Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 2 (9.1.1903)
- Article
- Lemberg / B.
- Date
- 1903-01-09
- Page
- 7 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 2 „Die £ Welt" Seite 7 Oesterreich-Ungarn. Lemberg. Auf den letzten Kongressen zur Bekämpfung des Mädchenhandels in London (1899) und Frankfurt a. M. (1902) wurde die erschreckende Tatsache hervorgehoben, dass sich das Hauptkontingent an lebender Ware aus Galizien rekrutiere. Die Töchter der jüdischen Paupers in Galizien decken mit einen Teil des Dirnenbedarfs der Welt. Ihre oft blendende Rassenschönheit, die von der Not erzwungene grosse moralische Verderbtheit und das unsagbare Elend ihres Milieus erleichtern hier den Händlern ihre skrupellose Tätigkeit. Eine Hilfsaktion in grösserem Stile, die in erster Linie prophylaktische Massregeln zu ergreifen haben wird, ist nun von massgebender Seite für die nächste Zeit geplant. Insbesondere wurde die Schaffung von Dienstbotenschulen für mittellose jüdische Mädchen nach deutschem und englischem Muster ins Auge gefasst. Die dankenswerte Initiative hiezu gab unser Gesinnungsgenosse Dr. Wald mann, der nächstens in dieser Angelegenheit einen grossen Diskussionsabend veranstaltet, an dem sich auch die Vertrauensmänner der bedeutendsten Vereine zur Bekämpfung des Mädchenhandels offiziell beteiligen werden. Ueber der Verlauf dieses Abends werden wir eingehenden Bericht erstatten. B. Czernowitz. (Anerkennung der jüdischen Nationalität.) Behufs Anerkennung der jüdischen Nationalität an den österreichischen Universitäten führen die jüdischen Studentenverbindungen jetzt eine gemeinsame Aktion durch. Samstag den 27. Dezember 1902 sprach in dieser Frage eine Deputation der jüdisch-nationalenakademischen Verbindung „Zephirah" beim Rektor der hiesigen Universität Dr. Scharitzer vor und bat um die Erlaubnis, in dieser Angelegenheit eine Studenten Versammlung in der Universität abhalten zu dürfen. Pie Deputation präzisierte ihre Forderungen dahin, dass von nun an in allen Amtspapieren, insbesondere im Nationale und den statistischen Ausweisen, die Nationalität der Hörer zum Ausdrucke komme. Damit verband die Deputation die spezielle Forderung der Czernowitzer jüdischen Studentenschaft, dass an den jüdischen Feiertagen keine Vorlesung abgehalten werde. Der Rektor anerkannte sofort die vollste Berechtigung dieser Forderungen, erklärte aber, dass er selbst die gewünschten Verfügungen zu treffen nicht berechtigt sei, ersuchte, die Angelegenheit in geeigneter Weise dem akademischen Senate zu unterbreiten, und gab gleichzeitig zu bedenken, ob die Form des Memorandums nicht hinreichend wäre. Gegen die Abhaltung einer bezüglichen Versammlung habe er nichts einzuwenden. —r— Deutschland. Versammlung orthod; Rabbiner. Am Dienstag und Mittwoch tagte in Berlin im Bibliothekssaale des Rabbiner- Seminars die dritte Generalversammlung der Vereinigung traditionell gesetzestreuer Rabbiner Deutschlands. Den Vorsitz führte Dr. W. Feilchenfeld, Oberrabbiner zu Posen. Neben wichtigen Fragen der religiösen Praxis kam der Antrag Dr. Nobel, Leipzig, zur Verhandlung: Die Versammlung wollte in eine Besprechung der zionistischen Frage eintreten, insbesondere der Misrachi-Fraktion ihre Sympathie kundgeben. Es entwickelte sich eine lebhafte Debatte. Einige Herren standen auf durchaus ablehnendem Standpunkte, andere meinten, die Bewegung als solche könne nicht anders als sympathisch begrüsst werden, während es den einzelnen Rabbinern überlassen bleiben müsse, in Erwägung der lokalen Verhältnisse zu entscheiden, wie weit sie sich praktisch an der Förderung der Bewegung beteiligen könnten und wollten. Eine Resolution wurde nicht beschlossen. England. Das jüdische Herz. Eine kleine Episode, welche kürzlich bei einer bescheidenen Versammlung der „B'nei Zion-Association" in London sich abspielte, verdient festgehalten zu werden. Nach Schluss des Vortrages betrat eine Deputation der strikenden Penrhyn Staats-Steinbrucharbeiter den Saal und richtete an die Versammlung den Appell, für die unglücklichen Kinder dieser nichtjüdischen Arbeiter beizusteuern; und diese mühsam im Schweisse ihres Angesichtes ihr Brot verdienenden, armseligen Osk-End-Juden brachten ein für