Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 2 (9.1.1903)
- Article
- Glasgow [Nachricht]
- Date
- 1903-01-09
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 „Die £ Welt4* Seite 11 Sammlung wurde mit Absingung hebräischer Mionalgesänge eingeleitet, welche ein eigens gebildeter Chor unter Leitung Mr;k P. Sop'h e rs sehr gut exekutierte. Mr; J. C o w e n führte äus, dass es zwei Wege zur Lösung der Judenfrage gebe: entweder durch Abwarten besserer Zeiten oder durch Abfall vom Judentum. Vielleicht würden toiessere Zeiten kommen, aber das wird Jahrhunderte wahrem- Und da das Volk den zweiten Weg nicht einschlagen will und den ersten nicht abwarten kann, da es inzwischen zugrunde gehe, so bleibt nur der Zionismus als einziger Ausweg. Die Bewegung mache sichtbare und greifbare Fortschritte. So könne Redner offiziell mitteilen, dass in Montreal in Canada sämtlichejüdisch en Wo h 11 ä t igkeits- Institutionen mit mehr als 700 Mitgliedern sich korporativ der Bewegung an geschlossen haben* Das Gleiche war in Winnipeg 4er Fall. Mr. Harr/ Baker stellte den Antrag, dem Lw-dmayor von London Dank und Anerkennung für seine münaiiche jüdische Haltung gegenüber dem rumänischen (Ses&ndten auszusprechen. Dieser Antrag wurde von dem cBir ist liehen Zionisten Mr. G. Wilson untei stützt und dm stimmig angenommen, ebenso wie eine Resolution, welche die Zustimmung zur zionistischen Bewegung aussprächt« Bradford. Rabbiner Rev. Dr. S traue.» hat kürzlich kn verschiedenen Orten über den Zionismus gesprochen. In ruhiger Weise arbeitet dieser Geskaiaiiiigsgeuosse für das Wohl unserer grossen Sache. Aiteri. vor christlichen Zuhörern hat er über Zionismus gesprochen und der Beifall, der ihm wurde, war ein sehr starker. Schweiz. Zürich. Die zionistische Ortsgruppe Sirich hat im Oktober die Arbeit wieder aufgenommen. In der Generalversammlung im Oktober wurden der Voratarad und die Revisoren gewählt. Es wurde gewählt zum Präsidenten Dr. F ar b s t e i n, als übrige Vorstandsmitglbier die Herren Dr. S t r a u s s, Dr. Pinczower, techn. ehem. Fr. Brunschwig, M. Färber, Ch. S. Ciss, \Jm ß. Sanft, als Revisoren die Herren Hein und Goittlieb. Am 22. November fand im grossen Saale des »EEotel Central" eine Vereins Versammlung statt. Es sprach dort Herr Davis Tri et seh aus Berlin über „Jüdische Kolonisation in Palästina und im Orient". Dieser Versammlung wohnten zirka 25Ö Besucher bei. — Am 27. Dezember (am 4. Chanukah-Abend) wurde in den Uebumg&sälen der Tonhalle die Makkabäer-Feier abgehalten. Im abgelaufenen Berichtsjahre hatte die Zionistisch« Ortsgruppe neun Versammlungen, daneben eine Makkaboaer- und eine . Lagb'omer-Feier. Fast jede Versammlung war mit einem Vortrage verbunden. Es sprachen die Herren Jhtm Pazmanik, Dr. Pinczower, Dr. Littmann, T*. S t r a u s s, S a 1 k i n d, Dr. Farbstein und Fräulein Dr. Steinb e r g. — Die Ortsgruppe will auch nächstens «eine Lesehalle begründen. Feuilleton. (NftcUimcl verboten.) Nikolaj Chazkelewitsch. Aus demLeben der Juden inP et «e reburg. Von K. Pruschanskij. Frei nach dem Russischen von N. Waiit. I. Schlemka war schrecklich, unglaublich arm. Er wohnte in meiner Nachbarschaft, in einem feuchten und kalten Keller. Aus Neugierde besuchte ich einmal seine Wohnstätte und der Anblick dieses Schlupfrimkels erfüllte mich mit Schrecken. In diesem schmutzigejt und feuchten Schlupfwinkel wohnte Schlemka mit einem ganzen Haufen von Kindern, deren blosser Anblick berecBi sagte, dass Nahrung für sie ein Ereignis von grosser Selenheit bildete. Schlemkas Ehegattin, eine hochaufgeschossene, hagere Jüdin von krankhaftem