöhnen wollte, sondern deshalb, weil ich die Möglichkeit haben wollte, meine mir von Gott gegebenen Kinder ernähren zu können. Freilich, schön ist es nicht, und ich bin doch kein Held, sondern ein ganz kleiner und gewöhnlicher Mensch. Und Gott selbst kann von mir nicht verlangen, dass ich mein Lebenlang, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute nichts anderes tun soll, als den Helden zu spielen, Heldentaten zu vollbringen. Wir Juden hatten viele Märtyrer, welche für ihren Glauben den Märtyrertod auf dem Scheiterhaufen erlitten, aber sie taten dies nur ein einzigesmal im Leben. Und es ist sehr möglich, dass ich auch imstande wäre, einmal im Leben ein Held zu sein und den Weg zum Scheitel häufen anzutreten. Aber sein Lebenlang auf dem Scheiterhaufen zu stehen und langsam gebraten zu werden — das kann nicht jedermann.* Und Schlemka liess das Haupt sinken und verfiel in Schweigen. Auch ich schwieg. „Und was haben Sie mit Ihrer Familie gemacht?" frug ich nach einigem Stillschweigen. „Mit meiner Familie?" wiederholte Schlemka, wie aus einem Traume erwachend. „Auch sie habe ich auf den neuen Weg mitgenommen. Welchen Sinn hätte es, wenn sie meinem Beispiele nicht grosse Feier. Der Priester hielt aus diesem Anlasse eine sehr gute Predigt, so dass sogar die Zeitungen sich damit beschäftigt haben. Als Taufpaten fungierten reiche Kaufleute. Und jetzt werde ich mir ein Schild anschaffen und ordentlich zu arbeiten beginnen. Sagen Sie mir gütigst, ist Ihnen vielleicht der ungefähre Wert dieses Kreuzes bekannt?" „Nein, ich kenne den Wert nicht. Aber wozu willst du das wissen? Willst du das Kreuz verkaufen? „Sehauen Sie, ich besitze jetzt sieben Kreuze aus Gold. Für mich, der so arm ist, bildet es einen Reichtum. Und niemand kann mir Vorwürfe machen, wenn wir die Goldkreuze nicht tragen werden, umsomehr, als die Apostel selbst sehr wenig Gold bei sich hatten." „Das ist richtig, Schlemka, das Christentum liegt nicht im Gold." „Aber warum hören Sie nicht auf, mich Schlemka zu nennen?" fragte er lächelnd. „Entschuldige gütigst, aber ich kann mich noch immer an deinen neuen Namen nicht gewöhnen." „Mir selbst erscheint mein neuer Name noch immer fremdartig. Nun sagen Sie selbst, was für ein Nikolaj bin ich? Gibt es denn Nikolajs und Iwans, die mir ähnlich sehen?" Bei diesen Worten drehte er sich einigemal« um, als ob er zeigen wollte, dass solche Nikolajs nicht existieren können. „Aber sage mir gütigst/* frug ichihfi, „warum nennst du dich Chazkelewitsch?" „Wie denn sollte ich mich nennen, da ntiöih Vater Chazkel hidss?« „Richtig, aber du hast dich doch taufen lassen." „Das entspricht vollkommen der Wahrheit, aber getauft bin ich worden, nicht aber tnein Vater, folglich muss ich mich Chazkelewitsch neimen.* Dagegen konnteich H. 1 Ungefähr zwei Jahre waren seit dieser Unterredung mit Schlemka verstrichen. Ich sah ihn nicht mehr, vergass ihn beinahe völlig. Ich vernahm zwar, dass Sohlemkas Lage sich in letzter Zeit günstiger gestaltet habe, ihn selbst aber bekam ich nicht zu Gesicht, Plötzlich, das war im Herbst, erschien Schlemka bei mir, um, wie er sagte, nach Reparaturen zu fragen, m Wahrheit aber, um, wie der Leser bald sehen wird, mit mir eine sehr heikle Frage zu besprechen. (Fortsetzung folgt.) ^oHs^i^tscbaftlicbep ^eil. Die Ausbeuter der Judenstadt New-Yorks. Von Alfred Weissberger. Jacob A. Riis ist ein trefflicher Schilderer des New-Yorker Proletarierlebens. Begleitet von einem Freunde, der in diesem Milieu zu Hause ist, der die Sitten und Gebräuche des Bezirkes kennt, dabei von einer seltenen Objektivität und Vorurteilslosigkeit, gelingt es ihm, aus der Unmasse von Elend und Sehmutz die charakteristischen Bilder herauszuschälen und die Verhältnisse so lebhaft zu schildern und durch zahlreiche Daten zu illustrieren, dass wir einen starken und ergreifenden Eindruck derselben empfangen. Er widmet in seinem Werke „How the other half livesu*) den „Sweaters of Jewtown" ein besonderes Kapitel; stellt der Beruf des „Sweaters" doch die wirtschaft- *) dorado* Art. v. Nr. 50 12. Dezember: „Das amerikanische Eider „Welt".

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