ihre Verhältnisse schon ansehnliche Summe sofort zustande. Die eingewanderten Juden sind so oft der unerbittlichsten Selbstsucht und des Stammesegoismus beschuldigt worden — hat aber eine Versammlung gleichsituierter englischer Arbeiter (wo gibt es aber gleichsituierte? allen geht es besser als den Juden) schon irgend jemals solche Opferwilligkeit für Juden betätigt? Nordamerika. Die Reformjuden und die BibeJ. Ein Mr. O. P. Fieeborn aus Milton - Wisconsin (Nordamerika), anscheümeBd ein Christ, richtete an den „American Israelite" einschreiben, worin er darauf hinwies, dass der Zionismus in ater Bibel seine Begründung finde. Darauf antwortete die IRedaktion des genannten zionsfeindlichen Blattes prompt und wörtlich wie folgt: „Wir Reformjuden glauben nicht an die buchstäbliche Erfüllung aller biblischen Prophezeiungen." W*1i-@bi<c>f>ik. Nationalfonds. Signora Elisa Ottolenghi, verwitwete de Benedetti, hat dem Advokaten Feiice Rareara in Ferrara als Mitglied des zionistischen Aktions-Komitees den Betrag von 1500 Lire für den Jüdischem Nationalfonds übermittelt. Für den gleichen Zweclc spendete Signor R. Ottolenghi, Bruder der ob genannten Dame, 500 Lire. Zur Nachahmung. Uns liegt eine Trauungsau zeige unserer Gesinnungsgenossen Fräulein Anna Schwarte und A. Faliek (Montreal, Kanada) vor, mit dem gedrückten Vermerk, dass statt jeder Kosten der Gratuktion ein entsprechender Betrag dem Nationalfonds ziugewendet werden möge. Eine Judenhetze In Oesterreich. In einer Ortschaft bei dem durch den Judenhass seiner Einwohner berühmten&aybusch drangen während des Gottesdienstes ungefähr ein Dutzend Burschen mit Peitschen und Stöcken in die Synagoge, prügelten die Beter, demolierten alles Erreichbare und gingen unbehelligt wieder davon. NachträglicL wurden ihrer einige eingesperrt. Ein helles Zeichen deer Volksstimmung jener Gegend! Aus Marokko. In dem Thronstreit,, der gegenwärtig in Marokko herrscht, entwickeln die kämpfenden Parteien ihre Tapferkeit vorderhand gegen unsere Brüder. Die Aufständischen haben, soviel bekannt wurde, bis jetzt 6 ludsn ersehlagen und die Machthaber haben die Juden vo:a Tanger ins Ghetto gesperrt „zur Sicherheit". Ob zur Sicherheit der Kriegskassa, wird nicht gemeldet. Jüdische Landwirtschaft in Deutschland. Der reichsdeutsche Verein zur F ö r d er ung der Bodenkultur unter den Juden hat in diesen Tagen seine Hauptversammlung abgehalten. Es bestehen jetzt 47 Ortsgruppen mit 14*00 Mitgliedern. Das Einkommen der Gesellschaft betrug im verflossenen Jahre .6800 Mark. Zur Propagierung <3er Idee wurde eine Bodenkultur-Gesellschaft m. b. H, gebildet, welche das Gut Neu ho f in Posen in Bewirtschaftung genommen hat. Dort werden schon vom 1. Jänneir 1903 an unter Leitung tüchtiger Fachmänner jüdische Eleven unterrichtet, welche die Landwirtschaft praktisch erlernen sollen. Im Winter werden die Schüler den Unterricht an der Ackerbauschule in Samt er besuchen. Die Juden im Boerenkriege. Wie jetzt amtlich festgestellt ist, haben im letzten (südafrikanischen) Kriege 12rjüdische Soldaten für Englands Ehre ihr Leben gelassen. ^Hbüi)e. In der Chanuka-Predigt unseres verehrten ESabfciners Herrn Dr. Taglicht benützte derselbe als Tli-ema die Worte Judas, des Makkabäers, die er zu einer Zeit der Bedrängnis an jeden seiner Glaubensgenossen richtete: Gehörst du zu uns oder zu unseren Gegnern", um sonach eine reine Scheidung zwischen den Angehörigen und den Abtrünnigen vorzunehmen. Herr Dr. Taglicht empfahl ferners, dass samah wir jetzt diese Frage stellen müssen angesichts der sich so sehr mehrenden Abtrünnigen, die eines Linsengerichtes oder einer Eitelkeit wegen den Jahrtausende alten Glauben verleugnen und beklagt es, dass die Tat Judas nicILt schon vor zwei Jahrzehnten bei uns vorgenommen wurde-. Diese Worte, dem treu jüdisch fühlenden Herzen entsprungen — bilden sie nicht schon lange die Forderung des Zionismus um eine „reine Scheidung" awisehen An gehörigen und Abtrünnigen!? Ich stelle di#e Frage: Wird die hierzu berufene Kultusvorstehung noch nicht zur Einsicht gelangen, dass wir ein überliefertes Rectal; haben, zu fordern, dass die Namen Abtrünniger gleich anderen Mitteilungen veröffentlicht werden oder wird diesellt)« auch