Aussehen, glich einem Schattin: sie sprach und bewegte sich teilnahmslos, automatisch." Sie machte den Eindruck einer Frau, die vom Leben nichts mieehr erwartete, der alles, entschieden alles vollkommen gli»ichgütig ist. Von Beruf war Schlemka Schuhmacher. Nach vielen Hungerjahren in einem entlegenen Städtchen des Nordwestgebietes kam Schlemka, weiss Gott mit welchen Mitteln, nach Petersburg, wo er hoffte, nicht mehr hungern zu müssen. Seine Hoffnungen gingen jedoch nicht in Erfüllung. Bereits drei Jahre befand er sich in Petersburg und dennoch vermochte er nicht einmal so viel zu erübrigen, um sich ein Schild anzuschaffen. Zwei aus Papier geschnittene Stiefeln waren an den Fensterscheiben angebracht, um den Vorübergehenden den Charakter des hier wohnenden Handwerkers zu bezeichnen. Gesellen oder Gehilfen hatte er keine, sondern arbeitete allein. Infolge grosser Armut war Schlemka gezwungen, sich ausschliesslich auf Flickarbeiten zu verlegen, aber auch darin hatte er kein Glück. Seine Notlage nahm an Schärfe immer zu. Das ging sogar daraus hervor, dass er bei jedem Besuche immer dieselbe Frage an mich zu richten pflegte: „Hört man vom Messias noch immer nichts? Schickt er sich noch immer nicht an, zu kommen?ö Und fragte ich ihn, warum ihn diese Frage so sehr interessiere, so entgegnete er: „Wie soll es mich nicht interessieren? Uns Juden geht es ohne Messias schon zu schlecht. Und es wäre Zeit, wenn er sich unserer erinnern wollte." „Aber wodurch eigentlich geht es dir schlechter als jedem anderen Handwerker?" befragte ich ihn absichtlich; „auch nicht allen Christen ist das Leben süss." »Nicht süss, aber sie leben doch, während wir Juden kaum leben," entgegnete Schlemka. „Uns lässt man einfach nicht leben." „Aber du lebst doch immerhin!" „O, gesund sollen Sie sein, welch ein Leben ist es! Da stehe ich hier und spreche mit Ihnen, während in diesem Augenblicke der Polizeiaufseher bei mir vielleicht erschien und, mich zu Hause nicht antreffend, die Anzeige erstattete, dasb ich mein Handwerk nicht ausübe. Und im Nu wird meinem Leben ein Ende gemacht, weil ich als jüdischer Handwerker, der sein Handwerk nicht ausübt, das Wohnrecht in Petersburg verliere und der Ausweisung unterliege. Ist denn das ein Leben? Nein, Strafarbeit in den Blei werken ist es, aber kein Leben. Nein, ohne Messias geht es uns Juden sehr schlecht." „Und glaubst du, dass du nach Ankunft des Messias von dem Polizeiaufseher nichts mehr zu fürchten hättest?" frug ich Schlemka lächelnd. „Dann ♦ . lächelte auch Schlemka, „dann werde ich selbst Polizeiaufseher sein. Und glauben Sie mir, es ist viel besser, Polizeiaufseher als Schuhmacher zu sein.** Und dieser Schlemka kam eines Tages zu mir und sagte schelmisch lächend: „Sie können mir gratulieren!" „Wozu denn?" „Wozu? Ich bin jetzt Gottlob nicht mehr ein Saujude, sondern ein rechtgläubiger Christ/ Verstohlen warf ich einen Blick auf die kleine, abgemagerte Figur von Schlemka, auf das rätselhafte Lächeln, welches sein Gesichtchen mit dem dünnen, spitzigen Barte überzog und sagte gleichgiltig: „Geh, Schlemka, höre auf, mieh anzuplauschen!" „Anzuplauschen!" wiederholte Schlemka mit kreischender Stimme. „Sie glauben also, dass ich lüge? Und was ist das?" und bei diesen Worten zog er aus der Brusttasche ein kleines Kreuz aus Gold und zeigte es mir her«, „Was also ist das?* wiederholte Schlemka nach kurzer Pause. „Dubist, Schlemka, verrückt geworden!" rief ich unwillkürlich beim Anblicke des goldenen Kreuzes. „Erstens erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, dass ich nicht mehr Schlemka, sondern Nikolaj Chazkelewitsch